Obama 2.0: Neue Wahlkampf-Maßstäbe

Barack Obama definiert nicht nur Politik im 21. Jahrhundert neu. Er setzt auch neue Maßstäbe in der Nutzung des Internets. 300 Millionen Dollar an Wahlkampfgeldern bedeuten bereits jetzt einen neuen Spendenrekord.

Auf die größte Wahlkampfparty der Welt gelangt man nicht durch die Hintertür: Man surft auf www.barackobama.com, erledigt die Anmeldung in wenigen Sekunden und ist mittendrin. Von jetzt an erhält man täglich seine persönliche E-Mail von Barack mit persönlicher Anrede: „Dear Markus, as we get ready for the general election, we want to make sure everyone knows about all the opportunities to get involved in your community and online.“ Darauf folgen detaillierte Anweisungen, wie und wo man gleichgesinnte Aktivisten kennen lernen kann. Wie man eine Basisgruppe in der Nachbarschaft organisiert und sich die neuesten Informationen über den Wahlkampf und das Programm beschafft. Nicht fehlen darf natürlich auch die Aufforderung, diese Nachricht an möglichst viele Freunde und Bekannte weiterzuleiten. Eine Rezeptur zur Verbreiterung der Obama-Fangemeinde, die offenbar gerne verwendet wird. 1,3 Millionen Mitglieder zählt die Online-Community Obamas bereits, und sie wächst täglich.

Spendenrekord von 300 Millionen Dollar. Der US-Präsidentschaftskandidat der Demokraten, der am 4. November zum mächtigsten Mann der Welt gewählt werden will, hat die Netzwerkfunktion des Internets perfekt erkannt und benutzt sie wie kein anderer Politiker. Einerseits koordiniert Obama über das Netz die Kampagne mit seinen Anhängern an der Basis und deren freiwilligen Einsätzen als Wahlwerber. Vor allem aber verwendet Obama das Internet, um finanzielle Zuwendungen zu lukrieren, und bricht damit tatsächlich einen Spendenrekord nach dem anderen. Fast 300 Millionen Dollar hat Obama an privaten Spenden gesammelt, so viel wie kein Präsidentschaftskandidat vor ihm. Auch nicht seine demokratische Kontrahentin Hillary Clinton, die mit 220 Millio­nen Dollar ebenfalls eine respektable Summe aufstellen konnte. Aber nicht genug, um Obama aus dem Feld zu schlagen. Clintons ehemaliger Chefstratege Mark Penn schrieb vor wenigen Wochen in einem Artikel für die „New York Times“ über die Gründe für Obamas Sieg im demokratischen Vorwahlkampf: „Hillary ist nicht an Obamas Charisma, Rhetorik oder seinen inspirierenden Botschaften gescheitert, sondern an seinem Geld und seiner Organisation.“ Beides wichtige Faktoren, die ihn im November tatsächlich ins Weiße Haus bringen könnten.

Nach der Pflicht im Vorwahlkampf gegen Clinton wartet nun nämlich die Kür im Hauptwahlgang gegen den republikanischen Senator aus Arizona, den 72-jährigen John McCain. Das Wahlfinale soll beim viertägigen Parteitag der Demokraten kommende Woche (von Montag bis Donnerstag) in Denver endgültig eingeläutet werden. Dann wird Obama nicht nur offiziell als Kandidat der demokratischen Partei nominiert und seinen Kandidaten als Vizepräsidenten präsentieren. Obama wird dort vor 75.000 Menschen auch einmal mehr seine Visionen eines „neuen Amerikas und einer neuen Welt“ zum Besten geben und den verunsicherten US-Bürgern die Hoffnung auf Veränderung vermitteln. Der Politikberater Thomas Hofer hält genau diese Botschaften des 47-jährigen Senators aus Illinois für eine Vor­aussetzung für den Erfolg, den Obama gerade bei seiner begeisterten Fangemeinde im Internet hat: „Obama ist mit seinen Inhalten und seinem Charisma der ideale Kandidat für die junge Netzgemeinde. John McCain könnte das Internet niemals so für sich nutzen, wie es Obama kann.“

Ein Grund dafür könnte sein , dass Obama sein Image als dunkelhäutiger Außenseiter, der gegen etablierte Gegner in Washington antritt, kultiviert und damit eine engagierte Minderheit anspricht. Eine Minderheit, die sich von den Mainstream-Parteien ohnedies nicht gehört fühlt, aber mit dem Internet über ein mächtiges Kommunikationsmittel verfügt. Dabei schafft es Obama aber auch, Online-Welt mit klassischer politischer Basisarbeit zu verbinden. Ein Beispiel: Auf mybarackoba ma.com können sich Freiwillige melden, um Last-Minute-Telefonanrufe an Wähler durchzuführen. Nach der Anmeldung erhält man von der Wahlkampfzentrale eine Liste mit Telefonnummern und einen Gesprächsleitfaden, um sich als Aktivist zu betätigen.

Geld-Rausch im Netz. Diese kleinen Kampfschauplätze der Obama-Basisbewegung könnten im Rennen um das Weiße Haus zumindest mitentscheidend sein. Noch mehr aber sind es die sprudelnden Spendeneinnahmen Obamas, die den Republikanern Sorgen bereiten. Ihr Kandidat McCain muss sich nämlich derzeit mit einem vergleichsweise geringen Wahlkampfbudget von 81 Millionen Dollar begnügen. Obamas hohes Wahlkampfbudget ist vor allem deshalb bemerkenswert, weil er sich auf das Sammeln von Einzelspenden konzentriert und 95 Prozent seiner Unterstützer weniger als 200 Dollar spendeten. Dies steht ganz im Gegensatz zu McCain, der verstärkt auf Lobbyisten setzt und bei dem nur etwa 13 Prozent der Spender unter der 200-Dollar-Marke liegen. Insgesamt kommt Obama bisher auf sagenhafte zwei Millionen Spender. Auch das ein Rekord: Kein Präsidentschaftskandidat hat jemals zuvor derart viele Einzelspenden gesammelt. John McCain kommt auf nur 600.000 private Spender.

Obama 2.0. Abseits der Konzentration auf das Spendengeschäft ist auch die weitreichende Präsenz Obamas im Internet beeindruckend: So wurde das berühmte YouTube-Musikvideo „Yes we can“ von Rapper Will.I.am mittlerweile neun Millionen Mal angeklickt. Eine ebenso hohe Trefferquote weist der sexy Clip des „Obama Girls“ („Barack me tonight!“) auf. Aber Obama wird nicht nur verfeaturt, er schließt auch Hunderttausende „Freundschaften“ in den sozialen Web-2.0-Plattformen wie Facebook, MySpace, Flickr und Twitter. Diese Form der Interaktion mit der Basis ringt auch WAZ-Manager Andreas Rudas, der 1999 für die SPÖ einen Internet-Wahlkampf organisierte, Respekt ab: „Das Internet ist ein kritisches Medium, in dem man kommunizieren und mit der Community in Interaktion treten muss.“

Obama ist nicht der erste Präsidentschaftskandidat , der das Internet intensiv für seine Kampagne einsetzt. Bereits 2004 schaffte es der Demokrat Howard Dean, mit einer reinen Online-Wahlkampagne in sechs Monaten zum reichsten Kandidaten im Vorwahlkampf zu avancieren. Letztlich scheiterte Dean aber wegen eines verunglückten Auftritts bei einer TV-Wahlkampfrede und musste sich John Kerry geschlagen geben. Ob Sieg oder Niederlage, für den US-­Experten Thomas Hofer ist die Kampagne Obamas ­jedenfalls schlicht „revolutionär“: „In Zukunft werden sich alle US-Präsidentschaftskampagnen an diesem Internet-Wahlkampf Obamas orientieren. Egal, ob er gewinnt oder nicht.“

Von Markus Pühringer, Robert Schwab

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