Nobelpreisträger Robert J. Shiller: "Anzeichen einer Blase“

Nobelpreisträger Robert J. Shiller: "Anzeichen einer Blase“

Robert Shiller: "Es gibt eine neue Art von Pessimismus. Menschen haben Angst, in eine niedrigere Einkommensklasse abzurutschen."

Der Wirtschaftsnobelpreisträger Robert J. Shiller spricht im Exklusiv-Interview mit FORMAT-Redakteurin Martina Bachler über die Überbewertung der US-Aktienmärkte, Griechenland, China und den neuen Pessimismus.

FORMAT: Herr Shiller, Sie haben vor wenigen Wochen gesagt, Sie würden überlegen, in griechische Aktien zu investieren. Haben das griechische Referendum und die darauf folgenden Verhandlungen etwas an Ihrer Meinung geändert?

Robert J. Shiller: Nein, aber natürlich ist es ein sehr riskantes Investment. Natürlich haben griechische Unternehmen in der Krise gelitten, und ich kann nicht sagen, ich wüsste über all ihre Probleme Bescheid. Die Verhandlungen mit Griechenland konnte man aber auch als eine Art Spiel sehen und unterstellen, dass schlussendlich alles gutgehen wird.

Wird es das denn?
Shiller: Das ist mehr eine politische als eine ökonomische Frage. Ich glaube aber, dass es funktionieren wird. Als New York City 1975 de facto bankrott war, hielt der damalige Präsident Gerald Ford eine Rede, in der er ganz und gar nicht den Eindruck erweckte, als wollten die Vereinigten Staaten der Stadt New York finanziell helfen. Es kam zur berühmten "Daily News“-Schlagzeile: "Ford to City: drop dead“ ("Ford zur Stadt New York: fall tot um“, Anm.). Am Ende hat die Regierung aber eingegriffen, und das könnte auch für Europa und Griechenland gelten. Das Leid in Griechenland ist sehr groß, die jüngsten Berichte aus dem Land hören sich nach einem Desaster an.

Während die Eurozone nach wie vor mit Schwierigkeiten kämpft, sind die USA relativ gut aus der Krise gekommen. Was haben sie besser gemacht?
Shiller: Anders, als man es annehmen würde, haben die Amerikaner liberaler reagiert. Sie waren eher als die Europäer dazu bereit, die Regeln auszureizen, was ihre Schulden und auch den Einsatz der Zentralbank betrifft, um die Wirtschaft zu stabilisieren. Vielleicht hat das auch einen ideologischen Hintergrund: Vor allem Deutschland ist historisch bedingt extrem konservativ, wenn es darum geht, Schulden zu machen.

Die Aktienkurse in den USA sind stark gestiegen. Wächst da eine Spekulationsblase?
Shiller: Die jüngste Entwicklung weist Anzeichen einer Blase auf. Ich befrage regelmäßig institutionelle Investoren und wohlhabende Amerikaner und beobachte, dass sich in den vergangenen sechs Monaten das Gefühl verstärkt hat, dass der US-Aktienmarkt zu teuer wird. Die Menschen sind beunruhigt über die aktuellen Bewertungen. Es ist ähnlich, wie es im Jahr 2000 bei der New-Economy-Blase war: Man investiert in Aktien, obwohl man denkt, dass sie eigentlich schon überteuert sind. Andererseits ist es in den späten 1990er-Jahren lange so weitergegangen. Das ist das Problem mit Blasen: Niemand kann sagen, wann genau sie platzen. Und die Werte liegen heute noch lange nicht so hoch, wie sie es im Jahr 2000 taten. Es könnte also noch eine Zeitlang so weitergehen.


Es ist ähnlich wie im Jahr 2000. Man investiert in Aktien, obwohl man denkt, dass sie eigentlich schon überteuert sind.

Vergangene Woche gab es einen Kurssturz an den chinesischen Börsen. Hat das noch das Potenzial, andere Märkte anzustecken?
Shiller: China unterscheidet sich fundamental von anderen Aktienmärkten und ist mit diesen auch nicht eng verwoben...

Sie wurden mit dem im Jahr 2000 erschienen Buch "Irrationaler Überschwang“ zu den Aktienmärkten berühmt. Wenige Jahre später warnten Sie vor dem Immobilien-Crash in den USA. Jetzt erschien Ihr Buch in überarbeiteter, dritter Ausgabe. Was hat sich in den vergangenen 15 Jahren verändert?
Shiller: Die erste Ausgabe drehte sich um die Aktienmärkte, bei der zweiten nahm ich die Immobilienmärkte dazu und jetzt die Anleihenmärkte. Was dort passiert, ist ausgesprochen seltsam, und das schon seit fast einem Jahrzehnt: Menschen sind bereit, Geld zu verleihen und dafür fast überhaupt keine Zinsen zu bekommen, selbst für lange, also zehn, 20 oder 30 Jahre laufende, Anleihen. Das zeigt, dass sich in unseren Erwartungen etwas fundamental geändert hat, das manchmal "sekuläre Stagnation“ genannt wird oder "das neue Normal“.

Wir rechnen also nicht mehr mit exorbitant hohen Wachstumsraten und Renditen?
Shiller: Bisher hat sich diese Erwartungshaltung nicht stark auf die Wirtschaft ausgewirkt, aber auf die langfristigen Zinsen, die sogar niedriger als während der Großen Depression der 1930er-Jahre sind ...

Zur Person

Robert Shiller, 69, ist Professor für Wirtschaftswissenschaften an der US-Eliteuniversität Yale. Er beschäftigte sich unter anderem mit Aktienmärkten und dem Verhalten von Anlegern und sagte sowohl das Platzen der Internet-Blase 2000 als auch jenes der Immobilienblase 2007 voraus. Er entwickelte den Case-Shiller-Index, der als wichtigster Gradmesser für den US-Immobilienmarkt gilt. 2013 erhielt er gemeinsam mit Lars Peter Hansen und Eugene Farma den Wirtschaftsnobelpreis.

=> Lesen Sie das ganze Interview im FORMAT Nr. 29/30 2015
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