New York 2002: Weihnachten, fast normal

Christmas in New York. Den New Yorkern steht ein Fest voller Gegensätze bevor. Die Hoffnung auf ein wirtschaftliches Comeback mischt sich mit der Angst vor Krieg und weiterem Terror. Die Folgen von 9/11 sind längst nicht überwunden. Ein FORMAT-Report.

Judith Francis meidet Ground Zero, obwohl ihr Arbeitsplatz direkt davor liegt: Durch einen Seiteneingang betritt sie jeden Morgen das Bürohochhaus, ignoriert tagsüber die Aussicht aus dem 22. Stock auf die Baugrube am Areal der zerstörten Twin Towers und eilt am Abend zur Subway, ohne sich umzudrehen. Jetzt steht sie am frisch errichteten Zaun vor der Baugrube, hinter ihr ein Weihnachtsbaum, und binnen Minuten kullern Tränen über ihre Wangen. Aus dem 102. Stock des Südturms war sie am 11. September 2001 geflüchtet, der zweite Jumbo war zehn Stockwerke über ihr eingeschlagen. Wie das gleichzeitige „Trompeten Zehntausender Elefanten“ habe sich das angehört. 176 ihrer Arbeitskollegen von der AON Corporation starben beim Kollaps des Towers. Da saß die vierzigjährige Finanz-konsulentin bereits in einem Bus Richtung Norden.

Keine Entschädigung
Heute sind alle Symptome – Schock, Wut, Trauer, Angst – stark wie am ersten Tag, sie hat nur gelernt, besser damit umzugehen, „sie als Teil meines Lebens zu akzeptieren“. Wegen einer nicht heilenden Fußverletzung trägt sie orthopädische Schuhe, ihre mehrmals pro Woche wiederkehrenden Panikattacken bekämpft sie im Fitneß-studio. Wie viele WTC-Überlebende erhielt sie keinerlei finanzielle Kompensation, weil ihre psychischen Wunden nicht beweisbar scheinen. Vom Arbeitgeber wurde sie samt ihrer Gruppe gefeuert, weil die Umsätze nicht stimmten. „Die Jobsuche war ein Horror“, sagt sie, „die ganze Finanzbranche war schwer angeschlagen.“ Per Zufall fand sie eine Stelle als Karenzvertretung bei der Scotiabank. Im Frühjahr möchte sie nach Kalifornien übersiedeln, Unikurse absolvieren und einen Neustart als Katastrophenpsychologin versuchen. Denn anderen zu helfen lenkt sie am besten von der Vergangenheit ab. Am Heiligen Abend will sie bei der Heilsarmee Suppe ausschenken.

Schlimme Befürchtungen
Es wird heuer ein Weihnachtsfest voller Gegensätze in der Acht-Millionen-Einwohner-Metropole New York. Sechzehn Monate nach der schlimmsten Tragödie in der 338jährigen Stadtgeschichte, die 2.807 Todesopfer forderte, die mit 417 Metern höchsten Türme der Skyline zu Schutt machte, den ganzen Finanzbezirk rund um die Wall Street devastierte und 100 Milliarden Dollar Gesamtschaden verursachte, bereiten sich die New Yorker auf das erste halbwegs normale Weihnachten vor. Doch Zeichen der Normalisierung mischen sich nach wie vor mit Ängsten. Viele sehen New York gar in die düsteren siebziger Jahre zurücksinken, als in der de facto bankrotten Stadt in der Bronx Häuserblocks wegen Brandstiftungen in Flammen standen, oder in das Jahr 1990, als in der Stadt 2.246 Menschen ermordet wurden – so viele wie nie zuvor und auch nicht danach.

Bürgermeister Michael Bloomberg kämpft sechzehn Monate nach den Terroranschlägen des 11. September gegen ein Sechs-Milliarden-Dollar-Budgetloch und eine Arbeitslosenrate, die mit 7,8 Prozent deutlich über dem US-Schnitt von sechs Prozent liegt. Die Folgen spüren die Einwohner tagtäglich: weniger Cops, weniger Firefighters, langsamere Müllabfuhr und eine sinkende Anziehungskraft von New York als Wirtschaftszentrum.

Herbert Bauernebel, New York

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