'Nerven sparen, Bahn fahren'

Wer immer noch glaubt, die beste Verbindung zwischen zwei europäischen Metropolen sei das Flugzeug, der hat nicht aufgepasst. Sehr oft ist der Zug nicht nur die bequemere, sondern auch die schnellere Alternative.

Als erfahrener Vielreisender kennen Sie das alles: die feinen Lounges, die Ihnen so angenehm die Wartezeiten verkürzen helfen und Ihnen als temporärer Arbeitsplatz dienen, die silbernen und goldenen Frequent-Traveler-Karten, die Ihnen, dem Vielreisenden, allerlei Annehmlichkeiten, Vergüns­tigungen und Erleichterungen verschaffen, die engen Allianzen der Transport­unternehmen, die gemeinsam Zeitpläne erstellen, das Umsteigen vereinfachen und die Verbindungen harmonisieren, die gepflegten Einkaufsmöglichkeiten vor der Abreise – und dann natürlich die Businessklasse, die Ihnen das Reisen in einem angenehmen Ambiente ermöglicht, samt einem exklusiven Mahl, das Ihnen an den Platz gebracht wird.

Das alles ist Ihnen, der Sie ständig zwischend den europäischen Metropolen hin- und herflitzen, sehr wohl vertraut. Doch das ist noch nicht alles: keine unangenehmen Sicherheitskontrollen, kein Ausziehen der Schuhe, kein Abnehmen des Gürtels, kein transparentes Säckchen, in dem Sie Ihre Toilettenartikel durch die Gegend tragen, keine langen Wartezeiten, bis endlich Ihr Gepäck aufs Förderband gestellt wird – falls es auch wirklich kommt. Und keine langen Anreisen über verstopfte Straßen, bevor Sie endlich einchecken können. Das gibt es nicht, sagen Sie! Fliegen ist anders! Richtig. Wir reden auch nicht vom Fliegen, wir reden von der guten alten Bahn.

Zug in die Zukunft. „Die schnellen europäischen Züge, die nicht weit außerhalb, sondern mitten in den Stadtzentren landen, machen den Flugzeugen zunehmend Konkurrenz“, meldete kürzlich die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“. Und die Zeitschrift „Monocle“, das schicke Zentralorgan aller hippen Kosmopoliten und Jetsetter, ruft ein neues Zeitalter des Reisens aus, in dem der Businesstrip mit der Eisenbahn zunehmend an Bedeutung gewinnt. „Wir lieben Züge“, schreibt „Monocle“-Herausgeber und Trendguru Tyler Brule, „und wir wollen mehr davon.“ Für den Geschäftsreisenden ist es an der Zeit, eingefahrenere Gewohnheiten zu überdenken. Ist das Flugzeug tatsächlich das vernünftigste und schnellste Verkehrsmittel, um in Europa von einer Metropole in die andere zu kommen? Die Antwort lautet immer öfter: Nein! Europas Verkehrslandschaft ist tat­sächlich radikal im Umbruch. Bahngesellschaften wie die französiche SNCF, die Deutsche Bahn, der italienische Ferrovie dello stato und die spanische Renfe revolutionieren den Bahnverkehr. Das Netz der High-Speed-Verbindungen wird stetig enger gestrickt und miteinander verwoben; neue Generationen von Hochgeschwindigkeitszügen wie der französische AGV („Automotrice à grande vitesse“), der italienische TAV oder der spanische AVE ermöglichen immer kürzere Reisezeiten; es wird in Innenausstattungen investiert, die – je nach Wunsch – für entspannte Bequemlichkeit (inklusive LCD-Monitoren und komfortabler Bestuhlung) oder gute Arbeitsbedingungen (samt WLAN) sorgen sollen; neue Bahnhöfe werden gebaut, die von Star­architekten entworfen werden und die es in Sachen Design und Ausstattung mit den besten Flughäfen aufnehmen können, die schicke Lounges vor der Abreise anbieten, tolle Einkaufsmöglichkeiten und ein angenehmes Ambiente.

In Champagnerstimmung. Der eindrucksvollste dieser Bahnhöfe ist St. Pancras in London, der neue Kopfbahnhof des Eurostars, der die britische Hauptstadt mit London und Brüssel verbindet. St. Pancras beeindruckt nicht nur mit der längsten Champagner-Bar Europas, an der sich der schicke Reisende vor seinem Paris-Trip noch schnell mit einem Glas des edlen Getränkes in Stimmung bringen und dazu ein paar entzückende Häppchen verspeisen kann, er verfügt auch über sehr praktische Lounges in Loft-Ambiente für jene, die sich auf Meetings am Kontinent vorbereiten wollen, über gute Restaurants und über Shops, die mit jeder vornehmen Einkaufsstraße mithalten können.

Fahren statt fliegen. Fluggesellschaften wie die Air France, British Airways und die spanische Iberia spüren den Trend. So hat Air France schon längst seine innerfranzösischen Verbindungen deutlich heruntergefahren, weil immer mehr Passagiere von ihren Flugzeugen zum TGV abgewandert sind; nun hat die französische Fluglinie auch die Verbindungen zwischen Paris und London reduziert, weil die Flieger immer öfter leer geblieben sind und die wertvollen Slots am Flughafen London-Heathrow für Transatlantikflüge gewinnbringender zu nutzen sind. Denn trotz heftiger Konkurrenz kann der Eurostar auf der Strecke London–Paris für sich einen Anteil von 70 Prozent der Passagiere verbuchen.

Ähnlich verläuft die Entwicklung in Spanien. Auch hier verlieren die nationalen Fluglinien Iberia und Spanair massiv Kunden. War das Verhältnis auf der populären Strecke zwischen Madrid und Sevilla vor dem Start der schnellen AVE-Verbindung noch 67 zu 33 Prozent zu­gunsten des Flugzeugs, so nehmen nun mehr als 80 Prozent den Zug. Und ­Thalys, das Gemeinschaftsunternehmen der Bahngesellschaften aus Frankreich, Belgien und Deutschland, hat im inter­nationalen Verkehr zwischen diesen Ländern einen Anteil von 45 Prozent.

Verstärkt wird dieser Trend in Richtung Bahn auch von anderen sehr aktuellen Faktoren wie der Klimadebatte, dem steigenden Erdöl- und Benzinpreis, ei­nem Umweltbewusstsein und einer im­mer­ stärker spürbaren Entwicklung in Richtung „Grünes Reisen“. So erlebt auch ein altes Bahnkonzept beim Bemühen, Business-Class-Kunden für den Zug zu gewinnen, eine Renaissance: der Schlafwagen. Die City Night Line der deutschen Bahn verbindet 160 Städte in neun Staaten. Die Überlegung ist einfach: Wer will schon mitten in der Nacht aus dem Bett steigen und um fünf Uhr morgens am Flughafen stehen, um den ersten Flieger in eine andere europäische Metropole zu erreichen, und dann den ganzen Tag über schlaftrunken durch die Gegend torkeln, wenn es auch anders geht: Eine entspannte Nacht in einem bequemen Bett in einem stylishen Abteil mit Dusche und WC, während der Zug durch Europa rast, ein ruhiges Frühstück und eine zeitgerechte Ankunft nicht irgendwo weit außerhalb des Zielortes, sondern mitten in der Stadt.

Und die ÖBB? „Wir fahren Sie ins 21. Jahrhundert“, meint die ÖBB zur Präsentation ihres Railjets, jener neuen Zugs­gattung, die demnächst in Betrieb genommen wird und die die heimische Bahn ins Hochgeschwindigkeitszeitalter katapultieren will. Der von Siemens hergestellte Zug wird eine Dreiklassen-Konfiguration anbieten – mit Sitzplatz-Service in der Premium und in der First-Class und einem Familienbereich samt Kinderkino – und mit Geschwindigkeiten bis zu 250 Stundenkilometer unterwegs sein.

Ab Dezember soll der Railjet zwischen Budapest und München via Wien verkehren, im nächsten Jahr die Strecke Wien– Salzburg–Bregenz mit Verlängerung nach Zürich aufgenommen werden. Die Fahrtzeit zwischen Wien und Salzburg wird dann nur zwei Stunden und 15 Minuten betragen. Die Ambitionen der ÖBB sind groß: „Wir wollen insbeson­dere den zentraleuropäischen Raum er­schließen und Wien als Drehscheibe für den hochwertigen Fernverkehr positionieren“. Für Fluggesellschaften in dieser Region kann es dann eng werden.

Von Gerald Sturz

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Oliver Greiner, Strategieberater bei Horváth & Partners.

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