„Modern Times für Österreich“

Wahlkampf: SPÖ-Chef Gusenbauer präsentierte Josef Broukal als Hundert-Watt-Birne im Kabinett des Lichts. Der hochdotierte TV-Star muß als Politiker mit Einkommenseinbußen rechnen.

Wenn Josef Broukal sich von den Sehern der „Zeit im Bild“ verabschiedet, umspielt immer so ein merkwürdiges Lächeln seine Mundpartie, als würde er etwas andeuten wollen. „Auf Wiedersehen“, sagt er am Montag nach der Sendung – und lächelt. Es war die erste „Zeit im Bild“ nach der Ära der Doppelmoderation.

Nur einer sieht und hört an diesem Abend, was dem Publikum verborgen bleibt. ORF-Kollege Eugen Freund hat neben Broukal für eine Live-Analyse Platz genommen. Während die Beiträge laufen, spricht Broukal halblaut mit sich selbst: „Noch vier Moderationen … noch drei Moderationen … noch zwei Moderationen … die letzte Moderation.“ Freund wundert sich – bis er wenig später mit Broukal im Taxi in die Stadt fährt. Unterwegs gesteht der Anchorman: Er habe gerade seine letzte Sendung moderiert und gehe bis zur Wahl auf Urlaub, am nächsten Vormittag würde ihn SPÖ-Chef Alfred Gusenbauer als Kandidaten für die vorgezogene Neuwahl Ende November präsentieren.
So also war das Abschiedsgrinsen an diesem Abend zu deuten: „Auf Wiedersehen, beim nächsten Mal lese nicht mehr ich die Nachrichten und stelle nicht mehr ich die Fragen.“ Seine Abschieds-„ZiB“ am Vorabend des Wechsels in die Politik hatte sich der Anchorman noch selbst organisiert. Er pochte auf diesen Dienst, und wer Broukal kennt und weiß, daß die Tücke ihm nicht gänzlich fremd ist, kann ermessen, wie viel Spaß ihm diese letzte Sendung gemacht haben muß.

Drei Tage lang hatte der ORF-Star dichtgehalten wie eine Auster. Am Freitag war Gusenbauers Anruf gekommen, dann war Grübeln angesagt – und eisernes Schweigen. Nur mit seiner Frau, der karenzierten ORF-Innenpolitikerin Barbara Seebauer, diskutierte er ein Wochenende lang das rote Offert. Als weitere Gespräche mit Gusenbauer ergaben, daß sein Wechsel in die Politik „eine ordentliche Sache“ sein würde, bei der er nicht in Gefahr gerate, zwischen den Stühlen zu landen, sagte er zu.

Minister für „Modern Times“
Gusenbauer hatte ihm zumindest ein Nationalratsmandat garantiert – und ein Ministeramt in Aussicht gestellt, gleichsam den Job der Hundert-Watt-Birne in seinem „Kabinett des Lichts“. Eine Art Zukunftsminister für Forschung und Technologie könnte der ORF-Mann demnach in wenigen Wochen sein – jemand, „der der SPÖ in diesem Bereich ein modernes Image gibt“, wie Broukal sagt; jemand, mit dem „Modern Times für Österreich“ anbrechen könnten, wie Gusenbauer sogleich die ORF-Wissenschaftssendung seines Kandidaten einzuflechten weiß.

Immerhin ist Broukal seit Jahren Österreichs erfolgreichster und gefragtester Missionar des digitalen Zeitalters. Wo auch immer Zukunftstechnologien diskutiert werden – Broukal ist dabei, erklärt oder moderiert.

Mittlerweile mache sein ORF-Gehalt nur noch „knapp ein Drittel“ des Jahreseinkommens aus. Etwa 130.000 Euro zahlt ihm der ORF, mit all den Vorträgen und Seminaren kommt der TV-Star so-mit auf fast 400.000 Euro jährlich. „In Zukunft wird das natürlich nicht mehr so sein.“ Sollte er tatsächlich Minister werden, würde er nur noch die Hälfte verdienen.

Der Sondervertrag
Ermöglicht wurde ihm die Fülle an Tätigkeiten durch einen Sondervertrag, eine Art Blankogenehmigung für Nebentätigkeiten, die ihm Generalintendant Gerhard Weis gewährte. Der Freibrief rief im ORF freilich Neider wach, doch mit denen weiß der gewiefte Stratege Broukal durchaus umzugehen. So freundlich er als „Internetonkel“ die Zukunft der Informationsgesellschaft zu läutern imstande ist, so hart vertritt er seine Interessen im ORF – und pflegt dabei auch so manche Feindschaft. Mit Elmar Oberhauser, ebenfalls einem nicht frei von Eitelkeiten agierenden Kollegen, verkehrte er einige Zeit nur noch über kleine, an die Bürotür des anderen geklebte Sticheleien.

Autor: Klaus Kamolz

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