Mister Pokerface: Harald Neumann

Mister Pokerface: Harald Neumann

Novomatic-Chef Harald Neumann: Übernehmer und "Retter" in Personalunion.

Wie Novomatic-Boss Harald Neumann den Finanzinvestor EPIC austrickste und die für unmöglich gehaltene Übernahme des Erzrivalen Casinos Austria in die Wege leitete.

Selbst bei einem Telefonat auf dem Weg von Wien nach Salzburg geht 's ums Glück. "Ich sitze im Zug", sagt Harald Neumann. Er düst zur Festspielpremiere von "Hochzeit des Figaro", die Dienstagabend stattfindet. Einleitende Fragen über den jüngsten Einstieg bei den Casinos Austria (Casag) und den Lotterien bekommt der Vorstandschef der Novomatic AG akustisch noch mit. Dann ist die Leitung tot.

"Sorry", sagt Neumann nach wenigen Minuten Wartezeit. Die Verbindung auf der Westbahnstrecke ist derzeit "wirklich schlecht". Da braucht man Glück, schmunzelt er. So wie bei seinem letzten Deal. Die Leipnik-Lundenburger Invest (Raiffeisen) und die Uniqa Versicherung sowie Bawag, Erste Bank und die ÖVAG-Bad-Bank Immigon wollten verkaufen. Ein Glück für ihn. Novomatic war interessiert. Seine Pläne mit der Casag? Fusion, Integration, Expansion? Neue Spielautomaten in Wien aufstellen, das Online-Gaming forcieren oder das Lottospiel europaweit neu aufrollen. Was hat er da alles vor? Funkloch. Schon wieder.

Glück für Neumann, der für die Reflexion der heiklen Fragen mehr Zeit gewinnt. Pech für FORMAT. Längere Wartezeit, kürzere Antwort: "Kein Kommentar." Es sei noch zu früh, um seriöse Statements abzugeben. Tatsächlich müssen die Syndikatspartner in den Casinos und den Lotterien dem Anteilskauf noch zustimmen, ebenso das Finanzministerium als oberste Glücksspielbehörde. Die Fristen laufen. Und am Ende braucht es noch den Sanctus der Kartellwächter in Wien und Brüssel. Die Antworten gibt's wohl eher nach dem Closing.

Auch bei der letzten Frage zum EPIC-Konsortium von Peter Goldscheider, das die Casag-Übernahme durch Novomatic mit allen Mitteln sprengen will, bricht die Kommunikation - wie zu erwarten - wieder ab. 30 Sekunden später ruft Neumann zurück. Die Konkurrenz kommentiere er nicht. Doch eines ist ihm wichtig: "Wir sind der einzige Garant dafür, dass Casinos Austria und Lotterien in österreichischer Hand bleiben." Danach herrscht wieder Funkstille.


Wir sind der einzige Garant dafür, dass Casinos Austria und Lotterien in österreichischer Hand bleiben

Im Moment muss Harald Neumann ohnehin nicht viel sagen, sondern vor allem geduldig warten. Seine Botschaft dringt auch durch Funklöcher durch: Er ist entschlossen, den Erzrivalen Casag zu übernehmen. Der Deal wird mit allen Mitteln durchgezogen. Und Neumann hat gute Karten für die nächsten Spielrunden.

In der Not geboren

Alle Spielzüge für die Casag-Übernahme wurden bereits vor Monaten einstudiert. In Abstimmung mit Novomatic-Eigentümer Johann Graf und seinem Aufsichtsratschef Herbert Lugmayr hat Neumann den Übernahmeplan entworfen. Die Idee für das gewagte Projekt kam Anfang des Jahres - und aus einer Not heraus. Neumann, der seit Oktober 2014 an der Spitze des Gumpoldskirchner Glücksspielriesen steht, tüftelte an einer existenziellen Kopfnuss. Die Stadt Wien hatte ein Verbot des kleinen Glücksspiels in der Bundeshauptstadt ausgesprochen. Zwar hatte Novomatic im Vorjahr eine Casino-Lizenz für Wien ergattert. Doch auch diese Vergabe wurde vom Erzfeind Casag beeinsprucht. Der Worst Case aus Neumanns Sicht: Der Verfassungsgerichtshof bestätigt das Wiener Glücksspielverbot, und das Bundesverwaltungsgericht hebt die Lizenzvergabe an Novomatic auf. Dann ist alles futsch in Wien. Die Lösung für das Katastrophenszenario schien einfach und unmöglich zugleich: die Übernahme der Casag-Gruppe.

So ein Plan wäre vor nicht allzu langer Zeit als Schnapsidee abgetan worden. Denn ein Bollwerk aus Syndikatsverträgen und wechselseitigen Aufgriffsrechten machte die Casag uneinnehmbar. Doch die Zeiten haben sich geändert. Neumann begeisterte Lugmayr für seine Mission Impossible. Als Ex-GiroCredit-Boss kennt Lugmayr nicht nur die Troubles der Austrobanken, sondern auch deren Bosse sehr gut. Aus erster Hand wusste er: Der Regulierungsdruck zwingt Banken, sich aufs Kerngeschäft zu konzentrieren. Anteile an Casag und Lotterien gehören da sicher nicht dazu.

Zwar zögerte der "Professor", wie der milliardenschwere Novomatic-Gründer Johann Graf respektvoll genannt wird. Doch am Ende war es neben der Überzeugungskraft des Teams Lugmayr-Neumann eine gute Portion Ehrgeiz und Eitelkeit, die für Graf den Ausschlag gab: Der Zugriff auf die Casag-Gruppe wäre wohl der krönende Höhepunkt seiner Bilderbuchkarriere vom Fleischhauerlehrling zum Milliardär. Das Kalkül des Teams "L-N": Die Casag-Gruppe (inklusive Lotterien) wird mit 350 bis 510 Millionen Euro bewertet. Rund 250 Millionen Euro wären nötig, um die Mehrheit zu erlangen. Grafs Glücksspielkonzern verdiente im Geschäftsjahr 2014 rund 277 Millionen Euro Gewinn (nach Steuern). Der Take-over könnte aus dem Cashflow finanziert werden. Graf gab sein Okay.

Neumanns Spielgeld für den Poker um die Casinos Austria war somit organisiert. Nun musste ein Platz am Pokertisch organisiert werden. Den arrangierte Lugmayr über seinen Freund und Ex-Bank-Austria-Boss Erich Hampel. Als Vorstand der B&C-Stiftung wollte Hampel die Lotto-Anteile längst loswerden, doch die Syndikatspartner blockierten. Lugmayr wusste das - und signalisierte Interesse. Hampel griff nun zu einer List: Indem er die Besitzgesellschaft, die seine Lotto-Anteile hielt, an Novomatic verkaufte, sollten die für Anteilsübertragungen vorgesehenen Vorkaufs- und Aufgriffsrechte nicht zur Anwendung kommen. Der Trick funktionierte: Novomatic wurde Lotterien-Miteigentümer und neuer Teilnehmer im Casag-Game.

Einmal am Spieltisch, zögerte Mister Pokerface nicht lang. Noch im Juni machte Harald Neumann den Syndikatsbanken, also Bawag, Erste & Co., ein vertrauliches Übernahmeangebot für deren Lotto-Anteile. Einen Monat später hatten die meisten angenommen. So sicherte sich Novomatic in aller Stille die Mehrheit in den Lotto-Holdings CLS, LTB und RSV (siehe Grafik). Durchgerechnet besitzen die "Novos" sogar eine Sperrminorität an den Lotterien, was nach dem Closing wirksam wird. Das war Neumanns erster Coup.

Das jüngste Spiel

Parallel zum Lotto-Poker wurde im Juli ein neues Spiel mit zwei Casag-Aktionären eröffnet. Falls MTB-Stiftung und Medial GmbH ihre Anteile nicht an den Finanzminister verkaufen wollen, wäre Novomatic interessiert, signalisierte Neumann.

So kam es dann auch. Weil die republikeigene ÖBIB "nur" 350 Millionen Euro für 100 Prozent der Casag anbot, klopften MTB und Medial bei Neumann an. Neumann, der "sicher nicht gegen den Finanzminister" bietet, fragte noch bei der ÖBIB nach. Deren Chefin Martha Oberndorfer signalisierte, dass Offerte an MTB oder Medial nicht als "feindlicher Akt" interpretiert werden. Neumann bot der MTB-Stiftung umgehend einen Preis, der etwa ein Drittel über dem ÖBIBOffert lag. Die MTB akzeptierte in der Vorwoche: Für rund 80 Millionen Euro sollen ihre 16,8 Prozent an der Casag an Novomatic gehen. Alle anderen Casag-Aktionäre haben nun bis 20. September Zeit, die MTB-Anteile zum Novomatic-Preis aufzugreifen. Das wird wohl nicht passieren, meinen Insider. Die ÖBIB hat abgewunken und der Rest hat verkauft (LLI und Uniqa), will verkaufen oder kann sich ein Gegenangebot nicht leisten.

Im Gegensatz zu Harald Neumann hat Peter Goldscheider eine Pechsträhne. Mit seinem Übernahmeangebot - mindestens 51 Prozent der Casag um 250 Millionen Euro - kam er zu spät. Gute Karten hatte sein EPIC-Konsortium ohnehin nie. Ein Finanzinvestor, der nur an Profite denkt, kommt auch bei Finanzminister Hans Jörg Schelling nicht gut an. Mit 552 Millionen Euro Gesamtsteuerleistung zählt die Casag-Gruppe zu den größten Steuerzahlern Österreichs, wo landesweit 2.500 Jobs dranhängen. Darum will Schelling die Casag in Österreich halten. Goldscheider wehrt sich gegen falsche Vorurteile: "Ich bin ein Unternehmer und keine Heuschrecke. Unsere Engagements sind langfristig." Ob sein neues Angebot an ÖBIB & Co. auch eine Garantie für den Standort Österreich beinhaltet?"Kein Kommentar", sagt Goldscheider und lässt das Telefonat abrupt beenden. Der Unterschied zu Neumann: kein Funkloch. Kein Rückruf. Goldscheider hat aufgelegt.

=> Lesen Sie den ganzen Artikel im FORMAT Nr. 31/32 2015
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Zur Person

Harald Neumann , 53, ist seit Oktober 2014 der Vorstandschef des Glücksspielriesen Novomatic. In Österreich setzte Neumann in den ersten zehn Monaten mehr in Bewegung als sein Vorgänger Franz Wohlfahrt in zehn Jahren an der Unternehmensspitze. Neumann ist verheiratet mit Ingeborg Hübner-Neumann, hat vier Kinder und ein Enkelkind. In seiner Freizeit besucht er den Golfclub Schönborn und das Boxzentrum Bounce in Wien-Ottakring. Er ist Mitglied des Rotary Club Klosterneuburg.

Neumann zur Seite stehen wird Stefan Krenn. Als neuer Leiter des Generalsekretariats der Novomatic AG wird er als rechte Hand für Neumann für die Koordination und Organisation der Vorstandsagenden zuständig sein. Auch Marketing und Kommunikation fallen in Krenns Verantwortungsbereich. Der 37-jährige Oberösterreicher ist zertifizierter Businesscoach, hat Wirtschaft studiert und das Masterstudium Informations- und Medienrecht absolviert.

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