Mister 100.000 Volt Wolfgang Anzengruber:
Neuer Chef für hochprofitablen Konzern

Der bisherige Kran-Bauer Wolfgang Anzengruber wird als neuer Verbund-Boss der Mister 100.000 Volt der Energiebranche. Eine massive Verteuerung der Strompreise wird seine Ergebnisse ­glänzen lassen – ihm aber auch das Leben schwer machen.

Beim Spiel zwischen Österreich und Deutschland am vergangenen Montag war der Verbund gleich mit drei Vorständen vertreten. Einen Tag vor der Aufsichtsratssitzung, auf der über die künftige Führung des Stromkonzerns entschieden wurde, tat etwas Ablenkung gut – Fußball-Emotionen als Ventil für wochenlange Anspannung. Zum Anpfiff war die hochsensible Personalie allerdings bereits gelaufen.

General Pistauer , der eigentlich gerne noch zwei Jahre weitergemacht hätte, hatte sich damit abgefunden, zu Jahres­ende in Pension zu gehen. Vorstand Hannes Sereinig konnte sicher sein, als Vize wiederbestellt zu werden. Ulrike Baumgartner-Gabitzer, bis zu diesem Zeitpunkt als heiße Kandidatin für die Pistauer-Nachfolge gehandelt, hatte just an diesem Schicksalsabend für Fußball-Österreich ihre Ambitionen aufgegeben – und so den Weg für Wolfgang Anzen­gruber als neue Nummer eins im Verbund frei gemacht. Baumgartner ist zwar sauer darüber, wie sie nach einem heftigen Polit-Gerangel ausgebootet wurde. Ihr erstes Fußballspiel in einem Stadion konnte sie aber zumindest ohne quälende Unsicherheit vor dem nächsten Tag genießen. Dem Anlass entsprechend war sie ganz in Rot-Weiß-Rot gekleidet.

Teile der ÖVP wollten die schwarze Managerin auf dem Chefsessel sehen. Doch Aufsichtsratspräsident Gilbert Frizberg und die Mehrheit der Kapitalvertreter favorisierten eine externe Lösung. Sie setzten sich mit Rückendeckung von VP-Wirtschaftsminister Martin Bartenstein durch. Nun übernimmt Anzengruber, der­zeit Boss des börsennotierten Kranherstellers Palfinger, per Jahresbeginn 2009 den Verbund: das mit 17,6 Milliarden Euro wertvollste Unternehmen des Landes.

Ein Job, den viele gerne haben würden. Anzengruber, 51, hat als Ex-Vorstand des Landesversorgers Salzburg AG und als Ex-Manager des Anlagenbauers ABB viel Erfahrung im Energiebereich. Als Boss des mit Abstand größten österreichischen Stromversorgers wird er der Mister 100.000 Volt der Branche sein. Ein Job, um den ihn viele beneiden: rund 900.000 Euro Jahresgage – und die Gewinne sprudeln derzeit fast von selbst.

Nach 665 Millionen Euro Reingewinn für 2007 wird der Verbund auch heuer ein Rekordergebnis einfahren. „2009 wird sich die sehr gute Entwicklung fortsetzen“, weiß Noch-General Pistauer jetzt schon. Das Geschäft läuft prächtig. Viel kann sein Nachfolger kurzfristig gar nicht falsch machen. Das einzige Problem für Anzengruber werden die zu üppigen Gewinne sein. Denn die Aufregung um die explodierenden Energiekosten wird sich sehr bald von Benzin und Diesel auch auf Gas und Strom ausweiten. Erdgas wird auf den internationalen Märkten im Herbst um bis zu 40 Prozent teurer. Mit leichter zeitlicher Verzögerung wird der Strompreis nachziehen. Grund: Die Rohstoffkosten für Gas und Kohle sind ausschlaggebend für den Preis an den Strombörsen.

100 Euro pro Jahr mehr für Strom. Jo-hannes Mayer, der Chefökonom des Stromregulators E-Control, geht davon aus, dass sich Elektrizität „in den nächsten Monaten für den Endkunden um rund acht Prozent verteuern wird, weil sie derzeit noch auf den Großhandelspreisen des Vorjahres basiert“. Die bevorstehende Gaspreis-Explosion ist da aber noch gar nicht voll berücksichtigt. Viele Experten glauben, dass 2009 die Stromkosten um bis zu 15 Prozent höher liegen werden als im Moment. Für einen durchschnittlichen Haushalt bedeutet das eine Mehrbelastung von weiteren 100 Euro pro Jahr. Die Verbund-Führung kann sich die Hände reiben. Wegen des hohen Anteils an günstiger Wasserkraft kalkuliert sie mit Erzeugungskosten von 20 Euro pro Megawattstunde (MWh) – und kann schon jetzt um zirka 75 Euro verkaufen. Bald werden es 100 Euro pro MWh sein.

Ein weiterer Preisschub steht 2013 ins Haus: Ab diesem Zeitpunkt setzt das CO2-Regime der EU den Gratis-Emissionszertifikaten für Stromproduzenten endgültig ein Ende. Die Mehrkosten wird die Branche auf die Kunden abwälzen. Bis 2020 schätzt der Consulter AT Kearney die Erhöhung der Endkundenpreise auf insgesamt über 40 Prozent, und das sei eine sehr konservative Prognose. Nur: Je mehr die Konsumenten für Strom zahlen müssen, desto stärker wird der politische Druck auf den Verbund (und die übrigen Versorger) werden. OMV-Boss Wolfgang Ruttenstorfer muss bereits häufig als Buhmann für die Spritpreise herhalten. Wolfgang Anzengruber könnte ein ähnliches Schicksal ereilen.

Politiker fordern billigeren Strom. BZÖ-Klubobmann Peter Westenthaler stimmt sich bereits ein: „Die Strompreise müssen sinken!“ Er fordert unter anderem eine Reduktion der „ungerechtfertigt hohen Netztarife“. Hannes Bauer, der Energiesprecher der SPÖ, will den Wettbewerb fördern und verlangt von den Versorgern „eine soziale Staffelung der Stromrechnung“. Die Rufe werden mit Sicherheit noch lauter – aber nicht viel bringen. „Die Unternehmen können kaum etwas tun. Wir sind börsennotiert und müssen uns am Marktpreis orientieren. Eine staatliche Preisregulierung verbietet zudem die EU“, stellt Michael Pistauer klar. Tatsächlich scheint es so, dass die von der EU verordnete Liberalisierung der Branche in Österreich eher zu steigenden als zu sinkenden Tarifen führt – weil der Verbund zwar günstiger produziert, aber den internationalen Marktbedingungen unterworfen ist. Und die sehen so aus, dass EU-weit noch 57 Prozent des Stroms aus der Verbrennung von Kohle, Gas und Öl erzeugt werden.

Erzeuger sagen: Wir können nicht viel tun. Die Belebung des Wettbewerbs – soferne eine solche in den oligopolartigen Strukturen überhaupt funktioniert – wird aus diesem Grund kaum Wirkung zeigen. Ähnliches gilt für das von der EU forcierte sogenannte Unbundling: die möglichst weitgehende Trennung von Stromerzeugung und Stromleitung. „Die Netztarife sind ja schon gesenkt worden. Inzwischen liegen die Renditen für Leitungsinvestitionen nur noch bei vier bis sechs Prozent. Da ist nicht mehr viel drinnen“, formuliert Verbund-Vorstand Hannes Sereinig. Dieser betont auch die eigenen Leis­tungen des Konzerns: „Im Vergleich zu 1994 haben wir die Personalkosten real um 60 Prozent gesenkt. Das ist einer der Hauptgründe, wieso wir so gut dastehen.“

Hinter vorgehaltener Hand wird Verbund-intern außerdem argumentiert, dass ein hoher Strompreis umweltpolitisch durchaus wünschenswert sei, weil Maßnahmen zum Energiesparen dadurch beschleunigt werden. Der Staat solle die Bürger besser bei der Besteuerung auf Arbeit entlasten. Letztlich wird die Politik selbst am stärksten unter Druck der Konsumenten geraten. Denn die öffentliche Hand profitiert am meisten davon, dass Energie zur Luxusware mutiert. So stammten 2007 fünf Prozent der gesamten Körperschaftssteuer in Österreich nur vom Verbund: stolze 217 Millionen Euro. Daneben kassierte der Bund als 51-Prozent-Eigentümer noch fast 150 Millionen an Dividende. Die Landesversorger liefern ebenfalls hohe Summen ab.

Seit 1996 hat der Staat überdies die Steuern und Abgaben von 19,4 auf über 31 Prozent des Gesamtstrompreises an­gehoben. Leo Windtner, der Chef der Energie OÖ und aktuelle Präsident der Branchenvereinigung VEÖ, ereifert sich: „Jeder Haushalt zahlt heute nominell doppelt so hohe Steuern und Abgaben. Die nach der Deregulierung zunächst eingebrochenen Energiepreise und die niedrigeren Netztarife kamen nicht den Kunden zugute, sondern flossen als Mehr­einnahmen an den Finanzminister.“ BZÖ-Politiker Westenthaler fordert daher eine Senkung der Abgaben auf Strom. Die Elektrizitätswirtschaft sieht aufgrund der Mehreinnahmen ausreichend Spielraum für Maßnahmen des Staates – damit Strom für alle Bürger leistbar bleibt.

Milliardenschwere Expansion. Den künftigen Verbund-Boss Wolfgang Anzengruber werden Preisauseinandersetzungen noch viele Nerven kosten. Die Bilanz des Unternehmens werden diese allerdings kaum beeinflussen. Die heimische Wasserkraft ist wie eine Lizenz zum Gelddrucken. Für die milliardenschwere Internationalisierung, die Anzengrubers Vorgänger eingeleitet haben, ist ausreichend Cash vorhanden. Neben dem Ausbau der Töchter in Italien, Frankreich und der Türkei stehen Südosteuropa, Deutschland und Russland auf dem Programm.

Von A. Lampl, C. Milborn, A. Müller

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