Michael Haneke und die lustigen Spiele

Noch einmal versucht Michael Haneke das internationale Publikum zum Komplizen einer beispiellosen Tour de force zu machen. Trotz Stars wie Naomi Watts wollen ­viele „Funny Games U.S.“ dennoch lieber nicht sehen.

Ein dünner Rotzfaden hängt einer von Weinkrämpfen ge­schüttelten Naomi Watts am Kinn herunter. Eben musste sie sich entkleiden, um zwei in ihr Haus am See eingedrungenen Gewalttätern vorzuführen, dass sie keine Speckröllchen hat. Ihr halb totgeprügelter Ehemann und ihr kleiner Sohn sitzen daneben. Lustige Spiele: Zwei Burschen in Weiß terrorisieren eine Kleinfamilie. Bis das Blut auf den Fernseher spritzt. Bis zum Tod.

Dass die Starschauspielerin Naomi Watts auf Knopfdruck weinen kann, gefällt Michael Haneke. Auch der Deutschen Susanne Lothar gelang das unter seiner Regie. Zehn Jahre zuvor, für das Original des Schockers „Funny Games“. Mit seinem US-Remake versucht Haneke nun jenes Publikum zu erreichen, das damals den Weg in die Arthaus-Nischen nicht fand: ein internationales, vornehmlich US-amerikanisches Publikum, das Horror- und Actiongemetzel einfach genießt. Freilich nicht, um es weiter prächtig zu unterhal-ten, sondern um mit einem beispiellosen cineas­tischen Exorzismus den Mordspaß zu beenden. Denn mit „Funny Games“ befindet sich Haneke, der nach eb­enso feinsinnigen wie quälenden Werken wie „Die Klavierspielerin“ und „Caché“ weltweite Bedeutung besitzt, ganz nahe an zwei seiner zentralen Ar­beitsthesen: jener der emotionalen Vergletscherung des Menschen und jener der medial forcierten Konsumierbarkeit von Gewalt.

Hanekes Idee zur Überwindung dieser Mechanismen ist ebenso simpel wie wirkungsvoll – und heißt „Funny Games“: Gewalt muss derart abstoßend sein, dass sie jeden gesunden Geist flugs aus dem Kino treibt. Wer diesen Film versteht, meint der Maestro, den halte nichts im Kino. Um dieses fragwürdige Experiment durchzuspielen, zieht Haneke aber nicht die Register visueller Grausamkeiten, sondern begnügt sich mit einer Atmosphäre reinen Terrors. Wo selbst den dümmsten Horrorfilm noch eine dünne Geschichte zusammenhält, verweigert Haneke jede Motivation der Gewalt. Niemand soll sich bei dieser Tour de force noch an einem narrativen Gerüst festhalten können. „Funny Games“ als die Kritik der reinen Gewalt. Schluss. Aus. Gutes Rüstzeug also, um trotz mancher Skepsis oder gar schadenfroher Erwartung einer Einladung des US-Produzenten Chris Coen zu folgen. Um in der Heimat jener Filmindustrie, deren mediale Mechanismen Haneke fundamental kritisiert, mit einem „Horrorthriller“ das eigene Scheitern zu riskieren.

Medienguerillastück ohne Opfer. Die Niederlage sah freilich anders aus, als manche mutmaßten. Der Kontrollfreak mit Hang zur Pedanterie ließ sich auf keinerlei Zugeständnisse an den US-amerikanischen Markt ein und bestand darauf, seinen eigenen Film Schuss für Schuss nachzustellen. Dieses Beharren – auch auf den Final Cut – brachte nicht nur den federführenden Produzenten Coen ins Schwitzen, sondern nach Financier-Rochaden einiges europäisches Geld in die eigentlich US-amerikanische Produktion. Haneke kratzt das keineswegs, schließlich ist er als Autor und Regisseur nicht für die Finanzierung zuständig. Der joviale Regiestar mit dem eisernen Willen erlebte sein Waterloo schließlich an den US-Kino­kassen. Mit einer Million Dollar Einspiel­ergebnis und vernichtenden Kritiken floppte der Film trotz der Stars Naomi Watts, Michael Pitt und Tim Roth gehörig.

Hanekes komplex und zynisch ausgedachtes Medienguerillastück konnte kaum eines Opfers habhaft werden. Während die Täter in „Funny Games“ mehrmals in die Kamera zwinkern, um dem Publikum zu seiner Komplizenschaft zu gratulieren, saß dieses zur gleichen Zeit womöglich just in jenen affirmativen Gewaltopern selbst. So wurde anstelle des Publikums Haneke selbst von der Kritik abgestraft. Nach seinen Worten erinnert ihn das an jemanden, der einer Katze bei ihrem sadistischen Spiel mit der halb toten Maus zusieht: „Kommt dann jemand und tippt dem Be­obachter auf die Schulter, ist er auf diesen Menschen böse, weil er ihn ertappt hat.“

Auch das nächste Projekt, das in wenigen Tagen in Norddeutschland gedreht wird, beruht auf einem Drehbuch, das Haneke bereits vor mehreren Jahren ver­fasst hat. Ein derart radikales Spiel mit dem Publikum selbst wird „Das weiße Band“ aber nicht sein. Die 13 Mio. Euro teure Produktion mit Christian Friedel, Ulrich Tukur und Susanne Lothar handelt von einer mysteriösen Ritualmordserie in einem kleinen norddeutschen Dorf, die sich vor dem Hintergrund des aufkeimenden National­sozialismus abspielt. Schon berichtet Ha­nekes Langzeit-Produzent Veit Heiduschka (Wega Film) von anderen, von Planungs­exzessen: Schon letzten Herbst musste ein Feld eigens mit einer alten Getreidesorte aus einem Saatgutinstitut bepflanzt werden, um ein authentisches Feld der 30er-Jahre im Bild zu haben. Und im Dorf selbst wurden Häuser teils mit Gipsattrappen von Ziegelwänden verkleidet, um dem Anschein des Realen möglichst nahe zu kommen.

Von Gunnar Landsgesell

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