Medien werden auf jede Bedingung eingehen

„Frau Kampusch hat in ihrem Brief an die Öffentlichkeit sehr viel Lebensweisheit bewiesen.“

Am 7. Oktober 1985 wurde das Kreuzfahrtschiff Achille Lauro von einem palästinensischen Terrorkommando gekapert. Ein Amerikaner wurde getötet, die anderen Touristen, darunter rund hundert Österreicher, erlebten mehrere Tage qualvolle Todesangst. Ich habe die Österreicher nach ihrer Freilassung in Kairo im Flugzeug nach Wien begleitet. Als junger ORF-Reporter ohne ausreichende Erfahrung im Bereich von „blood and crime“ plagten mich zunächst große Skrupel, ob ich die traumatisierten Landsleute mit meinen Fragen quälen dürfte.
Doch siehe da: Kaum hatten wir die TV-Kamera ausgepackt, drängten sich die ehemaligen Geiseln um mich: Jeder wollte seine persönliche Geschichte erzählen. Sicherlich nicht, um seine „15 minutes of fame“ (Andy Warhol) zu genießen. Menschen, die Extremsituationen durchmachen, müssen zur Aufarbeitung darüber reden. Entscheidend ist nur, dass sie selbst bestimmen können, wann und wo sie welche Details erzählen.

Natascha Kampusch hat es natürlich ungleich schwerer. Und der Druck der Medien wird noch lange auf ihr lasten. Da gibt es nur eines: Frau Kampusch muss mit einem erfahrenen Medienberater eine detaillierte Strategie festlegen. Sie soll – vertraglich abgesichert – entscheiden, zu welchem Zeitpunkt welche Geschichte, welche Überschrift, welches Interview, welches Foto erscheint. Sie sollte ihre Familie einbinden und muss sich das alles gut bezahlen lassen. Ihre Geschichte ist so einmalig, dass auch große internationale Medien auf jede ihrer Bedingungen eingehen werden. Frau Kampusch hat dabei auch einen Vorteil: Während normalerweise jeder in Österreich schräg beäugt wird, der zu einer größeren Geldsumme kommt, wird es ihr niemand neidig sein. Das ist ihre Geschichte zweifellos wert.
Sie braucht das Geld für ihre Ausbildung und einen neuen Start in ein hoffentlich glückliches Leben. Die Verlage werden mit höherer Auflage noch immer gut verdienen. Frau Kampusch hat in ihrem Brief an die Öffentlichkeit sehr viel Lebensweisheit bewiesen. Ich wünsche ihr das Geschick und die Kraft, sich jetzt und in Zukunft von niemandem mehr ausnützen zu lassen.

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