Land unter - die Chronologie einer Katastrophe

Die Sintflut: Fast zehn Milliarden Kubikmeter Niederschlag prasselten in den vergangenen Tagen auf Österreich nieder. Die Warnungen: Bereits zwei Tage vor den Überschwemmungen am Kamp prognostizierten Meteo-rologen das Desaster. Die Versäumnisse: Die Schleuse des Ottensteiner Stausees blieb dennoch geschlossen, bis es zu spät war.

Ich habe keine Ahnung“, sagt Harald Gruber, „wie es mit meinem Leben weitergeht.“ Der Autohändler aus Kammern bei Langenlois steht – wie so viele Österreicher nach der Hochwasserkatastrophe – vor dem Nichts: Mit plötzlicher Urgewalt war vergangene Woche die Flut über ihn und sein Geschäft hereingebrochen.
Daß seine Existenz in Wasser und Schlamm versinken würde, konnte Gruber nicht ahnen, als er am Morgen des 6. August sein Autohaus inspizierte. Der Dienstag versprach angenehm zu werden in Kammern bei Langenlois, am Ausgang des Kamptales.
Blankpoliert glänzte Grubers Wagenflotte in der Sommersonne: Chrom und Blech und Glas, sorgsam herausgeputzt. Der Parkplatz: sauber gefegt. Die Schaufenster des Verkaufslokals: blitz-blank.
Ein paar Kilometer weiter, in Zöbing, schüttelte Roswitha Pasching in der Pension Urbanihof die Betten ihrer zehn Gästezimmer auf. Unten im Eßzimmer: ein paar Urlauber beim Frühstück. Der Fluß Kamp, der das Gemeindegebiet von Zöbing teilt: ein plätscherndes Rinnsal. Daß er tags darauf als tobender Wildwasserstrom über die Ufer treten, durch den Urbanihof donnern, Tische, Sessel, Blumengestecke mit sich fortreißen würde – Roswitha Pasching hätte es niemals für möglich gehalten.

Unaufhaltsam
Aber die Katastrophe, die letztlich ganz Österreich erfassen, sieben Menschenleben kosten und Schäden in Milliardenhöhe verursachen sollte, hat an diesem sonnigen Augustmorgen längst ihren Lauf genommen. Nun steuert sie unaufhaltsam auf die heile Welt von Harald Gruber und Roswitha Pasching zu.
Tausende Kilometer westlich, draußen über dem Atlantik, waren Tage zuvor feuchte Luftmassen aufgestiegen, hatten sich zu schweren Wolken geballt und ein meteorologisches Monster geboren, das deutsche Meteorologen auf den Namen Ilse tauften – einen Tiefdruckwirbel, prall von Regenwasser, der von Stunde zu Stunde wuchs und bei seiner Rotation an Kraft und Gewalt gewann.
Fast zehn Milliarden Kubikmeter Niederschlag ließ Ilse in den vergangenen zehn Tagen allein auf Österreich niederprasseln – rund ein Zehntel der durchschnittlichen Gesamtjahresmenge und somit nicht weniger als den dreifachen Inhalt des Neusiedler Sees. Die Sintflut, die daraus entstand, ging weit über die Unwetterfluten der vergangenen Jahre hinaus und führte erstmals seit Tschernobyl zu nationalem Notstand.

Vernichtung
Am Montag, dem 5., steht Ilse über Lyon. „Ein Höhentief wandert von Frankreich her zu den Alpen und in der Folge ostwärts weiter“, meldeten die Voraussagen. Am Dienstag wütet die Dame bereits über Norditalien, vernichtet ein Drittel der Weinernte und richtet schwere Schäden an Obst- und Olivenplantagen an. In der Nacht zum Mittwoch erreicht Ilse dann Österreich. Deutsche Wetterdienste haben zu diesem Zeitpunkt bereits Alarmstufe 2 – „Gefahr für Leib und Leben“ – ausgerufen und das Zentrum der Apokalypse für Ober- und Niederösterreich prognostiziert. Die Wetterredaktion des ORF sieht die Sache derweil noch gelassen. „Dichte Regenwolken haben Österreich sehr liebgewonnen und schütten uns zu“, heißt es in der „ZiB 1“ flapsig.
Im Raum Krems fallen in der Nacht Regenmengen bis zu 97 Liter pro Quadratmeter – um zehn Liter mehr als der Rekord von 1953. Im nördlichen Niederösterreich droht der Ottensteiner Stausee überzugehen: Die EVN öffnet die Schleusen und läßt fünfzig Kubikmeter pro Sekunde ins Tal rauschen, der Kamp schwillt vom Bächlein zum reißenden Strom an.
Noch weiß Autohändler Gruber nicht, daß er seinen gesamten Wagenpark verlieren wird. Nach der Katastrophe glaubt er aber, die Verantwortlichen zu kennen – die EVN oder „die Staubetriebe“, wie er sagt. „Die haben die Schleuse zu spät geöffnet“, klagt Gruber an.
Peter Layr, technischer Direktor beim niederösterreichischen Energieversorger, beruft sich indes auf die Niederschlagskarten der Hohen Warte, die der EVN täglich digital übermittelt werden – und begründet das Halten der Schleusen damit, daß „das Hochwasserereignis unvorhersehbar dramatisch“ gewesen sei.

Die ganze Story lesen Sie im neuen FORMAT

Außerdem:

  • Studie: Die Dämme des Kamptals sind schon seit langem brüchig
  • Wetterprotokoll: Trotz eindeutiger Prognosen wurden die Schleusen nicht geöffnet
  • Reportage: Zöbingen wurde besonders hart getroffen

Geld

8 Forderungen des Raiffeisen-Chefanalyst an die neue Regierung

Wirtschaft

Whistleblower: „Die Cayman Islands sind ein gefährlicher Ort“

Raiffeisen übernimmt Modelleisenbahn-Hersteller Roco und Fleischmann.

Wirtschaft

Raiffeisen übernimmt Roco und Fleischmann Modelleisenbahnen