Körpertuning bei Männern boomt

Körpertuning bei Männern boomt, Style- und Gesundheitsbewusstsein nehmen zu. Aktuelle Bücher und Studien wid­men sich dem Image­­wandel des Männlichen. FORMAT auf den Spuren der neuen Mannsbilder.

Mächtig gutes Aussehen ist eine begehrenswerte Eigenschaft. Männer suchen sie längst nicht mehr bloß an Frauen, sondern möchten dieses Attribut mehr und mehr für sich selbst in Anspruch nehmen und sind bereit, dafür einiges zu tun. Der Prozentsatz der männlichen Patienten in der ästhetischen Chirurgie liegt seit Jahren weltweit bei rund elf Prozent, sagt Jörg Knabl, Facharzt für plastische, ästhetische und Wiederher­stellungschirurgie in Wien.

Dieser Wert basiert auf einer Unter­suchung der International Society of Aesthetic Plastic Surgery (ISAPS), die für Indien bzw. Süd- und Mittelamerika noch etwas höhere Werte als elf Prozent ergeben hat. Die häufigsten Opera­tionswünsche bei Männern betreffen, so der Schönheitschirurg, Lidstraffungen, Nasenkorrekturen, Fettabsaugung sowie die Gynä­komastiekorrektur (Verkleinerung der männlichen Brustdrüse), wo­bei die Oberlidkorrektur auf der „Hitliste“ männlicher Beauty-OP-Wünsche unangefochten an der Spitze liegt. Diese Operation, bei der unter Lokalanästhesie überschüssige Haut- und Fettanteile entfernt werden, ist um durchschnittlich rund 1.900 Euro zu be­kommen. Die Kosten für eine Nasenkorrektur sind laut Knabl mit mindestens 3.500 Euro zu veranschlagen, Fettabsaugungen gibt es ab 2.800 Euro, eine Gynäkomastiekorrektur wird ab zirka 5.500 Euro durchgeführt.

Der Wiener Szenefriseur Josef Winkler hat schon eine beträchtliche Summe in sein Aussehen investiert: Sein „40er-Service“, wie er es nennt, umfasste: Augenlidkorrektur, weil er seine hängen­den Augenlider nie mochte und zeitweise ein eingeschränktes Blickfeld hatte, die Anhebung der Augenbrauen durch Botox-Unterspritzung und Muttermalentfernung durch Laser. „Gepflegtes Äußeres und eine Grundfitness sind ein Must – im Job und bei Frauen“, fasst der Chirurg Jörg Knabl das zeitgemäße männliche Körperverständnis zusammen. Erstaunlich sei aber, „dass Männer, wenn sie sich operieren lassen, freimütiger darüber reden als Frauen. Das hat wohl damit zu tun, zu demonstrieren, was für ein cooler, unerschrockener Typ man ist und dass man es sich leisten kann.“

Body-Awareness und Körpertuning. Auffallend ist die Funktionalität, mit der Männer ihr „Körper­tuning“ betreiben. Früher sagte man, Männer pflegen ihr Auto mehr als sich selbst. Heute könnte man sagen, sie modellieren und pflegen ihren Körper mit mindestens derselben Akribie, mit der sie mit ihrem Auto umgehen oder ein technisches Gerät warten.
Die männliche Body-Awareness ist viel weniger emotional als die von Frauen, dafür funktional und zielorientiert aus­gerichtet. Dies bestätigt auch der Fitness­experte Ronny Kokert: „Männer bevorzugen auch beim Body-&-Mind-Training einen dynamisch-kraftvollen Zu­gang. Allerdings gehen sie nicht mehr so brachial wie früher an die Sache heran: Reines Muskeltraining ist out. Das männ­liche Körperbild entwickelt sich hin zu einem Körper, der beweglich und koordiniert ist. Die Muskeln sind harmonisch geformt, aber die Einzelteile müssen zusammenpassen. Heute trainiert man nicht mehr einzelne Muskeln durch isolierte Bewegungen; die intramuskuläre Koordination ist wichtig. Immer mehr an Bedeutung bei der Fitness gewinnt
die mentale Komponente: Konzentration, Gegenwärtigkeit, Fokussierung, um auch im hektischen Alltag ruhig und gelassen reagieren zu können.“

Die Metrosexuals als neue Zielgruppe. 1994 prägte der Journalist Mark Simpson den Begriff „metrosexuell“. Die Wort­bildung aus „metropolitan“ und „hetero-sexual“ beschrieb einen Männertypus, der vor allem in Bezug auf Styling seine „feminine“ Seite entdeckte und mit extravagantem Mode- und Stilbewusstsein glänzte. Angeführt von der masku­linen style- und trendbewussten Male Beauty David Beckham, entwickelte sich die Bewegung der „Metrosexuals“ zu einer gigantischen Zielgruppe für die Mode- und Kosmetikindustrie, die seit längerem schon die Eitelkeit und die fi­nanzielle Potenz männlicher Zielgruppen im Auge hatte. Nicht zuletzt war es die Parfumindus­trie, die Mitte der 1980er-Jahre den mehr oder minder unverhüllten, muskulösen und unbehaarten Männerkörper in Werbe­sujets salonfähig machte. Die ­­Darstellung nackter männlicher Schönheit gehört zwar seit der Antike zu den Standards der Kulturgeschichte, die Zurschaustellung des Mannes als Kult- oder Lustobjekt war aber lange Zeit in der Populärkultur, über Insiderkreise hinaus, kaum anzutreffen. Das Männerbild war großteils von traditionellen Rollenvorstellungen zwischen Patriarch, Macho, Familienernährer und Gentleman geprägt – Körpergefühl, Pflege, Stil- und Mode­bewusstsein, aber auch Gesundheitsvorsorge im Sinne eines „Sich kümmern um sich selbst“ spielten keine Rolle oder waren als „effeminiert“ verpönt.

Dies hat sich grundlegend gewandelt. Bob Dvajan, stellvertretender Vorstand der Urologischen Universitätsklinik Wien sowie Ordinarius und Vorstand der Urologischen Universitätsklinik in Brüssel, beantwortet die Frage, ob sich die Einstellung von Männern zu ihrem Körper gewandelt habe, definitiv mit „Ja“: „Wahrscheinlich gab es auch eine Ent­tabuisierung in den letzten zehn Jahren. Ein Begriff wie ,metrosexuell‘ be­deutet ja nichts anderes, als dass Männer gelernt haben, mehr auf sich zu achten. Dazu gehört, dass es wichtig ist, gepflegt auszuschauen, was früher als feminin rübergekommen ist. Aber dazu gehört auch, dass die Beschäftigung mit dem Thema Gesundheit nicht unbedingt Schwäche bedeuten muss, sondern heute auch ein Teil von Maskulinität ist.“ Hingen Männer bis vor einigen Jahrzehnten noch der Vorstellung von „Reparaturmedizin“ an – man ging zum Arzt, wenn etwas kaputt war –, ist heute, so Djavan, ein Großteil der Männer wesentlich informierter über Gesundheitsrisiken wie Prostatakrebs etc. und insofern auch viel eher bereit, zu Vorsorgeuntersuchungen zu gehen, auch wenn ein Drittel dazu von ihren Frauen gedrängt oder überredet wird.

Neues Stil- und Modebewusstsein. Die Modellierung der äußeren Hülle ist ­heute Teil des kulturellen Codes. Nachlässigkeit, ungepflegtes Äußeres, krasse stilis­tische Unsicherheiten usw. gelten längst nicht mehr als „typisch männlich“ und als kleine Fehler, die bei einem Mann einfach dazuge­hören, sondern als Indiz für mangelndes persön­liches „Empowerment“. Speziell junge Männer und Burschen um die zwanzig legen ein ausgeklügeltes Stil- und Modebewusstsein an den Tag, bei dem Details in Frisur- oder Bart-mode – Welche Koteletten trägt man in dieser Saison? Soll ich den Emo-Look-Trend (abgeleitet von emotional hard­core, Frisurstil, der dem Hardcore-Punk entspringt) mitmachen? – von beinahe identitätsstiftender Tragweite sein können.

Der Friseur und Stylist Michael Danler meint, noch nie habe sich die Mode- und Kosmetikindustrie so sehr des Mannes an­­genommen wie heute. „Die Angebote für den Mann übertreffen in ihrer Fülle beinahe das Damenrepertoire. Bei den Frisu­ren wird ge­färbt, gesträhnt, geschnitten, geföhnt, gegelt, gestylt. Das gehört heute einfach dazu.“ Trends im „Herrenfach“, sagt Danler, „sind haupt­sächlich vom vor­handenen Rohmaterial abhängig: Wer über fülliges, schönes Haar verfügt, kann mit einer langen Mäh­ne sehr gut aus­sehen, wer schüttere, feine Haare hat, wird eine Frisur tragen, die seiner Kopfform und Haarfülle entspricht. Generell kann man aber sagen, dass die Haare eher etwas länger getragen werden. Wichtig bei Bärten ist regelmäßiges Trimmen, wild wuchernde Barttrachten gelten als schweres No-No.“ Aber was steckt hinter der gestylten Fassade? Wie steht es um die männliche Seele, um die emotionalen Be­find­lichkeiten von Männern?

Männlichkeit in der Tiefenstruktur. Für den Psychoanalytiker und Männerfor­scher Erich Lehner bleibt die Fra­ge nach einem geänderten männlichen Körpergefühl „an der Ästhetik hängen“. „Männlichkeit in der Tiefenstruktur“ sieht er wenig verändert: Männer nei­gen in ihrem Lebenszusammenhang nach wie vor dazu, „den Körper zu instrumentalisieren“, und „immer mehr leiden unter der Tragödie der männlichen Sexualität, denn das Diktum ,allzeit bereit‘ ist bio­logisch unmöglich, aber daraus entsteht die Angst vor sexuellem Versagen, die
ein durchgehender Angstfaktor ist, der auch zu Depressionen usw. führen kann.“ De­pressionen und Angststörungen bei Männern sind immer noch weitgehend ein Tabuthema. Psychische Probleme drü­cken sich bei Männern an­ders aus als bei Frauen. Lehner: „Es gibt eine männliche Form der Depression. Männer sind in ­diesem Zustand unbeherrscht, das Suchtverhalten ist oft stark ausgeprägt. Zu den klassisch männlichen Depressionssymptomen gehört etwa die Irritabilität: Reizbarkeit, Aggressivität usw.“ Der neue Mann – ein armer Hund mit hochgetuntem Körper und vulnerabler Seele?

Es gibt noch Hoffnung für ganze Kerle. Das verspricht die neue „Männerstudie“ des „Zukunftsinstituts“, vorausgesetzt, sie beweisen Lernfähigkeit und Flexibilität, Fähigkeiten, mit denen sich Frauen in den letzten Jahrzehnten in vielen Bereichen bessere Möglichkeiten in der Gesellschaft erarbeitet haben. Einer der vier Kerntypen der „postindustriellen Gesellschaft“, die das „Zukunftsinstitut“ in der hauptsächlich auf „Strategien für ein erfolgreiches Marketing“ fokussierten Studie ausgemacht hat, ist neben dem „Everyday-Manager“, dem „Health-Hedonisten“ und dem „Work-Life-Venturisten“ der „Self-Designer“. Er zeichnet sich durch besondere Lernfähigkeit aus und modelliert nicht mehr nur seinen Körper, sondern trainiert vor allem seine „Mindfulness“. Selbstreflexion und ein neues Selbstbewusstsein gehören zu seinen wesentlichen Eigenschaften. Wo­mit die nächste Stufe in der Geschlechter­evolution zu erklimmen wäre.

Von Andrea Hurton

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Christoph Kotanko, Korrespondent der Oberösterreichischen Nachrichten (OÖN) in Wien

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