Julius Meinl V.:
„Wir wollen jetzt Musterschüler werden“

Meinl und MEL-Sprecher Staller über die Hintergründe von Aktienrückkäufen bei der MEL und Folgen für die Traditionsmarke.

Format: Herr Meinl, warum haben Sie für die Meinl European Land (MEL, Anm.) eine Jersey-Konstruktion gewählt und sich nicht einfach mit einer Gesellschaft österreichischen Zuschnitts dem hiesigen Aktienrecht unterworfen?
Meinl: Wir haben uns für diese Konstruktion schon bei der Firmengründung 1996 entschieden, also acht Jahre vor dem Börsengang, von dem damals noch keine Rede war. Jersey ist nicht die Karibik …
Format: … immerhin reden wir von einer Offshore-Firma.
Meinl: Das mag schon stimmen. Aber bis vor vierzig Jahren war Jersey-Recht Teil des englischen Aktienrechts.
Format: Das ist lange her.
Meinl: Angesichts der Geschichte des britischen Aktienrechtes ist das keine so bedeutende Zeitspanne. In Österreich ist das Kapitalmarktrecht im Vergleich dazu noch sehr jung, auch wenn viele hier glauben, dass wir es erfunden haben.
Format: Sie hätten vor dem Börsengang in eine Österreich-AG umgründen können.
Meinl: Nur bei Aufdeckung aller stillen Reserven und voller Besteuerung …
Format: Es sieht jetzt so aus, als hätten Sie die Offshore-Konstruktion bewusst gewählt, um außerhalb der in Österreich geltenden Gesetze Transaktionen vornehmen zu können.
Meinl: Böswillig unterstellen kann man natürlich vieles, aber das ist Unfug. Die MEL erfüllt bereits jetzt 99 Prozent aller Reglementarien an der Wiener Börse. Wir wollten via Jersey eine Konstruktion, die der eines offenen deutschen Immobilienfonds nahe kommt und jederzeit Zertifikate rückkaufen kann. Uns ist aber bewusst, dass wir es hier mit einem Spannungsfeld zwischen den österreichischen Regeln und der Freiheit des Jersey-Rechtes zu tun haben. Das bringt einerseits Vorteile, die sich im Sinne des Unternehmens und zugunsten der Investoren nutzen lassen, andererseits erfordert das besondere Sensibilität
Format: Die MEL hat diese Freiheit genutzt, um ohne Wissen der Investoren im großen Stil eigene Aktien zurückzukaufen – und zwar um Geld, das sie erst im Februar für Immobilienprojekte in Osteuropa vom Kapitalmarkt geholt hat.
Meinl: Es ist falsch, dass die Investoren nicht informiert waren. Diese Möglichkeit für das Management ist im Börsenprospekt für die Kapitalerhöhung klar ausgewiesen. Und zwar auf Seite 105.
Format: Im Kleingedruckten also.
Meinl: Nein, im Großgedruckten.
Format: Wie beurteilen Sie die wirtschaftliche Situation der MEL?
Meinl: Die MEL ist als Immobilienentwickler in Osteuropa extrem erfolgreich. Jeder vom Fach weiß, dass die Assets im Unternehmen und deren Zukunftspotenzial die derzeitige Börsenbewertung bei weitem übersteigen.
Format: Dann decken Sie sich jetzt privat mit MEL-Aktien ein?
Meinl: Würde ich wirklich gerne, denn spätestens zu Weihnachten werden wir wieder höhere Kurse sehen. Aber ich tue es nicht, sonst würden mir manche daraus wieder einen Strick drehen.
Format: Wieso holt man sich Geld vom Kapitalmarkt, wenn man es dann offenbar gar nicht für Immobilienprojekte braucht?
Meinl: Das muss Herr Staller als Beauftragter der MEL beantworten. Staller: Wir denken langfristig. Wir haben früh gesehen, dass die Gunst der Immobilienwerte an der Börse auch wieder sinken kann, und deshalb die Kapitalerhöhung zeitgerecht vorgenommen. Im Frühjahr 2007 hat sich dann herausgestellt, dass einige Russland-Projekte auch günstig über Kredite refinanzierbar sind. Deshalb war freies Kapital verfügbar. Das ist ja auch noch immer da. Die Aktien, die wir gekauft haben, haben wir schließlich nicht eingestampft. In den eigenen Aktien sind die Mittel jetzt sinnvoll zwischenveranlagt. Es gibt aber auch noch einen anderen triftigen Grund für den Rückkauf.
Format: Der wäre? Staller: Als größter Immobilienentwickler in Osteuropa wird man automatisch für ganz große internationale Player der Branche interessant. Da gilt es, Vorsorge zu treffen.
Format: Führen Sie Gespräche mit potenziellen strategischen Partnern? Staller: Ja.
Format: So ein Investor würde vermutlich nicht weniger als zwanzig Prozent nehmen. Staller: Dazu kann ich nichts sagen, aber grundsätzlich trifft Ihre Analyse zu.
Format: Ein strategischer Investor könnte derzeit sehr günstig über die Börse kaufen. Staller: Ein strategischer Investor blickt nicht auf den aktuellen Kurs, sondern auf die Werte des Unternehmens. Versuchen Sie einmal, 50 bis 100 Millionen Aktien an der Börse zu erwerben.
Meinl: Das Unternehmen hat mitgeteilt, dass die Aktien nicht unter einem Preis von 20,43 Euro wieder abgegeben werden. Das wird einigen Investoren die Suppe kräftig versalzen. Unseren Informationen nach sind einige Hedgefonds mit insgesamt siebzig Millionen Aktien short gegangen.
Format: Konkreter?
Meinl: Sie haben sich Aktien ausgeborgt, um sie leer zu verkaufen und sich bei niedrigeren Kursen wieder einzudecken. Wenn diese 88,8 Millionen vom Markt weg sind, wird es sehr schwer werden, die Aktien zu den vorherrschenden niedrigen Kursen wieder zu beschaffen. Schon kleine Zukäufe würden zu einem sofortigen Anstieg führen.
Format: Es liegt eine Analyse des Brokers Kempen vor, in der es heißt, dass das MEL-Management vom Kapitalmarkt keine Ahnung hat.
Meinl: Vielleicht haben sich sogar einige Analysten in die Dienste der genannten angreifenden Fonds gestellt.
Format: Es drängt sich der Eindruck auf, dass die MEL mit den Rückkäufen so lange Kurspflege betrieben hat, bis die Meinl International Power mit Ihrem Freund Karl-Heinz Grasser im Vorstand an der Börse war. Just danach stürzte der MEL-Kurs ab.
Meinl: Was sollte denn das eine mit dem anderen zu tun haben? Die institutionellen Investoren, die neunzig Prozent der Zertifikate gekauft haben, wissen sehr wohl zwischen Einkaufszentren und Kraftwerken zu unterscheiden.
Format: Francis Lustig, der den Vertrieb über die Meinl Success aufgebaut hat und eine Integrationsfigur der MEL war, hat das Unternehmen offenbar mit fliegenden Fahnen verlassen. Staller: Francis Lustig hat gute Aufbauarbeit geleistet.
Format: Sie hätten sich den Rückkauf laut Jersey-Recht nicht von der Hauptversammlung bewilligen lassen müssen, dann haben Sie es doch getan, aber erst hinterher. Die Optik ist schief. Staller: Dass es Kommunikationsfehler bei Meinl European Land in der Vergangenheit gegeben hat, ist offensichtlich. Das Unternehmen hat sich vorgenommen, sich freiwillig den Corporate-Governance-Richtlinien zu unterwerfen. Die halten nur fünfzig Prozent der börsennotierten Unternehmen in Wien ein. MEL will in diesem Bereich ein Musterschüler werden.
Format: Ist die Meinl Bank bei der MEL investiert?
Meinl: Mit drei Millionen Euro. Also so gut wie nicht.
Format: Bei der Kapitalerhöhung profitiert die Meinl Bank. Sie kassiert die Honorare für die Platzierung.
Meinl: Dass die Bank Underwriting- und Selling-Fees erhält, ist selbstverständlich. Den Löwenanteil davon gibt sie aber an ihre Vertriebspartner ab.
Format: Glauben Sie, dass die Marke Meinl durch die Angelegenheit Schaden genommen hat?
Meinl: Sie hat noch keinen Schaden genommen und wird das auch nicht tun. Vor allem deshalb nicht, weil wir jetzt mit den genannten Maßnahmen gegensteuern. Wir werden transparenter agieren und offener kommunizieren.
Format: Bei Meinl Airports International droht Ihnen ebenfalls eine Niederlage. Die Firma hat Geld von der Börse, aber keine Projekte, bei denen sie investieren kann.
Meinl: Wir haben beim Börsengang gesagt, dass wir ein Jahr brauchen. Trotzdem gibt es bald Neuigkeiten.

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