Jetzt wird's ernst - Konjunktur & Korruption:
Wie hart trifft die Finanzkrise Österreich?

Die Konjunktur schwächelt. Finanzkrise, hohe Rohstoffpreise und der starke Euro drücken auf das Wirtschaftswachstum. Stagnierende Reallöhne führen zu einem Käuferstreik.

Die nächsten 20 Jahre sind Europas Jahrzehnte. Davon ist Wolfgang Eder überzeugt. „Die Kreativität und Forschungskompetenz in der EU der 27 wird unterschätzt. Im Vergleich mit den USA sind wir hier in einem konstanten Aufholprozess, das bescheinigen mir auch unsere amerikanischen Investoren“, sagt der Vorstandschef des Stahl­erzeugers voestalpine. Weil sich die Unternehmen so flexibel auf die Entwicklungen der Rohstoffpreise und Wechselkurse einstellen könnten, seien auch der hohe Ölpreis und der starke Euro kein großes Problem. „Noch vor ein paar Jahren sagte man, wenn der Ölpreis über 50 Dollar geht, ist die Wirtschaft kaputt. Jetzt ist er über 100, und die Wirtschaft läuft immer noch“, so Eder. Beim Euro sei das ähnlich.
Das ist in einer gesamthaften Betrachtung sicher der Fall. In einigen Branchen drücken die teure Energie und der starke Euro allerdings schon jetzt auf die Margen – etwa im Maschinenbau und bei manchen Erzeugern hochwertiger Konsumgüter wie Swarovski. Auch die Auftragseingänge haben sich über die gesamte Industrie hinweg eingebremst.

Gar nicht zu reden von den Verbrauchern, die den aktuellen Konjunkturzyklus überhaupt ausgelassen haben. Im Vorjahr legte der private Konsum real nur um 1,4 Prozent zu. Heuer und im nächsten Jahr soll er um 1,6 Prozent steigen. Die Kaufzurückhaltung ist nicht verwunderlich: Die Reallöhne haben im vergangenen Jahr mit einem Plus von 0,1 Prozent quasi stagniert, und auch im Jahr 2006 sind sie – trotz guter Konjunktur – nur um 0,5 Prozent gestiegen.

Die Finanzkrise greift über. Die Frage, die sich Volkswirte, Banker und Unternehmer derzeit am häufigsten stellen, ist: Wie stark wird sich die von den USA ausgehende Bankenkrise auf Industrie und Dienstleister auswirken? „Ob die Finanzkrise schon ausgestanden ist, ist schwer abzuschätzen. Für eine Entwarnung ist es noch zu früh“, sagt RZB-Firmenkundenvorstand Karl Sevelda. Man dürfe aber den psychologischen Effekt nicht unterschätzen. Wenn man ständig über Krisen spricht, kämen sie auch. „Durch die Verteuerung der Kredite spüren die Unternehmen aber sehr wohl schon jetzt direkte Effekte.“ Auch Gerüchte über Finanzierungsprobleme von großen internationalen Private-Equity-Fonds wollen nicht verstummen. Noch sind nicht alle Informationen auf dem Tisch, bei welchen Banken diese Fonds ihre – meist zu kurzfristigen – Kredite laufen haben. Gar nicht rosig sieht auch Christian Helmenstein, Chefökonom der Indus­triellenvereinigung (IV), die Lage: „Es kann keine Rede davon sein, dass man schon wieder zur Tagesordnung übergehen kann.“ Weltweit seien in der Krise enorme Mengen an Kapital vernichtet worden. „Die Verluste werden uns noch viele Quartale beschäftigen.“

USA könnten Rezession entkommen. Die Frage ist, ob die Vereinigten Staaten in eine Rezession schlittern. Nachdem im ersten Quartal die Mehrheit der Beobachter fest damit gerechnet hatte, haben sich zuletzt die Anzeichen für eine Konjunkturbelebung verstärkt. Die Anträge auf Arbeitslosenhilfe sind kaum gestiegen. Die starken Zinssenkungen der Notenbank und das Hilfspaket der Regierung für Häuslbauer und Hypothekenbesitzer von dieser Woche sollten die Lage etwas stabilisieren. Das verleitet auch Wirtschaftsminis­ter Martin Bartenstein zu Optimismus: „Wenn überhaupt, werden die Amerikaner nur in eine milde Rezession schlittern“. Das wäre auch für die Konjunktur in den europäischen Ländern ein Vorteil. Denn nach der ökonomischen Faustregel „folgt das Wirtschaftswachstum am alten Kontinent dem der USA mit einem halben Jahr Verzögerung“, sagt Marcus Scheiblecker, Ökonom beim Wirtschaftsforschungsinstitut (WIFO). Auch die vermeintlichen Paradigmenwechsel der New Economy haben das nicht ändern können.

Das Wachstum sinkt. 2006 und 2007 waren für die österreichische Konjunktur goldene Jahre. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) wuchs durch die Wirtschafts- und Währungsunion und die starke Ausrichtung auf Ost- und Südosteuropa um 3,3 und 3,4 Prozent. Die Verwerfungen an den Finanz- und Rohstoffmärkten drückten diese Zahlen heuer nach Prognosen des WIFO auf 2,1 und im nächsten Jahr auf 1,7 Prozent. Damit ist der laufende Konjunktur­zyklus deutlich kürzer als jener Ende der 90er-Jahre. Denn dieses Mal sind die starken Impulse vom Export nur eingeschränkt auf die Ausrüstungsinvestitionen übergesprungen. Auch der Konsum verlängert den Aufschwung wegen der schlechten Reallohnentwicklung (siehe Grafik unten) nicht.

Nicht jeder leidet. So verallgemeinernd schwach wie das aggregierte Konjunkturzahlen ausdrücken, ist die Lage in den Unternehmen allerdings nicht. Viele große Konzerne haben für die nächsten Jahre schon ausgesorgt. Die Auftragsbestände sind hoch. Ein Beispiel dafür ist der Stahlerzeuger voest­alpine, der die Wünsche seiner Kunden über Jahre hinaus nicht befriedigen kann. Der Fokus auf hochwertige Spe­zialsegmente sichert die Produktion zusätzlich ab. Auch Wolfgang Hesoun, General­direktor der Baufirma Porr, ist opti­mistisch. „Die Auftragsbestände sind ordentlich, es gibt eine nachhaltig gute Nachfragesituation, und in Osteuropa besteht ein enormer Nachholbedarf beim Ausbau der Infrastruktur.“ Mit höheren Rohstoffpreisen hat jedoch auch Porr zu kämpfen. Man habe sich aber „darauf eingestellt“. Weil die Baufirma die Rohmate­rialsteigerungen nicht gänzlich an die Kunden weitergeben kann, „drückt das auf die Rendite“, sagt Hesoun.

Dieses Phänomen wird sich noch verstärken. Wie Walter Woitsch von der Unternehmensberatung Syngroup exklusiv für FORMAT errechnete, sind die Umsätze in der verarbeitenden Industrie vom Jahr 2006 zum Jahr 2007 zwar um 16 Prozent gestiegen. Der operative Gewinn (EBIT) hat aber nur mehr um fünf Prozent zugelegt im Vergleich zu 15,2 Prozent in der vorhergehenden Abrechnungsperiode. Die Grafik auf Seite 44 zeigt, wo die einzelnen Branchen in Umsatz und Gewinn liegen. Stark zurückgefallen sind demnach die Bereiche Nahrungsmittel, Holz und Kunststoff. „Mit den Kapazitätsausweitungen sind die Fixkosten mitgewachsen“, erläutert Woitsch. „Wenn jetzt die Umsätze schwächeln, trifft die EBIT-Keule doppelt.“ Die Gewinnschwelle steigt dann von Monat zu Monat an. Als für Probleme anfällig nennt er die Holzindustrie, wo Mayr-Melnhof mit der Übernahme von Stallinger zwar schon eine Konsolidierung eingeleitet habe, die aber in der Branche noch nicht zu Ende sei. Durch die schwache Baukonjunktur in den USA, Spanien und Großbritan­nien sowie den schwachen Dollar und das gesunkene Pfund sind Exporte sehr schwierig geworden. Auch nach Italien, einen Hauptabnehmer österreichischen Holzes, werde derzeit aufgrund des politischen und wirtschaftlichen Stillstands kaum geliefert.

Nischenstrategie gefragt. Als besonders erfolgreich nennt Woitsch einige Unternehmen wie Lenzing, die es geschafft haben, sich in globalen Ni-
schen zu positionieren. So habe man die ur­sprünglich nur für die eigenen Verpackungen tätige Kunststoffsparte auf externe Märkte ausgerichtet. Die Tochter Lenzing Plastics produziert jetzt auch Kunstrasen, spezielle Bauab­dichtungen und Aufreißbänder für Manner-Schnitten. Unternehmen, die jetzt unter Druck kommen, sollten sich auf ein konsequentes operatives Management konzentrieren, rät Woitsch. Auf eine präzise Zielrichtung und die pflegliche Behandlung der Mitarbeiter. Qualifiziertes Personal ist nach wie vor Mangelware. Das bestätigt auch Porr-Chef Hesoun, der viel mehr Projekte realisieren könnte, wenn mehr Arbeitskräfte zur Verfügung stünden. Die etwa 300.000 Unternehmen Österreichs entwickeln sich höchst unterschiedlich. Große und solide Firmen können Konjunkturschwächen gut übertauchen. Schwieriger ist es bei kleinen und Kleinstfirmen. Denn dort ist das Eigenkapital schnell aufgezehrt. Als Kapitalgesellschaften organisierte Kleinbetriebe weisen nach Erhebungen der KMU-Forschung Austria eine Eigenkapitalquote von 28,1 Prozent auf. Ähnliche Personengesellschaften haben nur 13,4 Prozent. Solche Mittelbetriebe kommen auf eine Quote von 32,6 Prozent. Obwohl diese Zahlen im Konjunkturaufschwung gestiegen sind, fordert Wirtschaftskammerprä- sident Christoph Leitl zur nachhaltigen Ver­besserung eine weitere Stärkung durch höhere so­ziale Absicherung und steuerliche Be­günstigungen. Bei den Rahmenbedingungen gibt es in Österreich generell Handlungsbedarf. Im jüngsten IMD-Ranking, das FORMAT exklusiv vorliegt, ist Österreich von Rang 11 auf Rang 14 zurückgefallen. Die wirtschaftliche Performance ist daran nicht schuld. Hier gab es eine Verbesserung von Platz 21 auf Platz 17. Um zehn Plätze abgefallen (von 10 auf 20) ist die Alpenrepublik allerdings bei der Effizienz der Regierung, wo als Schwächen Subventionen an private und öffentliche Unternehmen und der effektive persönliche Einkommenssteuersatz genannt werden. „Wir verlieren unsere hart erarbei­teten Standortvorteile gegenüber unseren Mitbewerbern in einer zunehmend globalisierten Welt“, mahnt Markus Beyrer, Generalsekretär der Indus­triellenvereinigung, und ruft einmal mehr nach einer Steuer- und Abgabenentlas­tung sowie einer umfassenden Struktur- und Verwaltungsreform.

Auf die Steuerreform müssen sowohl Private als auch Unternehmen noch bis 2010 warten. Minister Bartenstein will sie auch zur Konjunkturbelebung nicht vorziehen. Er sieht die aktuellen Probleme weniger im nachlassenden Wachstum als in der kalten Progression und der hohen Inflation. Die Preissteigerungen, die heuer laut WIFO in einer Inflations­rate von 2,9 Prozent münden werden, halten viele Österreicher von nicht überlebensnotwendigen Einkäufen ab. Frank Hensel, Vorstandschef von Rewe Austria, erwartet für heuer im Einzelhandel einen Rückgang des Wachstums. Zuwächse in den Ländern Osteuropas würden das teilweise ausgleichen. „Wenn eine Warengruppe empfindlich teurer wird, merken wir allerdings eine Verschiebung zu alternativen Produkten, beispielsweise zur Marke Clever“, erklärt der Handelsmanager. Harald Kaszanits, Leiter der Abteilung Wirtschaftspolitik bei der WKÖ, findet die Situation paradox. „Dass die Preise und somit die Inflation steigen, könnte auch ein Anzeichen von stärkerer Nachfrage sein.“ Andererseits würden die Österreicher wieder mehr bei ihrer Bank zum Sparen anlegen. Das sei im Moment nicht so stimmig.

Tiefpunkt 2009 erreicht. Kommt nicht noch ein großer externer Schock durch die Finanzkrise oder unvorhergesehene Ereignisse, dürfte die Konjunktur im Laufe des nächsten Jahres wieder drehen. WIFO-Ökonom Scheiblecker er­wartet ein besseres zweites Halbjahr. Stefan Bruckbauer, Volkswirt bei der Bank Austria, sieht den Aufschwung erst 2010. „Da wir mit einem schlechten ersten Quartal 2009 rechnen, ist wegen des statis­tischen Überhangs dann schon das ge­amte Jahr gelaufen.“ Auch wenn sich das Wachstum halbwegs hält, werden im nächsten Jahr die Investitionen deutlich sinken. „Risikoreiche Projekte sind dann schwieriger und teurer zu finanzieren“, erklärt IV-Ökonom Helmenstein. Höhere Kreditkosten machen auch für Porr-Chef Hesoun einige Hochbauprojekte unrentabel. Anders ist das bei der voestalpine. Wegen der starken Nachfrage und des Booms im hochwertigen Stahlsegment wird Voest-Chef Eder ab 2011 die Produktionskapazitäten beinahe verdoppeln.

Von Waltraud Kaserer, Ingrid Krawarik

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