Interview: "Das große europäische Gas-Spiel"

Europa will von Putins Energielieferungen unabhängiger werden. Die OMV und ihr Chef Wolfgang Ruttenstorfer sind schon fleißig am Basteln.

Format: Herr Dr. Ruttenstorfer, können Sie mit dem Begriff „russischer Gasimperialismus“ etwas anfangen?
Ruttenstorfer: Eigentlich wenig. Alle diese Behauptungen, die sagen, die Russen sehen im Gas nur Politik, das greift zu kurz. Sie sitzen auf den weltgrößten Gasreserven, und jeder in der Situation würde versuchen, das meiste daraus zu machen. Wir können sagen, dass wir heuer 40 Jahre russische Gaslieferungen nach Österreich feiern, wir haben verlängert auf die nächsten 20 Jahre …

Format: Wir beziehen etwa zwei Drittel unseres Bedarfs von den Russen. Wer nicht spurt, wie die Ukraine, kriegt Schwierigkeiten.
Ruttenstorfer: Sie waren in den letzten 40 Jahren zuverlässig und werden es auch in den nächsten 20 Jahren sein. Und alles im Leben ist relativ: Was ist die Alternative zu einem doch verlässlichen russischen Gasstrom? Die anderen Lieferanten im Mittleren Osten, am Kaspischen Meer müssen sich ihren Ruf als stabile Lieferanten erst erarbeiten. Das werden wir erst sehen.

Format: Damit haben Sie ein Stichwort geliefert. Denn Sie sind ja gerade dabei, eine Alternative zu den Russen aufzubauen. Die „Nabucco“-Pipeline (benannt nach Verdis Oper mit dem berühmten Gefangenenchor) soll vom Raum um das Kaspische Meer – Aser­baidschan, Zentralasien, Kaukasus, Mittlerer Osten – weggehen und eine zweite große Versorgerlinie für die EU bilden, die nicht über russisches Territorium geht, sondern über die Türkei. Das ist ein Vorrangprojekt der EU. Die OMV ist da­bei federführend.
Ruttenstorfer: Wir liegen vor der Haus­tür Russlands, und daher sind die Russen der dominante Versorger. Wir müssen in diesem ganzen großen Spiel der konventionellen Energieträger Öl und Gas einen starken mitteleuro­päischen Konzern platzieren, der mit den Russen sehr wohl Geschäfte macht, aber nicht von ihnen abhängig ist. Das er­fordert, dass der stark und groß ist und zusätzliche Supply-Quellen anzapfen kann. Die können aber fast nur von der Kaspischen See und aus dem Mittleren Osten kommen. Das ist aber keine totale Alternative zu Russland, sondern kann nur einen Teil des Bedarfszuwachses decken.

Format: Sie sagen also wie seinerzeit der Staatsvertragskanzler Julius Raab, man solle den russischen Bären nicht in den Schwanz zwicken.
Ruttenstorfer: Wenn man auf die Landkarte blickt, dann wird Russland in Mitteleuropa beim Gas dominant bleiben.

Format: Die letzte Entwicklung ist, dass nun auch die Russen Gas in die Nabucco-Linie einspeisen sollen. Hat man da klein beigegeben?
Ruttenstorfer: Nabucco unterliegt dem EU-Recht. Die Hälfte der Kapazität wird für die Partner reserviert, der Rest steht dem offenen Markt zur Verfügung. Und was die Russen machen, ist auch sehr geschickt. Putin war in Kasachstan, in Turkmenistan, um das Gas aus diesen Ländern hinter der Kaspischen See zuerst nach Russland und dann nach Europa zu bringen. Da gibt’s einen gewissen Wettbewerb, das Gas entweder über diese Schiene nach Europa zu bringen oder über die Türkei mit Nabucco. Angesichts des Bedarfs ist das aber kein Entweder-oder, man wird beides brauchen.

Format: Diese Nachfolgestaaten der Sowjetunion – Aserbaidschan, Turkme­nistan, Usbekistan, Kasachstan – müss­ten interessiert sein, von Russland unabhängiger zu werden.
Ruttenstorfer: Die sind an einem eigenständigeren Weg interessiert, allerdings muss ich sagen, dass Europa sich hier noch nicht sehr stark positioniert hat. Die Länder werden sich danach richten, was ihnen einerseits Russland anbietet, an­dererseits Europa. Europa sollte sich um diese Region mehr kümmern.

Format: Allerdings sind das ja großteils Petro-Diktaturen mit Alleinherrschern, die sich goldene Statuen errichten lassen …
Ruttenstorfer: Politisch ist das nicht ganz leicht. Die sind aber in der Mitte zwischen China, Russland und Europa, und die werden sich dort hinneigen, wo sie für die weitere Entwicklung Hilfe bekommen. Wirtschaftlich, aber auch politisch. Bei Letzterem tun sich die Europäer nicht leicht. Aber wenn man auf die Karte schaut und sagt, die Russen sind verlässlich, aber sie sollen nicht die Einzigen sein, dann müsste sich die europäische Außenpolitik mehr engagieren, dass diese Reserven erschlossen werden können.

Format: Das sind zum Teil ziemlich grausliche Regime.
Ruttenstorfer: Wir sollten uns bemühen, sie von einem europäischen Weg zu überzeugen. Dass sie sich dem Menschenrechtsgedanken in Schritten annähern. Wir betreiben in solchen Ländern auch Programme, wo wir Menschenrechte, Frauenrechte fördern. Aber auch Schulen, Wasserversorgung usw.

Format: Wie steht es mit den Gaslieferverträgen mit dem Iran, wo die USA ja mit Sanktionen gegen die OMV drohen?
Ruttenstorfer: Klar ist, dass die zweitgrößten Gasreserven im Iran liegen, und daher ist es nicht klug, den Iran bei der künftigen Gasversorgung Europas auszuschließen. Auch den Irak nicht, der gasmäßig noch gar nicht exploriert ist. Wir halten uns als OMV aus der großen Politik heraus, wir werden aber versuchen, den Fuß in der Türe zu halten.

Format: Die Russen versuchen ja, das Nabucco-Projekt zu unterlaufen. Es gibt das „South Stream“-Projekt, mit dem Gas aus Russland, eventuell auch mit Herkunft Kaspisches Meer, durch das Schwarze Meer über Bulgarien, Serbien, Albanien und über die Adria bis nach Süditalien gebracht werden soll (siehe Grafik). Und Sie haben den serbischen Energiekonzern NIS gekauft.
Ruttenstorfer: Die Dinge ändern sich nicht wirklich, es gibt eine kulturelle Nähe der Russen zu Bulgarien und Serbien. Das merkt man auch wirtschaftlich. Was die Russen hier vorhaben, ist eine Entlastung der Ukraine als Transitland. Dort gibt es Schwierigkeiten , daher wollen die Russen die Ukraine umgehen. Für Österreich ist vorgesehen, dass eine Leitung der South Stream nach Baumgarten geht. Baumgarten entwickelt sich dadurch weiter als wichtiger Gasknotenpunkt in Europa. Ebenso wird die Handelsplattform in Baumgarten durch zu­sätzliche Mengen gestärkt. Das ist ein Computerprogramm, eine Art Börse. Da­her haben wir vor kurzem mit der Gaz­prom deren 50-prozentige Beteiligung an dieser Handelsstation unterzeichnet (nicht an der physischen Hardware). Sowohl die South Stream als auch die Nabucco sollen nach Baumgarten kommen. Wir entwickeln den Handelspunkt zum größten in Kontinentaleuropa.

Format: Wie ist die relativ kleine OMV zu der Rolle gekommen?
Ruttenstorfer: Wir waren bei Gas sicher an der vorderen Front. Wer zuerst die Initiative ergreift, hat einen Vorteil.

Format: Gab die EU den Anstoß?
Ruttenstorfer: Nabucco haben wir mit den Türken, der Botas, gestartet, da war die EU noch nicht dabei. Was die OMV tut, ist, da einfach in der Entwicklung voranzugehen. So wie Mitteleuropa vor der EU-Erweiterung politisch fragmentiert war, so war es auch auf der Energieseite. Dann wurde es ein Marktgebiet. Dann wuchsen auch die Firmen zusammen. Die Ungarn gingen Richtung Slowakei, Richtung Kroatien, wir Richtung Deutschland, Rumänien usw. Man braucht größere Einheiten. Wir versuchen, einen starken mitteleuropäischen, südosteuro­päischen Konzern zu schmieden, der bis in die Türkei reicht und stark genug ist, mit den Russen Geschäfte zu machen und nicht geschluckt zu werden.

Format: Wer hatte die Idee? Sie?
Ruttenstorfer: Das hat sich in den letzten Jahren zwingend ergeben, wenn man sich die Konsolidierungsbewegungen anschaut. Es ist wichtig, hier einen starken europäischen Konzern zu schaffen.

Format: Die Führungsrolle der OMV wird auch von den großen Nabucco-Partnern, wie der RWE, akzeptiert?
Ruttenstorfer: In diesem Gebiet traut man uns zu, dass wir uns besser auskenne in dieser mittel- und südosteuropäischen Achse, auch in der Relation zu Russland.

Format: Der OMV-Vorstand hat kürzlich seine Aktienoptionen ausgeübt. Wie viel haben Sie da verdient?
Ruttenstorfer: Die Zeitungsmeldungen sprechen von 13 Millionen für vier Vorstände. Ich will das nicht kommentieren. Fest steht, dass die OMV zu einem internationalen Konzern geworden ist, mit internationalen Gehältern. Die müssen wir auch zahlen. Diese Optionen sind aus den Jahren 2003 bis 2005, und der Börsenkurs ist seither gestiegen. Es entspricht internationalen Usancen.

Format: Aber gerade die internationalen Usancen der explodierenden Mana­ger­gehälter stehen in Diskussion. Außerdem sind Sie Sozialdemokrat.
Ruttenstorfer: Ich hatte kein schlechtes Gewissen, als ich als OMV-Vorstand in die Politik ging und nur noch ein Drittel verdiente, und ich habe es jetzt auch nicht, wenn ich marktgerechte Gehälter bekomme. Die Verteilungsdiskussion muss man schon sehr ernst nehmen. Aber für Österreich erlaube ich mir zu sagen, dass wir noch im vertretbaren Bereich sind, wo der soziale Zusammenhalt nicht ge­fährdet wird.

Interview: Hans Rauscher

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