Hitlers heilige Helfer

Bislang unbekannte Dokumente belegen: Die österreichische Kirche wußte vom Massenmord der Nationalsozialisten und schwieg dennoch. Neue Debatte: Ein Buch des US-Bestsellerautors Daniel Goldhagen über die Mitschuld von Kirche und Vatikan am Holocaust sorgt für Wirbel.

Der gute Bischof Hudal: Was er nicht alles für die Verfolgten auf sich nahm, damals in den Wirren des Zweiten Weltkriegs. Er versteckte sie, er versorgte sie mit Geld, er verstieß sogar gegen das neunte Gebot, „um sie in diesen schwierigen Monaten vor KZ und Gefängnis zu bewahren“, wie er in seinen Memoiren schreibt. Denn für den guten Zweck fabrizierte der Gottesmann fromme Lügen. „Ich habe nicht wenige mit falschen Ausweispapieren ihren Peinigern durch die Flucht in glücklichere Länder entrissen“, gesteht Hudal verschmitzt in den „Römischen Tagebüchern“, Untertitel: „Lebensbeichte eines alten Bischofs“.

Wohltäter
Alois Hudal, Österreicher, Rektor der Anima – des deutschen Priesterkollegs in Rom –, war ein Wohltäter. Allerdings nicht für die Opfer des NS-Regimes, sondern für die Täter. Nach dem Ende des Dritten Reiches konnten sich Tausende Nazis mit seiner Hilfe in Sicherheit bringen – darunter Kaliber wie Franz Stangl, Kommandant der Vernichtungslager Sobibor und Treblinka, den der „braune Bischof“ persönlich nach Syrien expedierte.

Für die Juden empfand Hudal weitaus weniger Zuneigung. Die Nürnberger Rassengesetze bezeichnete er bereits 1936 als „Notwehr“ gegen eine „Überflutung fremder Elemente“, und an dieser Meinung änderte er auch später nicht viel.

Regimetreue
Alois Hudal, ein Einzelfall? Mitnichten. Der Grazer ging in der Kumpanei mit den Nazis zwar weiter als die meisten seiner Amtsbrüder. Letztlich verhielt sich aber der Großteil des hohen Klerus in der NS-Zeit regimetreu – auch im österreichischen Teil des Reiches: sei es durch Schweigen und Dulden wie Papst Pius XII., der dadurch „größeres Übel zu verhindern“ hoffte, sei es durch direkte Kollaboration (immerhin stellten österreichische Pfarrer ihre Taufbücher für die Erstellung von Ariernachweisen gegen Entgelt zu Verfügung und leisteten damit bezahlte Hilfe bei der Umsetzung der Rassengesetze).

Wie FORMAT vorliegende, bislang unter Verschluß gehaltene Dokumente zeigen, waren die österreichischen Bischöfe zudem schon im Jahr 1940 über das Euthanasieprogramm der Nazis zur Vernichtung „unwerten Lebens“ informiert. Sie protestierten mit keinem Wort dagegen.

Diskussion
Bis dato wurde erst einmal ausführlich und breit über die Verantwortung der Kirche am Holocaust diskutiert: 1963, als Rolf Hochhuths dokumentarisches Drama „Der Stellvertreter“ uraufgeführt wurde – eine Generalabrechnung mit Pius XII., dem „schweigenden Papst“. Jetzt bricht die Debatte wieder aus:

  • Der US-amerikanische Politologe Daniel Goldhagen („Hitlers willige Vollstrecker“) publiziert ein neues Buch. Titel: „Die katholische Kirche und der Holocaust. Eine Untersuchung über Schuld und Sühne“ (siehe Vorabdruck auf Seite 73). Das Werk glänzt zwar weniger durch neue Erkenntnisse als durch die provokante Forderung, der Vatikan müsse für seine Mitverantwortung am Holocaust Wiedergutmachung leisten und die Bibel von antisemitischen Inhalten reinigen – Aufregung ist aber garantiert.
    Goldhagen: „Im Rahmen der eliminatorischen Verfolgung der Juden durch die Deutschen und ihre Helfer haben hochgestellte wie niedere Amtsträger der katholischen Kirche in ansehnlicher Zahl verschiedene Verbrechen begangen.“ In Deutschland hat Karl Lehmann, Vorsitzender der Bischofskonferenz, bereits scharf gegen Goldhagens Thesen Stellung bezogen. Der katholischen Kirche könnten im Gefolge der Debatte aus den USA juristische Schritte drohen. US-Anwalt Ed Fagan gegenüber FORMAT: „Ohne Sammelklagen ist der Wille zur Aufarbeitung gering.“
  • Gleichzeitig kommt „Grüß Gott und Heil Hitler“ auf den Markt. Darin zeichnet der Theologe Stefan Moritz anhand bisher unveröffentlichter Dokumente ein düsteres Bild vom Verhalten der österreichischen Kirche im Dritten Reich. Moritz wurde die Arbeit nicht leicht gemacht – Archive blieben mit dem Argument

„Es gibt nix“ verschlossen, einen Teil der Unterlagen fand er erst durch Zufall: Sie waren im Kämmerchen einer Diözese hinter einem Duschvorhang versteckt.

  • Im Oktober hat Costa-Gavras’ preisgekrönter Streifen „Der Stellvertreter“ Österreich-Premiere: eine Verfilmung von Hochhuths Theaterstück über Pius XII., die in anderen europäischen Ländern bereits hitzige Diskussionen und heftige Proteste der Amtskirche ausgelöst hat.

Autoren: Martin Staudinger, Klaus Zellhofer; Mitarbeit: Herbert Bauernebel

Die ganze Story lesen Sie im neuen FORMAT.

Außerdem:

  • Auszüge aus Goldhagens neuem Buch "Die katholische Kirche und der Holocaust"
  • Daniel Goldhagen im Interview: "Die Bibel schürt Vorurteile und Haß"
  • Kardinal Schönborn im Interview: "Licht und Schatten"
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