„Hitler ließ uns sitzen“

„Im toten Winkel“: André Hellers und Othmar Schmiderers Dokumentarfilm über Hitlers Sekretärin Traudl Junge läuft am Freitag im ORF. In den USA bereitet der Sony-Konzern die Doku hochprofessionell für den Oscar vor.

Bisher bewiesen die alten Damen zumeist Stumpf- und Starrsinn: So tön-te die damals fast achtzigjährige Winifred Wagner in Hans-Jürgen Syber-bergs legendärem Filmporträt: „Wenn der Hitler zum Beispiel heute hier zur Tür hereinkäme, ich wäre genauso fröhlich und glücklich, ihn hier zu sehen und zu haben.“

Erst jüngst wurde der inzwischen hundertjährigen Leni Riefenstahl, die sich gleichfalls nie von Hitler und seinem Regime zu distanzieren vermochte, nahegelegt, auf ihre Präsenz beim Filmfestival von Sevilla zu verzichten.

Ohne Sturheit
Was für eine Erleichterung, daß es auch alte Damen gibt, die Vernunft statt Sturheit walten lassen. So sagt Traudl Junge, ehemals Hitlers Sekretärin, in André Hellers und Othmar Schmiderers Dokumentarfilm „Im toten Winkel“ völlig unverkrampft: „Aber manchmal denke ich, wenn ich Gelegenheit hätte, dem Hitler nochmal zu begegnen, sei es in dieser oder in irgendeiner anderen Welt, ich würde ihn auf jeden Fall fragen, was er getan hätte, wenn er in seinem eigenen Stammbaum jüdisches Blut entdeckt hätte. Ob er sich selbst vergast hätte?“ Für eine 81jährige eher ungewöhnlich, geht sie mit sich völlig unprätentiös ins Gericht: „Ich habe das Gefühl, daß ich diesem Kind, diesem kindischen jungen Ding böse sein muß … Oder daß ich ihm nicht verzeihen kann, daß es dieses Monster nicht rechtzeitig erkannt hat … Es fällt mir schwer, mir das zu verzeihen.“

Erfolgsgeschichte
Traudl Junges Erinnerungen an ihre Jahre in den Vorzimmern Hitlers und im apokalyptischen Führerbunker gelangten, nachdem die Unzeit-Zeugin jahrzehntelang geschwiegen hatte, zunächst als Buch an die Öffentlichkeit: Melissa Müllers „Bis zur letzten Stunde – Hitlers Sekretärin erzählt ihr Leben“ (Claassen) wurde ein Bestseller und verkaufte sich weit über 100.000mal.

Nicht minder erfolgreich setzte der Film von Heller und Schmiderer das Oral-History-Projekt fort: „Im toten Winkel – Hitlers Sekretärin“ gewann bei der Berlinale den Panorama-Publikumspreis und ist für den Europäischen Dokumentarfilmpreis nominiert. Am Freitag sendet der ORF den neunzigminütigen Monolog Junges – die alte Dame ist im Februar, nur Stunden nach der Berlinale-Präsentation des Films, in München an Krebs gestorben.

Inzwischen erobert der Film auch den amerikanischen Markt. Beim International Chicago Filmfestival gewann „Im toten Winkel“ den Gold-Plaque-Dokufilmpreis. Und bei den Filmfestspielen in New York, Toronto und Telluride ernteten Heller und Schmiderer für die im englischsprachigen Raum vom Sony-Konzern vertriebene Doku exzellente Kritiken.
Produzent Danny Krausz, Chef der österreichischen Dor-Film, ist hocherfreut über seine Koproduktion mit der Heller-Werkstatt: „Nach dem Berlinalepreis setzte ein derartiger Run auf den Film ein, daß wir ,Im toten Winkel‘ nahezu weltweit verkaufen konnten. Und zwar primär in Form von Kinolizenzen mit Sekundärauswertung fürs Fernsehen. Was bei Dokus eher eine Rarität ist.“

Sprungbrett für Oscar
Als entscheidendes Sprungbrett in die Champions League führt Krausz die Präsentation des Traudl-Junge-Films im Wiesenthal Memorial Center (am 11. November) sowie im American Film Institute in Los Angeles (am 10. und 12. November) an. Denn dort residieren die Mitglieder der „Academy“ – und nicht nur Sony-Chef Michael Barker attestiert den filmisch gebannten Erinnerungen der ehemaligen Hitler-Sekretärin Traudl Junge „eine große Chance auf den Oscar“ (was bei nicht-amerikanischen Produktionen dann möglich ist, wenn ein amerikanischer Verleih wie in diesem Fall Sony den Film übernimmt).
Gepflegter Mann. „Im toten Winkel“, eine Doku, die komplett dem dichten Erzählfluß der Protagonistin vertraut und sowohl Archivmaterial als auch filmische Effekte vollends ausspart, ist laut „Spiegel“ ein weiterer Beleg für die „Banalität des Bösen“.

Autor: Christoph Hirschmann

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