Hannes Androsch: Der rote Magnat

Hannes Androsch ist zum 70er präsent wie eh und je. Er ist aber gerade jetzt auch mit einigen Problemfällen bei seinen Firmen konfrontiert.

Ob sich ein Herzenswunsch von Hannes Androsch zu seinem 70. Geburtstag er­füllt, ist noch offen. Er ­würde zu dem „Runden“ gerne erstmals seine Familie – Ehefrau Brigitte und zwei erwachsene Töchter – mit Sohn Gregor, 11, und dessen Mutter an einem Tisch versammeln. Doch die Begeisterung dürfte sich in Grenzen ­halten. „Die Hoffnung lebt noch“, sagt Androsch nachdenklich und klingt nicht sehr optimistisch dabei. Ansonsten wirkt er, braungebrannt vom Skifahren am Arlberg, energie­geladen wie selten in letzter Zeit. Sein Terminkalender ist voll. Beim Leiter­plattenhersteller AT&S steht der Jahresabschluss an. Beim Flugzeugzulieferer FACC muss eine Kapitalerhöhung vor­bereitet werden. Bei der Bawag ist sein Rat für die Restrukturierung der Bank gefragt. Zwischendurch kümmert sich Androsch darum, dass im Forschungszentrum Seibersdorf, wo er dem Auf­sichts­rat vorsitzt, dem scheidenden Ge­schäftsführer Hans Rinnhofer ein würdiger Abschied bereitet wird – inklusive Feier mit den Betriebsräten. Androsch arbeitet auch an seiner Autobiografie mit dem Titel „Hochschaubahn“, die eigentlich im April hätte erscheinen sollen. Er muss sich aber mit seinem Ghostwriter und weiteren Helfern durch so viel Material wühlen, dass sich das Buch zumindest bis Herbst verzögern wird. Und schließlich findet der einstige Finanzminister auch noch Zeit für kon­tinuierliche Kommentare zur aktuellen Politik – international wie national. Der hiesigen Koalitionsregierung wirft er vor, sich „auf Seitenblicke-Events zu flüchten“ und „die komplexen Themen nicht anzugehen“. Die Vermögenszuwachssteuer hält er für „blanken Unsinn“.

Fest im Palais Liechtenstein, privates Dinner beim Kanzler. Zu seinem 70er am 18. April ist der sozialdemokratische Mul­­­ti­millionär präsent wie eh und je. Viele, die in diesem Land Rang und Namen haben, lädt er an diesem Tag zu einem Fest ins Palais Liechtenstein. Kanzler Gusenbauer, den Androsch oft auch heftig kritisiert, bittet ihn zu einem privaten Dinner, Bundespräsident Fischer in seine Residenz in Mürzsteg. Der Kanz­ler streut seinem Parteigenossen auch Rosen: „Hannes Androsch war eine der zentralen Personen in der österreichischen Politik und ist heute noch einer der erfolgreichs­ten Unternehmer dieses Landes.“ Die Akademie der Wissenschaften ehrt ihren Gönner am 16. April. Androsch hat dort mit einem zweistelligen Euro-Millio­nenbetrag eine nach ihm benannte ge­mein­nützige Stiftung eingerichtet. „Das Feiern lässt sich nicht ganz verhindern“, sagt der Jubilar etwas kokett. Denn er genießt die Huldigungen auch. Nach dem jähen Ende seiner Politlaufbahn und seiner Karriere als Bankmanager ist ihm sein Erfolg als Unternehmer umso wichtiger. So selbstverständlich war Androschs drittes Durchstarten nicht. Erst mit 56 Jahren beteiligte er sich an seinem – mit Ausnahme der Steuerberatungskanzlei Consultatio – ersten Unternehmen. Seine exzellenten Beziehungen kamen ihm natürlich zupass. Aber der studierte Ökonom bewies auch eine gute Nase. Scheinbar ohne großen Plan kaufte er, was er kriegen – und finanzieren – konnte. Heute zählt das Firmenkonglomerat, an dem der rote Magnat Anteile hält, über 10.000 Mitarbeiter und 1,3 Milliarden Euro Umsatz. Im Vergleich zu einem anderen Jungstar als Finanzminister, Karl-Heinz Grasser, spricht die unternehmerische Performance eindeutig für Androsch.

Gute Investments trotz der jüngsten Verluste an den Börsen. Der turbulente Werdegang des SPÖ-Mannes ist oft be­schrieben worden. 1970, damals 32 Jahre alt, wird Androsch Finanzminister, später Vizekanzler und Kronprinz von Bruno Kreisky. Es kommt immer häufiger zu Reibereien mit dem politischen Zieh­vater. 1981 scheidet Androsch wegen einer Affäre um seine Wiener Villa aus der Regierung aus. Er wird roter General der schwarzen CA. Nach einer Verurteilung wegen falscher Zeugenaussage in einem U-Ausschuss tritt er 1988 zurück. 1991 folgt auch eine rechtskräftige Verurteilung wegen Steuerhinterziehung. 1994 steigt Androsch bei der damals verstaatlichten AT&S ein. Einer der Partner ist Willi Dörflinger, mit dem er bis heute fast alle seine Deals macht. Das Geld kommt von Ludwig Scharinger, dem Boss von Raiffeisen Oberösterreich. 6,5 Millionen Euro beträgt der Kaufpreis, heute ist AT&S rund 40-mal so viel wert – trotz einer Halbierung des Aktienkurses.

Hannes Androsch kann mit der Entwicklung seiner Investments insgesamt zufrieden sein, obwohl die letzten Mo­nate nicht erfreulich verliefen und er ausgerechnet zum 70er gleich mit mehreren Problemfällen konfrontiert ist. Der Ab­sturz der Weltbörsen hat auch AT&S schlimm erwischt. Trotz eines gerade ab­geschlossenen Rekordjahres fiel der Wert der 21,5-Prozent-Beteiligung Androschs um fast 50 Prozent auf knappe 60 Millionen Euro. Seine knapp zehn Prozent an der Online-Company bwin repräsentieren aktuell rund 70 Millionen Euro. Vor dem Großangriff auf private Wettanbieter waren es noch 400 Millionen. Reich ist der frühere SPÖ-Hoffnungsträger dennoch: Zwischen 250 und 300 Millionen bewegt sich sein Vermögen zurzeit. So ist etwa das eine Prozent an der Bawag, das der Eigentümer Cerberus ihm für die ­Hilfe bei der Übernahme zu Sonderkonditionen überließ, zirka 30 Millionen wert. Ein weiteres halbes Prozent erhält Androsch in zwei Jahren. Über seine Privatstiftung ist die Familie samt vier Enkelkindern versorgt – auch der außereheliche Sohn Gregor, dessen Erziehung der Vater viel Zeit widmet.

Um seine Firmen wolle er sich kümmern, solange er dazu in der Lage sei. Was danach passiert, könne er nicht dekretieren, meint Androsch. Er könnte nur alles verkaufen und das Geld sicher anlegen. Was derzeit kein Thema ist. Dass der ­Ex-Vizekanzler seine Geschäfte trotz beachtlichen Alters immer noch fest im Griff hat, beweist eine Anekdote seines Anwalts Georg Riedl: „Wir waren bei einem Termin, und Androsch machte den Eindruck, als würde er sanft entschlummern. Ich habe vergeblich versucht, ihn zu wecken. Auf einmal schaut er auf und stellt die in diesem Moment einzig richtige Frage. Unser Gegenüber war verblüfft.“

bwin hat wieder Potenzial. Diese Fähigkeit wird ihm auch bei bwin zugute kommen. Die Wettfirma sieht sich zwar nicht mehr wie noch vor einem Jahr in ihrer Existenz bedroht. Damals stand im Raum, dass zahlreiche Staaten private Online-Wettanbieter schlicht verbieten. Diese Phase scheint überwunden. Doch es wird noch eine Weile dauern, bis sich bwin wieder ganz erfangen hat. Und Androsch wird noch oft gegen „die heuchlerischen staatlichen Finanzmonopole“ wettern und seine Kontakte spielen lassen müssen, bis die EU-Kommission vielleicht eines Tages echten Wettbewerb zulässt. Der ­Aufsichtsratschef und Hauptaktionär zeigt sich dennoch zuversichtlich, was das Potenzial von bwin betrifft: „Weil wir die Nummer eins in Europa und softwaremäßig am besten aufgestellt sind.“

FACC-Verkauf abgeblasen. Feuerwehr muss Androsch auch beim Flugzeugzulieferer FACC spielen, an dem er gemeinsam mit Raiffeisen Oberösterreich knapp 50 Prozent der Anteile hält. Monatelang wurde bis vor kurzem versucht, die Firma zu verkaufen. Der Industrielle argumentierte, dass FACC zu klein sei, um die hohen Entwicklungskosten tragen zu können, und zu kapitalschwach für die Flugzeugbranche, wo man einen sehr langen Atem braucht. Doch kein Interessent wollte den Mindestkaufpreis, den sich die Gesellschafter vorstellten, bezahlen: hundert Millionen Euro, netto, nach Abzug der Schulden. Der Plan zur Veräußerung wurde daher jetzt abgeblasen, wie Androsch offiziell bestätigt. Die Salinen AG pumpt stattdessen nochmals zehn Millionen Euro via Ka­pitalerhöhung in die FACC. „Wir sanieren jetzt selbst. Und dann sehen wir weiter.“ Was bedeutet: Dann wird ein zweiter Verkaufsversuch gestartet. Trotz der laufenden Verluste, die Androsch einräumt, hält er das Unternehmen für sanierbar. Der Ski­produzent Fischer kann bei der Kapi­tal­erhöhung nicht mitziehen. Der muss we­gen seiner klammen Finanzen wohl auch seine Anteile abgeben. Laut Syndikatsvertrag besitzen Androsch und Scharinger darauf ein Vorkaufsrecht, das sie vermutlich nutzen werden.

Die Salinen selbst sind ebenfalls nicht gerade das sprichwörtliche Salz in der Suppe. Im letzten Geschäftsjahr setzte es bei 65 Millionen Euro Umsatz über sechs Millionen Verlust. Zwar hat die jüngste Expansion laut Androsch „einen Quantensprung in der Kapazität“ gebracht, die ­entsprechenden Erträge lassen aber noch auf sich warten: eine weitere Turnaround-Aufgabe. Seine „Opfer“. Mit dem früheren ­Salinen-Chef Thomas Jozseffi, einst enger Vertrauter und Mitstreiter in der SPÖ, hat sich der Salzbaron mittlerweile überworfen. Dieser ist Androsch aber nicht gram: „Unsere Wege haben sich beruflich eben getrennt. Ich habe von ihm jedenfalls sehr viel gelernt: wie man auf Leute zugeht, wie man zuhört und komplexe Sachverhalte auf den Punkt bringt.“ Auch einige andere „Opfer“ hat Androschs Weg zum Top-Unternehmer gefordert: So gab es auch mit Helmut Zoidl, einem Mitaktionär aus AT&S-Anfangstagen, massiven Streit. Und den ehemaligen Bank-Austria-Boss Gerhard Randa verfolgt Androsch sowieso mit biblischem Hass, seit dieser den Versuch, den Faserproduzenten Lenzing zu übernehmen, vereitelte: „Der Randa hat ja noch ganz andere Sauereien begangen. Er hat aus Eigennutz das halbe österreichische Bankwesen verschenkt.“ Zu seinen zahlreichen Geburtstags­feiern werden – trotz allem – Hunderte Gratulanten erwartet.

Von Andreas Lampl, Angelika Kramer

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