Goldgrube Russland: Wie österreichische Unternehmen und Banken verdienen

Die russische Wirtschaft wuchs in den letzten Jahren um sieben Prozent pro Jahr. Das Land ist reich geworden – mit ihm eine Klasse potenter Oligarchen und ausländischer Investoren.

Wenn Matwei Hutman durch die Reihen des Delikatessenladens im Luxuseinkaufszentrum Gum am Roten Platz schlendert, werden seine Augen ganz groß. „Hier gibt es alle exklusiven, internationalen Marken“, schwärmt der rus­sische Vertriebsleiter von Meinl-Kaffee, der in dem Nobelgeschäft gelistet ist. „Französische Marmelade, Schweizer Käse und sogar belgische Schokolade haben wir hier“, sagt der Halbrusse stolz.
Zu Sowjet-Zeiten waren die Regale des Warenhauses Gum halb leer, nur ein kleiner Teil war mit westlichen Luxus­waren bestückt, reserviert für die Politelite und deren Gattinnen. Heute ist der Shoppingtempel mit seinen 35.000 Quadratmeter Verkaufsfläche mit hochpreisigen Importgütern prall gefüllt. Das Ge­schäft boomt, denn die Geldbörsen der wohlhabenden Russen sitzen hier besonders locker.

Wohl kein anderes Gebäude des Landes spiegelt die Wirtschaftsgeschichte Russlands so eindrucksvoll wie das Gum. Vor 20 Jahren noch fest im Griff der so­w­jetischen Planwirtschaft, boomt Russ­land seit zehn Jahren ungebremst – und ein Ende ist nicht abzusehen. Die Wirtschaft wächst um sieben Prozent pro Jahr, die Löhne steigen um 16 Prozent. Das BIP pro Kopf, im Krisenjahr 1998 noch bei 2.000 Dollar, ist auf 9.000 Dollar explodiert. Das Land hat seine Auslandsschulden von 61,9 Prozent des BIP im Jahr 2000 auf 34,2 Prozent im vergangenen Jahr gesenkt und im gleichen Zeitraum seine Devisenreserven von 26 auf 317 Milliarden Euro aufgestockt. „Die wirtschaftliche Entwicklung Russlands ist gigantisch“, ist der österreichische Handelsdelegierte in Moskau, Hans Kausl, beeindruckt. „Das wird auch in den nächsten Jahren so weitergehen.“

Noch eindrucksvoller steigt die Zahl der Milliardäre. Vor sechs Jahren waren es acht, letztes Jahr sechzig – und heuer reicht eine Milliarde Dollar nicht einmal mehr, um auf die Liste der reichsten ­hundert Russen zu kommen. Auch das Vermögen der Reichsten wächst: Die reichs­ten hundert Russen verfügen heute gemeinsam über 522 Milliarden Dollar – fast viermal mehr als vor vier Jahren, errechnete das Magazin „Forbes“. Doch mit dem Wirtschaftsboom wachsen auch die Probleme des Landes: Russland hängt am Öltropf, und die Wirtschaft ist wenig diversifiziert. Auch Klein- und Mittelbetriebe haben es aufgrund der Dominanz der Oligarchen schwer. Denn diese haben die Wirtschaft fest in der Hand. Sie sind alle knapp über vierzig, alle gut miteinander bekannt und wurden zu den Zeiten der Privatisierung der großen Staatsbetriebe reich – oftmals durch ­eigene Mithilfe: Ex-Vizepremier Vladimir Potanin etwa, siebtreichster Russe, erfand das berüchtigte Programm „Loans for Shares“, das die Privatisierung vorantrieb und ihm gemeinsam mit Mikhail Prokorov (sechstreichster Russe) sehr günstig zur Gründung des Riesen Interros verhalf. Das Vermögen von Roman Abramovich geht auf dasselbe Privatisierungsprogramm zurück, das ihm in den 1990ern zu einem wahren Schnäppchen verhalf – der Anteilsmehrheit der Ölfirma Sibneft, die er inzwischen an Gazprom verkauft hat. Im Ausland machen die Olig­archen durch spektakuläre Aufkäufe Schlagzeilen – oder durch ihr Auftreten: Suleiman Kerimov etwa, Parlamentarier und Gazprom-Milliardär, baute mit seinem Ferrari mitten auf der Promenade des Anglais in Nizza einen so spektakulären Unfall, dass das Auto in zwei Teile zerbrach. Mikhail Prokorov wurde in Frankreich unter dem Verdacht verhaftet, er betreibe einen Prostitutionsring (die Frauen waren allerdings alle für ihn bestimmt, er wurde wieder freigelassen).

Einige der Oligarchen sind auch – geschäftlich – in Österreich hoch aktiv: Oleg Deripaska, der reichste Russe und Besitzer des ebenfalls privatisierten Aluminiumriesen Rusal, stieg mit 30 Prozent bei Peter Haselsteiners Strabag ein. Strabag sicherte sich damit lukrative Bauaufträge in Russland – nicht zuletzt, weil die Bauindustrie in den letzten Jahren im Schnitt um zwanzig bis dreißig Prozent wuchs (siehe Interview Seite 48). Viktor Vekselberg, ebenfalls Privatisie­rungs­gewinner und Vorstand des Öl-Joint-­Venture TNK-BP, das mit seiner Renova Holding wiederum Anteile an Deripaskas Rusal besitzt, sorgte gemeinsam mit den Österreichern Georg Stumpf und Ronny Pecik in der Schweiz für Aufruhr: Das Investorentrio übernahm in zwei Stufen den Technologiekonzern Oerlikon und die Maschinenbauer Saurer und Sulzer. Derzeit allerdings streitet das Trio erbittert um die Macht bei Oerlikon.
Die Oligarchen spiegeln den Zustand der russischen Wirtschaft wider: Sie ist von wenigen Riesen dominiert, die meis­ten davon ehemalige Staatsbetriebe im Rohstoff- und Baubereich. Unternehmer, die mit einer eigenen Idee starten, haben es hingegen schwer. KMUs tragen weniger als 15 Prozent zum BIP bei, und nur fünf Prozent der russischen Unternehmen wurden in den letzten zehn Jahren ge­gründet, sagt die Weltbank. „Die meisten Unternehmen in Russland sind noch aus der Sowjet-Ära. Ihre Geschäfte sind oft sehr intransparent“, bedauert Mikhail Karyakin, Chef des russischen Kredit­finanzierers Kapital Insurance Group. Dazu kommt eine gefährliche Abhängigkeit: Fast ein Drittel der russischen Wirtschaftsleistung besteht aus Öl- und Gasförderung. Vor zehn Jahren war es noch ein Achtel.

Diese Abhängigkeit ist umso bedenk­licher, als die Ölförderungen nun erstmals zurückgehen. Das hat nicht unbedingt mit versiegenden Ölfeldern zu tun – sondern mit Politik: 2003 startete Wladimir Putin ei­nen Angriff auf Yukos, das größte Öl­unternehmen. Der Besitzer – Mikhail Chodorkovsky – landete im Gefängnis, die Zerschlagung des Konzerns wurde als Feldzug gegen die Oligarchen verkauft. Doch statt privater Unternehmen übernahmen staatliche und halbstaatliche Firmen die Reste von Yukos. Die Folgen dieser Politik für die Ölförderung: Investitionen blieben aus, die Fördermengen wuch­sen langsamer und gehen ab jetzt zurück: „Eine höhere Fördermenge als 2007 werde ich in diesem Leben wohl nicht mehr sehen“, sagte Leonid Fedun, Vizechef von Lukoil, der „Financial Times“.

Die Internationale Energieagentur appelliert deshalb an Moskau, alles nur Mögliche für Investitionen zu tun: „In Russland gibt es eine ganze Reihe von Gebieten, die komplett unerforscht sind“, sagt IEA-Experte Lawrence Eagles. Um das Öl auf den Markt zu bringen, sind beachtliche Investitionen nötig.“ Die Wirtschaftspolitik, die zur Zerschlagung von Yukos führte, hatte noch weitreichen­dere Folgen: Sie führte nicht zu einer Ver­staatlichungswelle – sondern schuf ei­­ne neue, unauffälligere Klasse von Oligarchen. Eine Reihe von Polizeirazzien und Schließungen von Firmen verhalfen ihnen zu wachsenden Imperien.

Parallel dazu wuchs die Korruption, die schon in den 1990ern ein Problem war – von zwei Seiten: Auf der einen bestechen Unternehmen Beamte. Auf der anderen aber geht Korruption direkt vom Kreml aus – als Machtinstrument. Heute steht Russland in den Korruptionsindizes von Weltbank und Transparency International etwa auf der Stufe von Togo. Parallel zum konsequenten Aushöhlen der Demo­kratie hat Putin so ein System geschaffen, in dem loyale Wirtschaftsbosse, hohe Be­amte und Politiker – oft in Personalunion – ein seltsames Mittelding aus Emerging Market, Staatskapitalismus und Sowjetsystem kontrollieren. Viele der Oligarchen bekleiden nebenbei politische Ämter, und staatsnahe Unternehmen dienen oft als Zwischen­lager für loyale Beamte und Mitstreiter – so war der neue, Putin-treue Präsident Medwedew seit 2003 Aufsichtsratschef der Gazprom. Er wird das System Putin, das ihn an die Macht gebracht hat, im Schatten des Expräsidenten wohl weiterführen.

Die staatsnahen Betriebe häufen in die­sem System vor allem Schulden an: Fast die Hälfte des Schuldenbergs der rus­­sischen Unternehmen – 400 Milliarden Dollar, fast so viel wie die Auslandsreserven – gehören staatlichen und staatsnahen Unternehmen, die gerne beim Kreml lobbyieren, damit der die Bezahlung übernimmt. Doch in den bisherigen Versäumnissen liegen nun vor allem Chancen. Putin hat mit seiner Wirtschaftspolitik nicht nur seine eigene Macht gesichert – sondern auch Voraussetzungen für solides Wachstum geschaffen (siehe Grafik vorige Seite): Die Staatsreserven wurden aufgefüllt, die Löhne und der Konsum stiegen, und das Potenzial der russischen Wirtschaft ist enorm. Schon jetzt, bei allen Versäumnissen, wächst sie um sieben Prozent – möglich wären elf oder zwölf.

Ausländische Investitionen etwa sind noch recht spärlich und haben Potenzial: Obwohl sie sich letztes Jahr auf 27,8 Milliarden Dollar verdoppelt haben, machen sie derzeit nur 2,2 Prozent des BIP aus – und nur die Hälfte davon kommt wirklich aus dem Ausland (die größten Auslands­investoren in Russland sind, auf dem Umweg über Steueroasen, die russischen Oligarchen selbst, schreibt der „Eco­nomist“). Potenzial für mehr wäre da – 86 Prozent der Investoren zeigten sich in einer Studie „sehr zufrieden“ mit dem Investitionsklima. Einer davon ist Heinz Schletterer (siehe Kasten Seite 46). Der Tiroler Unternehmer entwickelt für einen bekannten Oligarchen derzeit die luxuriöseste Wellnessanlage des Landes. Kostenpunkt: neunzig Millionen Euro. Schletterer: „Der Oligarch wird das Spa für sich und seine Freunde nutzen.“

Von Corinna Milborn, Barbara Nothegger

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