Generation Einzelkämpfer: Immer mehr 'Neue Selbstständige' suchen ihre Chancen

Sie werden immer mehr: Über 200.000 Einzelunternehmer und „Neue Selbständige“ leben im Graubereich zwischen Dienstnehmer und Unternehmer. Politisch sind sie kaum vertreten.

Robert Six tut, wovon andere träumen: Er liegt in der Hängematte und verdient dabei auch noch Geld. Die Hängematte baumelt von der Decke eines Gemeinschaftsbüros am Rochuspark in Wien, und das Geld verdient der Grafikdesigner am Laptop – wenn er nicht gerade sein eigener Sekretär, Buchhalter, Marketingmanager oder Putzmann ist. Robert Six schätzt seit sieben Jahren die Unabhängigkeit und schafft es zum Jahresende immer, sich und die bald fünfköpfige Familie ernährt zu haben. „Aber es gibt schon mal Phasen mit zu viel Zeit und zu wenig Geld“, meint der 33-Jährige. „Dann wieder zu viele Aufträge, die nur mit Freelancern zu bewältigen sind.“ Es sind die Freuden und Sorgen eines Unternehmers, getragen von einer Einzelperson.

Six ist eines von fast 183.000 Ein-Personen-Unternehmen (mit Gewerbeschein) in Österreich, dazu kommen 38.080 Neue Selbständige, die ohne Gewerbeschein ar­beiten – fast doppelt so viele wie noch vor sieben Jahren. Von den 30.000 Neugründungen 2007 fielen mehr als
80 Prozent auf Ein-Personen-Unternehmen. Zwei Drittel davon wollen auch in Zukunft nicht mehr als sich selbst im Betrieb. Es ist fast eine eigene neue Klasse, angesiedelt irgendwo zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, die sich ihre Jobs selbst schafft und politisch nirgends so richtig vertreten ist. Dabei sind die neuen Einzelkämpfer ein Zukunftsmodell: Heute sind 14 Prozent der österreichischen Bevölkerung selbständig, 2050 wird der Anteil auf 25 Prozent steigen, schätzt das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation in Stuttgart. Die neuen Einzelunternehmer sind hochmotiviert, im Durchschnitt 42 Jahre alt und zu einem Drittel weiblich. Über ihre Gründe, allein und doch nicht angestellt zu arbeiten, wird vor allem spekuliert: Die Wirtschaftskammer will in ihnen einen „Gründerboom“ von hoffnungsfrohen jungen Unternehmern sehen, die wachsen und Arbeitsplätze schaffen werden. Die Arbeitnehmervertreter seufzen, dass viele nur aus Not selbständig und die Arbeitsbedingungen oft prekär seien: kein Krankenstand, kein Urlaub, kein Kollektivvertrag, keine Arbeitnehmerrechte.

Von selbstverwirklicht bis resignativ. Die Wahrheit liegt in der Mitte, wie eine neue Studie des Gründer-Services zeigt: Die meistgenannten Gründe für die Selbständigkeit sind Geld und Freiheit – die Möglichkeit, selbst Chef zu sein, statt einen zu haben (s. Grafik S. 20). Dajana Dorfmayr etwa machte sich nach Jahren als Ausstatterin am Burgtheater als Modedesignerin selbständig: „Ich habe mir das seit zehn Jahren gewünscht und wusste – jetzt oder nie. Am Theater musste ich mich nach ­vielen Seiten richten, jetzt kann ich meine eigenen Ideen umsetzen.“ Dazu kommt die freie Zeiteinteilung. „Vor allem finanziell besser gestellte Selbständige können sich die Zeit für die Familie besser ein­teilen als Angestellte“, weiß Martina Schubert, Geschäftsführerin des Forums zur Förderung der Selbständigkeit und selbst Ein-Personen-Unternehmerin. Eine eigene Kategorie sind Spitzen­politiker oder Topmanager wie Ex-EU-Kommissar Franz Fischler, die sich nach Ende ihrer öffentlichen Laufbahn „privatisiert“ haben und das „sehr genießen“.

Doch nicht bei allen ist die Entscheidung freiwillig. Je 7,5 Prozent fühlten sich in die Selbständigkeit gedrängt oder be­kamen den Rat dazu vom AMS. Weitere 10 Prozent sind selbständig, obwohl sie lieber angestellt wären – weil sie keinen adäquaten Job finden oder so den Berufs­einstieg schaffen wollen. Norbert Philipp etwa, Journalist, hat sich selbständig ge­macht, um überhaupt arbeiten zu können: Sein Ziel ist, sich ein Netzwerk aufzu­bauen – und dann eine fixe Anstellung zu finden. „Ich verdiene jetzt halb so viel wie früher als angestellter Werbetexter, arbeite aber mehr“, sagt er. Andreas Riesenfelder von L&R Sozialforschung hat eine Typologie der Neuen Selbständigen und Ein-Personen-Unter­neh­mer erstellt. Sie zeigt: Die neuen Einzelkämpfer lieben zum Großteil ihre Tätigkeit – obwohl sich der Traum vom großen Geld für die Mehrheit nicht erfüllt. Mehr als zwei Drittel fallen unter die Kategorien „Selbstverwirklicher“ und „Privilegierte“ und sind mit ihrer Situation sehr zufrieden. Je ein Zehntel sieht die Selbständigkeit als Übergang oder hat resigniert, und 13 Prozent gelten als „gefährdet“ – sie verdienen viel zu wenig und sind sehr unzufrieden. Der Anteil der Ein-Personen-Unternehmer, die mit dem wirtschaftlichen Überleben kämpfen, ist allerdings weit höher: 21 Prozent geben an, das Einkommen reiche nicht aus, bei 41 Prozent reicht es gerade. „Gerade am Anfang braucht man eine gewisse Askesefähigkeit – es reicht zum Leben, aber reich sind wir noch nicht geworden“, meinen Florian und Gregor Dorfbauer, die sich vor einem halben Jahr als Software-Entwickler selbständig gemacht haben.

Einige halten nicht durch: Ein Fünftel gibt laut Wirtschaftskammer nach weniger als drei, ein Drittel nach weniger als fünf Jahren wieder auf. „Im internatio­nalen Vergleich liegen wir da sehr gut“, relativiert Elisabeth Zehetner vom Gründer-Service der Wirtschaftskammer. „Ich habe es allein versucht“, meint etwa raumdirekt-Geschäftsführerin Anita Posch, „da das aber schwierig war, probiere ich es nun mit Martina Gruber zu zweit. Trotzdem ist das Geschäft eines kleinen Unternehmens mit ebenso kleinen Kunden und wenig Budget sehr hart.“

Nicht vertreten. Doch wer vertritt die Interessen der neuen Klasse? Die neuen Einzelkämpfer sind zwar Unternehmer – aber keine Arbeitgeber, und zwei Drittel wollen das auch nie sein. Sie sind Auf­trag­nehmer – aber keine Angestellten, für die Arbeitnehmervertreter stehen sie also im unternehme­rischen Feindesland. Re­sultat: Vor allem die Neuen Selbständigen sitzen vertretungstechnisch zwischen allen Stühlen. Josef Wöss, Leiter der Sozialabteilung der Arbeiterkammer, kann gerade noch mit freien Dienstnehmern etwas anfangen – die sind seit heuer Mitglieder in der Arbeiterkammer und damit seine Klientel. Schwieriger wird es bei den Neuen Selbständigen, „die sind eher unternehmerisch tätig“. Da die Grenze aber nicht klar zu ziehen ist, wünscht sich Wöss eine neue Definition des Arbeitnehmers, „die die tatsächliche wirtschaftliche und persönliche Abhängigkeit berücksichtigt“.

Die Gewerkschaft wiederum kümmert sich vor allem um die Ausgebeuteten un­ter den Freien. Andrea Schober, Leiterin der work@flex-Beratung bei der Gewerk­schaft der Privatangestellten: „Zu uns kom­men natürlich vor allem die, die mangels Alternative in die Selbständigkeit gedrängt wurden.“ Die GPA kämpft gegen Umgehungsverträge und setzt dort an, wo die Selbständigkeit zum Schein verkommt. Für Schober ist die Erwach­senenbildung ein „klassisches Beispiel“: „Die Honorare können kaum ausverhandelt werden, die Kurszeiten sind starr vorgegeben, und mangels Alternativen sind die Betroffenen in einer schlechten Verhandlungsposition.“

In der Wirtschaftskammer ist man für Neue Selbständige gar nicht zuständig. Und auch nicht alle Ein-Personen-Unternehmer mit Gewerbeschein – die 51 Prozent der Wirtschaftskammer-Mitglieder stellen – fühlen sich gut aufgehoben: „Un­sere Institutionenlandschaft hat irgendwann vor 50 Jahren aufgehört, sich weiterzuentwickeln: Auf der einen Seite Arbeitgeber, auf der anderen Arbeitnehmer, dazwischen ein paar Kammern für Freie Berufe. Diese Struktur stimmt nicht mehr“, sagt etwa Fritz Kofler (Grüne Wirtschaft), Obmann der größten Fachgruppe in der Wiener Wirtschaftskammer – IT und Unternehmensberatung. „Ge­ra­de Menschen, die wissensbasierte Dienstleistungen anbieten, entsprechen nicht dem traditionellen Unternehmerbegriff. Das ist nicht ihr Selbstverständnis.“

Die Wirtschaftskammer hat in den letzten Jahren eine Reihe von Maßnahmen für die Einzelkämpfer gesetzt: Eine eigene Plattform (epu.wko.at) informiert und hilft beim Netzwerken. Gründungsförderungen und Weiterbildung besonders für Frauen sollen über die Anfangsjahre helfen. Nun fordert die WKO steuerliche Begünstigung und die 10.000-Euro-GmbH, damit sich mehr Mikro­unternehmer für diese – haftungstechnisch günstigere – Rechtsform entscheiden können. Kofler wünscht sich allerdings mehr – eine gemeinsame Dienst­leisterkammer für Freie Berufe und an­dere Ein-Personen-Unternehmer. Oder überhaupt neue Institutionen, die der Arbeitswelt besser entsprechen. „Aufgrund der parteipolitischen Zuordnung von Arbeitgeber- und Arbeit­neh­merver­tretungen bin ich da aber nicht sehr optimistisch.“

Die Nachteile der Kleinen. Dabei wäre eine Interessenvertretung dringend not­wendig: Viele wissen nicht einmal, welche Rechtsform sie wählen sollen – und melden sich einfach als Neue Selbständige ohne jegliche Vertretung. „Eine GmbH, KG oder Limited wäre in vielen Fällen besser“, meint Steuerberaterin Ingrid Lengauer, die zahlreiche Mikrounternehmer betreut. Die Generation Einzelkämpfer hat Nachteile von beiden Seiten – Unternehmern und Angestellten. So haben Neue Selbständige und EPUs kein steuerfreies Jahressechstel, obwohl viele keinerlei steuerliche Gestaltungsmöglichkeit haben.

Eine Benachteiligung, die Wirtschaftskammer-Chef Christoph Leitl nun beseitigt sehen will. Selbständige müssen ihre Einkommenssteuer und Sozialversicherungsbeiträge im Voraus zahlen – egal, ob sie Geld verdienen oder nicht. „Wenn Kunden verspätet zahlen, bringt mich das immer wieder an den Rand des Aufgebens“, meint Werbegrafikerin Leona P., die sich dann mithilfe ihrer Eltern durchschlägt. Und die Ein-Personen-Unternehmer und Neuen Selbständigen sind nicht sozial abgesichert: Arbeitslosenversicherung gab es bisher ­keine – ab 2009 ist ein Modell geplant, das wohl wenig in Anspruch genommen werden wird. Ein gebrochenes Bein kann mangels Krankenstand das Aus bedeuten. Nur Kleinstunternehmer mit Gewerbeschein, die weniger als 17.000 Euro pro Jahr verdienen, können sich bei mehr als 14-tägiger Krankheit eine Betriebshilfe holen. Martina Virágh, Modedesignerin, nahm dies während des Mutterschutzes in Anspruch: „Ich hätte sonst den Umsatz verloren.“ In wissensbasierten Dienstleistungen ist so ein Ersatz allerdings fast nicht zu finden.

Steuerreform. Bei der kommenden Steuerreform könnten die Mikrounternehmer schon wieder durch die Finger schauen: Weder hat ihnen die Senkung der Körperschaftssteuer etwas gebracht, noch erleichtert sie die Entlastung der Lohn­steuerpflichtigen. Doch die Politik hat die Generation der neuen Einzelkämpfer bereits entdeckt. „Mir ist es ein spezielles Anliegen, diesen Personen An­reize zu bieten, selbständig zu bleiben und dann auch weitere Arbeitsplätze zu schaffen“, meint Minister Martin Bartenstein. „Ich finde auch den Vorschlag des Wifo sehr inter­essant, den ersten Mit­arbeiter für ein Jahr von den Lohnnebenkosten zu befreien. Im Rahmen der Steuerreform plädiere ich für die Etablierung einer rechtsformneutralen Unternehmensbesteuerung.“

Staatssekretär Christoph Matznetter spricht dagegen von einem dreiteiligen Programm für Einzelunternehmer und Neue Selbständige: Schritt eins war die bessere soziale Absicherung der freien Dienstnehmer und die Möglichkeit einer Arbeitslosenversicherung. „Selbständige mit kleinen Einkommen profitieren dar­über hinaus von den gesenkten Beiträgen zur gewerblichen Sozialversicherung“, so Matznetter. Schritt zwei soll Verbesserungen bei der Unternehmensgründung bringen. Drittens soll die Steuerreform Investitionen begünstigen und eine Entlastung der Kleinstunternehmer bringen, „unter anderem auch durch die Vereinfachung der Lohnverrechnung und einheitliche Ab­gaben“. Für prekäre Arbeit auch von Selb­ständigen könne auch die Mindestsicherung ab Juli 2009 mehr soziale Sicherheit schaffen. Alexander Zach, dem Ge­schäftsführer des Liberalen Forums, reicht das nicht: „Die Regierung handelt an den Bedürfnissen der Betroffenen vorbei und müsste viel visionärer denken.“ Das Kammersystem der Sozialpartner biete keine adäquaten Lösungen mehr an. Zach schwebt ein Grundeinkommen für alle vor, „denn die Leute sind nicht arbeits-, sondern einkommenslos“. Er will außerdem eine Vertretung der Neuen Selbständigen aufbauen.

Netzwerken. Das würde auch ein Hauptproblem der Mikrounternehmer lösen: die mangelnde Anbindung, die schon am Arbeitsplatz beginnt. 62 Prozent der Einzelkämpfer arbeiten von zuhause aus, „ein Zustand, mit dem nur die we­nigsten auf Dauer zufrieden sind“, weiß Studienautorin Martina Schubert. Eine Lösung ist der Einzug in ein Gemeinschaftsbüro. Stefan Leitner-Sidl und Michael Pöll haben mit dem Unternehmenszentrum Rochuspark bereits das dritte dieser Art eröffnet. Nach der Schrauben- und der Hutfabrik wurden nun in einer ehemaligen Schmiede Arbeitsplätze eingerichtet. „Eine soziale Gemeinschaft von Gleichgesinnten, ein professionelles Netzwerk, gegenseitige Inspiration“ verspricht Stefan Leitner-Sidl. Für den un­gezwungenen Austausch stehen Café-Bar und bunte Besprechungsräume zur Ver­fügung. Der inoffizielle Mittelpunkt des Büros ist aber der Wuzler. Dort kann man dann auch Robert Six treffen – so er nicht ge­rade in der Hängematte Geld verdient.

Von D. Elmani, M. Madner, C. Milborn, N. Stern

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