Gekappte Leitung - gestörte Verbindung

Die grundsätzliche Entscheidung für eine komplette Trennung von Festnetz und Mobilfunk scheint bei der Telekom Austria fix zu sein. Im Prinzip sind alle handelnden Manager dafür.

Es war ein angenehmer Frühsommertag nach dem Ge-schmack von Boris Nemsic: blauer Himmel und Meer. Zur Aufsichtsratssitzung am 13. Mai lud der Telekom-Boss mit kroatischen Wurzeln in seine Lieblingsstadt Dubrovnik. Die mediterrane Atmosphäre sollte auch das Klima in dem Meeting entspannen. So ganz gelang das Vor­haben aber nicht. Das lag daran, dass sich Aufsichtsratsvorsitzender und ÖIAG-Chef Peter Mi­chaelis kaum auf die Telekom konzentrieren konnte, weil er sich ständig um den Krisenfall AUA kümmern musste (Story S. 32). Das lag aber auch daran, dass ein heikles Telekom-Thema ausführlicher als vorgesehen behandelt werden musste: der Plan, die Mobilkom und die Festnetz AG komplett zu trennen, also den Telekom-Konzern zu zerlegen. Nemsic wollte bei diesem Projekt den Ball flach halten. Nach einem „Standard“-Bericht vor einer Woche bohrten aber die Betriebsräte im Aufsichtsrat nach.

Unbefriedigt blieben sie dennoch. „Es fehlen noch sehr viele Antworten“, berichtet Gewerkschaftschef Michael Kolek. Auch FORMAT gegenüber lässt sich Nemsic nur zu einer lapidaren Aussage hinreißen: „Es ist noch viel zu früh, um über eine Trennung zu reden.“Aber: Die grundsätzliche Entscheidung dafür ist intern so gut wie gefallen. Der General ist dafür, die anderen Vorstände sind dafür und auch die Staats­holding ÖIAG, die 27 Prozent an der Telekom Austria (TA) hält.

Der große Umbauplan. Zwei eigenständige Gesellschaften für Mobilfunk und Festnetz, die beide an der Börse notieren, sind ein Teil des großen Umbauplans, mit dem Nemsic wieder mehr Dynamik in den TA-Konzern bringen will. Der zweite Teil ist die Agentur für unkündbare Beamte, die aber die Gewerkschaft bekämpft. Regierungsvertretern hat der TA-Vorstand mitgeteilt: Investmentbanker seien überzeugt, dass die beiden Sparten an der Börse einen höheren Wert haben als der gemeinsame Konzern, der es zuletzt auf knapp 7,5 Milliarden Euro brachte. Wenn eine Prüfung das bestätigt, werden Nemsic & Co die Teilung vorschlagen. „Und die Prüfung wird ergeben, dass es sich lohnt“, sagt ein TA-Manager. Das dahinterstehende Kalkül: Die beiden Gesellschaften haben sehr wenig gemeinsam, weil Festnetz und Handy-Sparte ganz unterschiedliche Investoren ansprechen. Die Mobilkom könnte sich dann als Wachstumsaktie positionieren, das Festnetz als Dividendenpapier für Infrastruktur-Anleger.

Neue Story muss her. Die dieser Tage vorgelegten Quartalsergebnisse der Telekom sind nicht schlecht, aber nicht be­rauschend. Das Gewinnwachstum hat sich auch im Mobilfunk eingebremst. Die Zer­legung soll den langsam unruhig werdenden Aktionären eine neue Story bieten.
„Bis Ende Mai sind uns Vorschläge versprochen“, sagt Kolek. „Vielleicht will der Vorstand im Juni die Ablenkung der Öffentlichkeit durch die Fußball-EM nutzen.“ Der Aufsichtsrat wird einberufen, sobald ein abstimmungsreifes Papier auf dem Tisch liegt. Technisch würde der Schritt am einfachsten durch einen Aktiensplit funk­tionieren. Jeder TA-Aktionär würde dann sowohl Mobilkom- als auch Festnetz-Anteilsscheine erhalten. Das Verhältnis ergibt sich aus den Bewertungen, wobei das Festnetz auf etwa zwei Milliarden Euro geschätzt wird.

Die TA-Holding soll mit der Festnetz AG verschmelzen. Die einzige Verbindung zur Mobilkom wären dann gemeinsame Verträge, um Bündelprodukte an­bieten zu können, und wahrscheinlich Verschränkungen in den Aufsichtsräten. Die Vorstände blieben weitgehend unverändert. Hans Tschuden soll als Finanzchef von der Holding zur Mobilkom wandern. Ein Vertriebs- und Marketing-Vorstand soll das Festnetz verstärken. Ein weiteres Argument, das Boris Nemsic gegenüber den Eigentümern ins Treffen führt: Auch bei den Handy­betreibern verstärkt sich der Konzen­trationsprozess. Eine aktuelle Studie der Rating-Agentur Moody’s bezeichnet alle mittelgroßen Gesellschaften als Übernahmekandidaten. Für die Mobilkom wäre es alleine leichter, sich einen Partner anzulachen. Als heißeste Kandidaten für einen Einstieg gelten Weltmarktführer Vodafone und die russische Sistema.

Verkauf der Mobilkom möglich. Nicht auszuschließen ist, dass sich der Staat mittelfristig komplett aus der Mobilkom zurückzieht. Hingegen gibt es Tendenzen, vor allem in der SPÖ, dass die ÖIAG dafür ihren Anteil an einer Festnetz AG aufstocken könnte. Betriebsrat Kolek: „Das ist Infrastruktur und damit ein Kerngeschäft des Staates.“ Auch Finanzstaatssekretär Christoph Matznetter hat schon laut über eine Beteiligung bis zu 51 Prozent nachgedacht. Festnetz-Boss Rudolf Fischer und sein Finanzvorstand Gernot Schieszler beklagten in der Vergangenheit immer wieder, der Konzern gebe nur für die Handy-Sparte Geld aus. In einem vertraulichen Papier listen sie auf, dass ihr Bereich zwischen 2001 und 2007 über 3,3 Milliarden Euro Cashflow erwirtschaftet hat, ins Festnetz aber fast nichts investiert wurde. In einem getrennten Weg sieht Fischer den Vorteil, künftig selbst über die Mittelverwendung entscheiden zu können. Zwischen 700 Millionen und einer Milliarde will er in den Glasfaserausbau stecken. Schieszler sagte letzte Woche im FORMAT: „Unsere einzige Chance ist, jetzt zu investieren.“ Ein Knackpunkt wird auch die Aufteilung der Schulden sein. Von den aktuell 4,2 Milliarden Euro Konzern-Verbindlichkeiten seien nur 500 Millionen dem Festnetz-Bereich zuzuordnen, heißt es dort. Müssten mehr übernommen werden, wäre eine attraktive Dividende nicht mehr darstellbar.

Zoff um Beamten-Agentur. Das kränkelnde Festnetz, dessen Betriebsergebnis im ersten Quartal um 45,5 Prozent auf 30 Millionen zurückging, hat überdies das Problem von 6.900 unkündbaren Beamten. Der Vorstand will rund 2.000 davon, die laut seinen Aussagen nicht mehr beschäftigt werden können, in den kommenden vier Jahren in eine bei der ÖIAG angesiedelte Beamten-Agentur verlegen. Damit würde der Staat einen Teil der Kosten tragen. Von der Gewerkschaft kam am 16. Mai jedoch ein glasklares Nein. Kolek: „Einem solchen Parkplatz stimmen wir nicht zu. Die ÖIAG wird es noch weniger schaffen, die Leute unterzubringen. Außerdem ist es falsch, dass wir diese Mitarbeiter nicht brauchen.“ Finanzmanager Schieszler verursachte jüngst Aufregung, indem er ankündigte, ohne eine Lösung etwa 200 Millionen Rückstellungen pro Jahr für überzählige Beamte bilden zu müssen – was kaum ­verkraftbar ist. Eine Zeit lang ließe sich das noch umgehen. Aber möglicherweise würde das Thema genau im Wahljahr 2010 explodieren – weswegen Nemsic trotz Widerstands der Gewerkschaft noch auf ein Einlenken der Politik hofft. Sein Problem wird das nach der Spaltung des Konzerns nicht mehr sein.

Von Andreas Lampl

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