Geballte Macht

Rewe schluckt Adeg. Spar steht davor, bei Zielpunkt/Plus das Ruder zu übernehmen. Österreichs Lebensmittellieferanten stöhnen über die fortschreitende Konzentration der Branche.

Seit die Rewe Group Austria am Dienstag verkündete, mit 75 Prozent bei Adeg einzusteigen, gehen die Wogen in der österreichischen Lebensmittelbranche hoch. Lieferanten sprechen hinter vorgehaltener Hand von einer unglaublichen Sauerei, und auch Branchenkenner zeigen sich vom Deal entrüstet. „Das setzt die Lieferanten und alle übrigen Lebensmittelhändler enorm unter Druck“, sind sich Hans Peter Madlberger (Key Account) und Peter Schnedlitz (WU Wien) einig.

Konkret will die deutsche Rewe-Gruppe (Billa, Merkur, Penny) ihren 24,9-Prozent-Anteil an der Adeg Österreich Handels AG auf 75 Prozent aufstocken. Rewe übernimmt ein Paket der Edeka Chiemgau sowie Teile der Adeg Österreich Genossenschaft, die bislang 37,5 bzw. 37,6 Prozent am Unternehmen gehalten hat. Geht der Deal bei den Kartellbehörden durch, bringt es die Rewe Group schlagartig auf satte 35,8 Prozent Marktanteil – wobei Erzrivale Spar freilich nicht tatenlos zuschauen will.

Laut FORMAT exklusiv vorliegenden Informationen steht Gerhard Drexel, angriffiger Chef der Salzburger Lebensmittelkette, in weit gediehenen Verhandlungen, um sich Rewe-Austria-Boss Frank Hensel an die Fersen zu heften: Zusammen mit einer österreichischen Investorengruppe will er bei Plus Österreich (vormals Zielpunkt) einsteigen – also bei der Diskontkette der deutschen Tengelmann-Gruppe. Wie Insider bestätigen, will sich Spar für vierzig Millionen Euro 150 der insgesamt 350 Plus-Standorte einverleiben. Der Rest bleibt bei Tengelmann mit der neuen Investorengruppe. Aber auch für diese Standorte ist ein enger Schulterschluss mit Spar vorgesehen. Drexel hofft, mit dieser Konstruktion bei den Kartellwächtern leichter durchzukommen. Mitte Jänner soll der Deal, der Spar auf 32,3 Prozent Marktanteil bringt, besiegelt werden. Die Gespräche laufen derzeit auf Hochtouren – auch wenn Spar dazu schweigt.

Bei einer Übernahme von Adeg durch Rewe und einem Einstieg von Spar bei Plus wird die Macht am österreichischen Lebensmittelmarkt neu – und ungleicher denn je – verteilt. Die beiden Platzhirsche Rewe und Spar kämen zusammen auf enorme 68,1 Prozent Marktanteil. Sie sind dabei, das Land unter sich aufzuteilen – gestört nur noch durch die Diskonter wie Hofer. Die Luft für die wenigen verbleibenden Mittelständler wie ZEV Markant und Mpreis wird immer dünner. „Es kann doch nicht sein, dass das Kartellamt solch einer Anteilserhöhung zustimmt“, echauffiert sich Leopold Wedl, Präsident von ZEV Markant. Einzig der deutsche Diskonter Hofer dürfte mit einem Marktanteil von zuletzt 19,4 Prozent dem Oligopol von Rewe und Spar weiter erfolgreich trotzen.

Ungemach droht vor allem heimischen Lebensmittellieferanten, die der geballten Marktmacht von Rewe und Spar zunehmend ohnmächtig gegenüberstehen. „Die Lieferanten können sich kaum wehren, denn die steigenden Nachfragevolumina der Ketten schwächen ihre Verhandlungspositionen“, erklärt Peter Györffy (CONplementation), einst Rewe-Manager. Um ein Platzerl in den Regalen zu ergattern, würden viele preislich in die Knie gezwungen, sagt auch Madlberger.

Aus Angst vor Konsequenzen wagen nur wenige Lieferanten, offen über die neuen Kräfteverhältnisse zu sprechen. „Wir sind beide lange genug im Geschäft, um zu wissen, dass es dazu keine Antwort gibt“, so etwa Ottakringer-Sprecher Thomas Sautner lapidar. Johann Cepek, Vertriebsleiter von Kattus, lehnt sich weiter hinaus und meint, die hohe Konzentration sei geschäftsschädigend: „Kann ich mich mit einem großen Händler nicht einigen, kommt es mitunter zu Umsatzausfällen von mehr als vierzig Prozent.“ Auch Spitz-Geschäftsführer Walther Schönthaler, Vöslauer-Vorstand Alfred Hudler und Markenartikelverbandschef Thomas Oliva bedauern den zunehmenden Konsolidierungsprozess. WU-Professor Schnedlitz rät kleinen Lieferanten zu mehr Differenzierung und Regionalität.

Dass die Übernahme von Adeg durch Rewe noch durchkreuzt werden könnte, will in der Branche niemand glauben. Laut FORMAT-Informationen soll die umstrittene Fusion schon in wenigen Wochen bei der EU-Kommission in Brüssel landen, wo sie kartellrechtlich unter die Lupe genommen wird. Eine Prüfung durch Brüssel ist gewiss, zumal dort all jene Übernahmen evaluiert werden, die über dem von der Kommission festgesetzten Schwellenwert von fünf Milliarden Euro Jahresumsatz liegen. Ein klarer Fall: Rewe erlöste zuletzt 5,3 Milliarden Euro, Adeg 733 Millionen.

Rewe-Boss Hensel ist laut seinem Umfeld überzeugt, dass der Deal vor der Kommission hält. Argumentieren will er vor allem damit, dass Adeg mit Filialen vornehmlich im Westen und Süden aufgestellt sei, weshalb von einer bundesweiten Marktbeherrschung keine Rede sein könne. Zudem könne Adeg als marodes Unternehmen – zuletzt mit zwanzig Millionen Euro Miesen und hohen Bankverbindlichkeiten – ohne starken Partner nicht überleben. Bei Rewe rechnet man aber auch mit Auflagen durch die EU: etwa dass die Marke Adeg beibehalten werden muss. Schnedlitz, der ebenfalls strenge Auflagen erwartet, hält auch die Schließung von einzelnen Adeg-Standorten, etwa in der Nähe von Billa-Filialen, für wahrscheinlich.

Der Vorstoß zur Adeg-Übernahme ist auf den ersten Blick überraschend, weil die Rewe noch immer kein grünes Licht für den ursprünglichen Kauf von 24,9 Prozent erhalten hat. Aber: Hensel will endlich Klarheit, welche Auflagen er bei Adeg zu erwarten hat.

Zur Erinnerung: Bereits im Vorjahr hat der Marktführer knapp ein Viertel an der Adeg AG übernommen und ist damit unter der kritischen Marke von 25 Prozent geblieben. Aufgrund des novellierten Wettbewerbsrechts bedurfte dieser Deal keiner Anmeldung beim Kartellgericht und unterlag auch nicht der Fusionskontrolle. Seither prüft die österreichische Bundeswettbewerbsbehörde (BWB) den von Rewe wiederholt als Kooperation bezeichneten Deal. Bis dato ist BWB-Chef Theodor Thanner zu keinem Urteil gelangt, meldete zuletzt aber, wie vorab exklusiv berichtet, massive Bedenken an. Kritisch ist vor allem die Abwicklung des Zahlungsverkehrs von Adeg über Rewe. Zum einen kann Rewe, weil kreditwürdiger, zu günstigeren Konditionen von den Lieferanten kaufen als Adeg. Zum anderen ist es bedenklich, dass Rewe Einblick in die Rechnungen der Adeg-Lieferanten hat. Dadurch kann Rewe Konditionen der Lieferanten für Aktionen, Mengen und Jahresvolumina ablesen. In beiden Fällen ergibt sich ein Wettbewerbsvorteil. „Auch wir werden die Fusion eingehend prüfen. Außerdem haben wir die Möglichkeit, vor der EU-Kommission das laufende Verfahren zu kommentieren“, sagt Anita Lukaschek von der BWB.

Kritik kommt wie gewohnt von Spar-Chef Gerhard Drexel: „Was Rewe macht, ist perfide. Rewe versucht, Adeg als Sanierungsfall hinzustellen, um sich als Retter aufzuspielen.“ Doch Insider bezweifeln dieses Mal, dass Drexel aktiv versuchen wird, den Deal zu verhindern: „Spar und Rewe haben sich geeinigt und teilen sich die Marktmacht. Rewe hält sich beim Einstieg von Spar bei Plus zurück, und Spar boykottiert den Adeg-Pakt nicht länger.“

– silvia jelincic, romana kanzian
mitarbeit: H. Kickinger, L. Traunmüller

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