FIFA: Nach Blatter-Rücktritt ermittelt das FBI

FIFA: Nach Blatter-Rücktritt ermittelt das FBI
FIFA: Nach Blatter-Rücktritt ermittelt das FBI

Noch im Amt, aber schon Geschichte: Joseph Blatter tritt zurück.

Der erst am vorigen Freitag wiedergewählte FIFA-Präsident Joseph Blatter wird die Geschäfte der FIFA so lange weiterführen, bis sein Nachfolger auf einem außerordentlich einberufenen FIFA-Kongress gewählt wird. Er wird nun den Kongess einberufen und Neuwahlen ausrufen - so rasch wie es die Statuten ermöglichen. Laut US-TV-Sender ABC ermittelt die US-Bundespolizei FBI gegen Blatter. Die WM-Vergaben an Russland 2018 und Katar 2022 rücken in den Fokus.

Zürich. Joseph Blatter hat seinen Rücktritt als Präsident des Fußball-Weltverbandes (FIFA) angekündigt. Das gab der 79-jährige Schweizer am Dienstag bei einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz in Zürich bekannt. "Die Fifa braucht tiefgreifende Veränderungen", sagte Blatter. Der 79-Jährige Schweizer FIFA-Funktionär war erst am Freitag trotz des jüngsten Korruptionsskandals für eine fünfte Amtszeit gewählt worden.

Nach einem Bericht des US-Senders ABC hat die US-Bundespolizei FBI Ermittlungen gegen Blatter aufgenommen. ABC berief sich auf mit dem Fall vertraute Personen.

Blatter wird die Geschäfte der FIFA so lange weiterführen, bis sein Nachfolger auf einem außerordentlich einberufenen FIFA-Kongress gewählt wird. Er hat in seiner Erklärung angekündigt, dass dieser außerordentliche FIFA-Congress so rasch wie möglich einberufen wird. Der nächste reguläre Congress findet erst am 12. und 13. Mai 2016 in Mexico City statt und wär laut Blatter zu spät. "Dies würde eine unnötige Verzögerung bedeuten", sagte Blatter anlässlich der kurzfristig einberufenen Pressekonferenz. Nach der Erklärung ist Blatter abgetreten. Fragen der anwesenden Journalisten wurden vorab ausgeschlossen.

"Die Wahlen sind vorbei, aber die Verwicklungen der FIFA haben kein Ende genommen in dem Skandal", sagte Blatter, der den Posten 1998 übernommen hatte. Ein neuer Präsident soll nun bei einem außerordentlichen FIFA-Kongress zwischen Dezember und März gewählt werden. Bis dahin will Blatter sein Amt weiter ausüben. Der Chef der FIFA-Compliance-Kommission, Domenico Scala, soll weitere, angekündigte Reformen bis zum Kongress mit Blatter anstoßen.

Vorigen Mittwoch wurden bereits sieben Mitglieder des FIFA-Exekutivkomitees um sechs Uhr in der Früh in ihren Hotelzimmern verhaftet. Sie zählten zum engsten Vertrautenkreis Blatters. Gegen weitere acht Ex-FIFA-Exekutivmitglieder und Sportmanager wurden ebenso Ermittlungsverfahren eingeleitet.

Das Zehn-Millionen-Dollar-Paket

Die "New York Times" hat zwei Tage nach der Wiederwahl von Blatter berichtet, Generalsekretär Jerome Valcke sei in die jüngsten Korruptionsvorwürfe verwickelt. Vorigen Mittwoch wurden bereits sieben Mitglieder des FIFA-Exekutivkomitees um sechs Uhr in der Früh in ihren Hotelzimmern in Zürich verhaftet. Sie zählten zum engsten Vertrautenkreis Blatters. Gegen weitere acht Ex-FIFA-Exekutivmitglieder und Sportmanager wurden ebenso Ermittlungsverfahren unter anderem wegen Korruption, Geldwäsche, Erpresseung und Schmiergeldzahlungen eingeleitet.

Valcke soll eine Zahlung von zehn Millionen Dollar veranlasst haben. Die Ermittler seien der Ansicht, Valcke sei "der hochrangige FIFA-Offizielle", der 2008 die Gelder von einem Konto des Fußball-Weltverbandes in der Schweiz auf ein US-Konto überwiesen habe. Die FIFA hatte dies heute umgehend dementiert. Weder Valcke noch andere Mitglieder der FIFA-Führung seien "an der Initiierung, der Bewilligung und Ausführung" einer Zehn-Millionen-Überweisung auf ein US-Konto beteiligt gewesen, hieß es in einer FIFA-Stellungnahme am Dienstag.

Die FIFA erklärte, dass die Zahlung von zehn Millionen Dollar von der Regierung Südafrikas und vom südafrikanischen Fußball-Verband genehmigt worden war, um ein Projekt für die Unterstützung der afrikanischen Diaspora in der Karibik zu finanzieren.

Allerdings sei in der Anklage nicht die Rede davon, dass der Offizielle gewusst habe, dass das Geld für Bestechung verwendet worden sei, hieß es weiter. Valcke sei auch nicht als Mitbeschuldigter genannt.

Das Geld landete auf Konten, die vom früheren FIFA-Vizepräsidenten und CONCACAF-Chef Jack Warner kontrolliert worden sein sollen. Südafrika hatte im Zusammenhang mit der Zahlung Bestechungsvorwürfe rund um die Vergabe der WM 2010 vehement zurückgewiesen.

Weitere Stellungnahmen, warum Blatter nun überraschend zurückgetreten ist, hatte die FIFA nicht abgegeben. Bis zuletzt hieß es, Blatter sei nicht in dem Korruptionsskandal involviert.

Mit dem angekündigten Rücktritt von Joseph Blatter sind auch die jüngsten, von Korruptionsvorwürfen begleiteten Fußball-WM-Vergaben an Russland 2018 und Katar 2022 wieder in den Fokus gerückt. Englands Verbandschef Greg Dyke fordert unter gewissen Umständen die Neuvergabe der WM 2022. Die bei der Vergabe Katar unterlegene Föderation von Australien bezichtigt die Konkurrenz unsauberer Methoden.

Dyke ist für eine Neuausschreibung der WM 2022, sollte sich der Korruptionsverdacht bestätigen. "Wenn ich die katarischen Organisatoren wäre, würde ich heute nicht sehr gut schlafen. Wenn es Beweise geben sollte, die zeigen, dass der Bewerbungsprozess ehrlich und legal war, dann ist es gut. Wenn sich zeigen sollte, dass sie korrupt waren, dann sollten die Bewerbungen wiederholt werden, so einfach ist das", erklärte Dyke.

Die Replik aus Katar folgte prompt. Die Forderung spräche Bände über die Meinung von Dyke zur ersten WM im Mittleren Osten, sagte Scheich Hamad Bin Khalifa Bin Ahmed Al-Thani, der Präsident des katarischen Fußball-Verbandes. "Wir würden vorschlagen, dass Herr Dyke die Justiz ihre Arbeit machen lässt und sich darauf konzentriert, sein Versprechen, bis zur WM 2022 in Katar eine titelfähige englische Mannschaft aufzubauen, einlöst", so Al-Thani.

Katar hatte sich bei der Vergabe der WM gegen Australien, Japan, die USA und Südkorea durchgesetzt. Für den australischen Verbandschef Frank Lowy sei die eigene Bewerbung sauber gewesen, andere aber nicht. "Wir haben eine saubere Bewerbung durchgeführt. Ich weiß, dass das andere nicht getan haben, und ich habe mein Wissen mit den Behörden geteilt", erklärte Lowy in einem offenen Brief.

"Haben wir Fehler gemacht? Ja. Wir waren naiv", schrieb Lowy. "Als wir unsere Kandidatur erklärt haben für 2022 waren wir nicht vertraut mit den Drahtziehern in der Fußball-Welt", meinte Lowy und bezeichnete die Probleme der FIFA als "tief verwurzelt".

Auch die Vergabe der WM 2018 an Russland ist umstritten. Kein Wunder, dass russische Medien die Rücktrittsankündigung von Blatter als eine "unangenehme Nachricht" für den nächsten WM-Gastgeber bewerteten. Russland sei "einer von Blatters treuesten Verbündeten im Kampf um den Präsidentenstuhl" gewesen, schrieb die Zeitung "Kommersant" (Mittwoch). "Der Rücktritt Blatters ist eine Tatsache, die für die russischen Interessen unangenehm und beunruhigend ist", meinte "Sport Express".

Die UEFA disponiert um

Die europäische Fußball-Union UEFA wird sich nach der Rücktrittsankündigung von FIFA-Präsident Blatter doch nicht zu einer Sondersitzung in Berlin treffen. "Da täglich neue Informationen ans Tageslicht kommen, denke ich, dass es klüger ist, sich Zeit zu nehmen, um die Situation besser einzuschätzen, um dann gemeinsam Position zu beziehen", erklärte UEFA-Präsident Michel Platini am Mittwoch.

Ursprünglich hatten die Blatter-Gegner in der UEFA am Freitag oder Samstag in Berlin ihre Strategie beraten wollen. Unter anderem sollte es dabei auch um die Frage gehen, ob DFB-Chef Wolfgang Niersbach und andere europäische Funktionäre ihre Sitze im FIFA-Exekutivkomitee einnehmen sollen.

Durch den angekündigten Abschied Blatters hat sich die Situation nun massiv geändert. "In den nächsten Wochen wird es weitere Gelegenheiten geben, sich zu treffen - und hoffentlich wird sich die Angelegenheit bis dahin erhellen", sagte Platini. Der Franzose gilt als logischer europäischer Kandidat für die Blatter-Nachfolge.

Platini erklärte in einer ersten Stellungnahme noch am Dienstagabend aus der Ferne: "Es war eine schwierige Entscheidung, eine mutige Entscheidung, und die richtige Entscheidung."

Leo Windtner (ÖFB-Präsident), der am vorigen Freitag mit den meisten Verbänden der UEFA gegen Blatter gestimmt hatte, meinte: "Diese Nachricht trifft alle überraschend, aber es ist eine Hoffnung auf eine neue Ära in der FIFA, die von Sauberkeit und Glaubwürdigkeit getragen ist. Es ist eine Chance für einen Neustart und ich gehe davon aus, dass sich die UEFA dabei voll einbringen wird."

Auch der deutsche DFB-Präsident Wolfgang Niersbach zeigt sich erleichtert: "Das ist die Entscheidung, die absolut richtig ist, die überfällig ist. Es ist eigentlich eine Tragik, warum er es sich selber und uns allen das nicht erspart hat, dass er das früher gemacht hätte."

Die Erleichterung für Sponsoren

auch sPonsoren haben bisher die immer wieder neu angefachten Korruptionsverdächtigungen rund um die FIFA beurnuhigt. Vor allem für börsennotierte Unternehmen, zu denen Großsponsoren wie Coca Cola oder Adidas zählen, die sich gegen Korruption stemmen und Wohlverhaltensregeln in ihren Unternehmensleitbilder geradezu betonen, drohten selbst zur Zielscheibe zu werden.

Kaum ein Wunder, dass nun der Sportartikelaurüster Adidas oder Coca-Cola den Rückzug von Blatter begrüßen. Aber auch die Chefs verschiedener Fußballverbände sehen den Rücktritt Blatters positiv. So sagte der Chef des britischen Verbandes, Greg Dyke, der Rückzug Blatters sei eine gute Nachricht für den Weltfußball.

Zum Schutz der Familie

Corinne Blatter-Andenmatten, Tochter von Blatter hingegen erklärte der Tageszeitung "Blick", dass der überraschende Rücktritt von ihres Vaters nichts mit möglichen Ermittlungen gegen ihren Vater zu tun. "Mit dieser Entscheidung wollte er in erster Linie auch uns, seine Familie, schützen", zitierte die Zeitung "Blick" Corinne Blatter-Andenmatten in ihrer Mittwochausgabe.

"Seine Entscheidung hat nichts, aber auch gar nichts mit den kursierenden Anschuldigungen zu tun", sagte sie. Im Korruptionsskandal beim Welt-Fußballverband ermitteln einem Insider zufolge die US-Bundespolizei FBI und die US-Staatsanwaltschaft gegen Blatter. Der 79-jährige Schweizer war am Dienstagabend überraschend zurückgetreten.

Ein fast glatter Wahlsieg

Blatter hatte sich am Freitag nach seiner Widerwahl noch kämpferisch gezeigt. Er versprach einmal mehr Reformen anzugehen. Er zeigte sich kämpferisch auch gegenüber denjenigen, die ihn nicht gewählt haben. An UEFA-Chef Michel Platini, der ihn zuletzt schwer kritisiert hat, hat er wenig Versöhnliches augerichtet. Es gebe "einen Hass, der nicht nur von einer Person bei der UEFA kommt, aber von der UEFA als Organisation, die nicht verstanden hat, dass ich 1998 Präsident geworden bin", so Blatter nach seiner Wiederwahl.

Trotz massiver Korruptionsvorwürfe hat Blatter vorigen Freitag die Wahl zum FIFA-Präsidenten gewonnen. Zwar nicht so souverän wie bei der Wahl vor vier Jahren, als er per Akklamation gewählt wurde. Im ersten Wahlgang hatte es für Blatter noch nicht zur Zwei-Drittel-Mehrheit gereicht. Von den 209 Delegierten bekam er 133 Stimmen. Sein Gegenkanidat Prinz Ali bin Al-Hussein wurde von 73 Delegierten gewählt. drei Stimmen waren ungültig. Für eine Direktwahl hätte Blatter 140 Stimmen benötigt.

Durch den Verzicht von Al-Hussein auf einen zweiten Wahlkampf wurde Blatter zum fünften Mal zum FIFA-Präsident gewählt.

In der Schweiz und den USA wird gegen mehrere Funktionäre der FIFA sowie Ex-Funktionäre und Sportmanager wegen Korruption und Geldwäsche ermittelt. Das FBI hat ein Auslieferungsersuchen an die Schweizer Justiz gestellt. Auch die Schweiz ermittelt wegen Schmiergeldzahlung im Zusammenhang der Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 in Russland sowie 2022 in Katar. Beide Länder hatten die schlechteste Bewerbung abgegeben. Es soll zu Schmiergeldzahlungen in mehrere Fällen und in dreistelliger Millionhöhe gekommen sein.

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