FPÖ: Einmal Amok und zurück

FPÖ: Wahlverlierer Herbert Haupt versucht, die völlig zerstrittene Partei mit letzter Kraft auf Regierungskurs zu trimmen. Trotz der Amnestie für FPÖ-Rebellen dürfte dem Parteichef nun beim Salzburger Parteitag ein Gegenkandidat blühen.

Als Herbert Haupt am Mittwoch nachmittag im Sitzungszimmer des freiheitlichen Klubs vor die versammelte Presse trat, kämpfte der FPÖ-Obmann sichtlich mit den Tränen. Mit gebrochener Stimme verlas er eine Erklärung, die einer totalen Kapitulation gleichkommt: „Ich habe einen großen Fehler gemacht und werde diesen Fehler jetzt korrigieren.“

Herbert Haupts selbstdefinierter Fehler: Er hatte 36 Stunden zuvor fünf Parteiausschlüsse ausgesprochen, gerichtet unter anderem gegen Finanzminister Karl-Heinz Grasser und Ex-Klubobmann Peter Westenthaler.

Regierungsunfähig
Nur drei Tage nach „der größten Wahlniederlage in der Geschichte“ (Haupt) markiert das Fehlereingeständnis des seit gerade fünf Wochen amtierenden FPÖ-Chefs den traurigen Tiefpunkt einer beispiellosen Selbstzerfleischung der vormals größeren Regierungspartei. Ein Parteiausschluß jagt den anderen, Enthüllungsbücher werden angedroht, die Parteispitze wäscht neuerlich Schmutzwäsche, Pläne für Petitionen gegen die Knittelfelder Putschisten werden geschmiedet und quasi im Stundenrhythmus Gerüchte über den möglichen Karriereknick blauer Parteifreunde lanciert. Aktueller politischer Befund: regierungsunfähig.

Dabei hatte sich der am Rande der körperlichen Belastbarkeit wahlkämpfende Parteiobmann Herbert Haupt trotz des Wahldebakels vor allem zwei Dinge gewünscht: eine neuerliche Regierungsbeteiligung seiner Partei und ein paar Tage Ruhe für sich selbst.

Kandidat Gugerbauer?
Dabei ist es noch nicht einmal sicher, ob Herbert Haupt bei der für Sonntag in Klagenfurt angesetzten Parteileitungssitzung überhaupt noch an der Spitze der FPÖ steht. FORMAT vorliegenden Informationen zufolge unternehmen Exponenten des liberalen Parteiflügels rund um Vizekanzlerin Susanne Riess-Passer den massiven Versuch, den ehemaligen Klubobmann Norbert Gugerbauer für eine Kandidatur am für achten Dezember in Salzburg angesetzten Parteitag zu gewinnen. Bereits am Donnerstag soll österreichweit eine FPÖ-interne Petition in Umlauf gebracht worden sein. Ihr einziges Ziel: eine mit gemäßigten Inhalten versehene FPÖ ohne Jörg Haider.

Für Herbert Haupt ist das Parteichaos in dieser Situation ohnehin hauptsächlich eine Tortur. Seit dem Totalcrash der FPÖ ist der angeschlagene Frontmann überdies einem geradezu gesundheitsgefährdenden Terminmarathon ausgesetzt.

Noch in der Wahlnacht kehrte der Verlierer des Tages spätabends zurück auf die Wahlparty im Wiener Kursalon Hübner, um die dort versammelten Blauen auf neue Geschlossenheit einzuschwören.

Montag vormittag folgt nach der langen Wahlnacht die achtstündige Sitzung im Parlamentsklub, bei der Jörg Haider zum mittlerweile fünften Mal in diesem Jahr seinen Rückzug aus der Politik proklamiert. Um 17 Uhr tritt Haupt dann kurzfristig vor die Presse, kündigt die Parteiausschlüsse an und dampft ab in die Hofburg.

Lokaltour
Nach einer Visite bei Bundespräsident Thomas Klestil absolviert Haupt dann einen ausgedehnten Spättermin. Bei einer Zechtour durch die Wiener Innenstadt diskutierte er intensiv mit vier Exponenten des Lagers rund um Susanne Riess-Passer. Ende der emotional geführten und von reichlich Alkohol begleiteten Diskussion über die Zukunft der FPÖ: halb vier Uhr früh. Von Amnestie für die Ausgeschlossenen ist an diesem Abend noch nicht die Rede.

Ungefähr zur gleichen Zeit bläst Jörg Haider in den Kärntner Parteigremien wieder einmal seinen Rückzug aus der Politik ab.

Wenige Stunden später überschlagen sich dann die Ereignisse. Die vom FPÖ-Bundesparteivorstand abgesegneten Parteiausschlüsse von fünf Funktionären treten eine Lawine los, an der die FPÖ nun endgültig zu zerbrechen droht: Die wegen parteischädigenden Verhaltens ausgeschlossen Funktionäre Finanzminister Karl-Heinz Grasser, Ex-Klubobmann Peter Westenthaler, der Salzburger Ex-Nationalratsabgeordnete Helmut Haigermoser sowie die oberösterreichischen Bezirksparteiobmänner Alois Pumberger und Martin Kreßl reagieren mit Unverständnis und öffentlicher Kritik.

„Alles gute im Privatleben.“
Pumberger, im Brotberuf Landarzt in Ried, wurde der Rauswurf vom Chef persönlich mitgeteilt – ebenso präzise wie unmißverständlich: „Bist du bereit, mit mir und Jörg Haider die Partei neu aufzubauen?“ wollte Anfrufer Herbert Haupt wissen. Knappe Antwort Pumbergers: „Nein, nicht mit Haider.“ Replik des Obmanns: „Dann wünsche ich dir alles Gute für dein Privatleben.“

Dienstag abend wiederholt sich das Schauspiel in der Steiermark und in Niederösterreich – allerdings ungeplant und hinter dem Rücken von Parteichef Haupt: In Graz muß Franz Lafer gehen, in St. Pölten erwischt es – unter Regie von FPÖ-Vizechef Thomas Prinzhorn sowie Parteiputschist und Volksanwalt Ewald Stadler – vier weitere blaue Funktionäre, darunter Ex-Landesparteiobmann Hans-Jörg Schimanek. Dabei hatte Haupt Prinzhorn explizit aufgetragen, in St. Pölten ein weiteres Funktionärsgemetzel zu vermeiden.

Holger Fürst, David Pesendorfer, Hannes Reichmann

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Außerdem:

  • Haupt: "Ein Gegenkandidat ist keine Schande"
  • Finanzen: Blaue Flecken und rote Zahlen
  • Prinzhorn: "Wer Hackeln schmeißt, muß raus"
  • Jörg Haiders Rücktrittsmarathon
  • Bärentaler Autorevue: Was kann Haiders neuer 911er?

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