Format: Tina Lanik ist immer am Sprung

Heute Wien, morgen München – die 33-jährige Deutsche Tina Lanik zählt zu den gefragtesten Jungregisseurinnen. Am Akademie­theater inszeniert sie Ravenhills böse Satire „Pool“.

Montag früh nach der Premiere von Mark Ravenhills „Pool“ im Akademietheater wird es wohl wieder so sein. Da wird Tina Lanik zwar alle wesentlichen Tageszeitungen beim Frühstück vorfinden, die Kritiken wird die Regisseurin des Abends aber vergeblich suchen. Die hat ihr Le­benspartner, der Regiemeister und Früh­aufsteher Martin Kusej, zu diesem Zeitpunkt bereits wohlweislich rausgerissen. Denn obwohl Lanik derzeit zu den ge­fragtesten Jungstars im Regiebusiness zählt, kränkt sich die gebürtige Deutsche über Negativ-Stimmen immer noch sehr, hat, wie sie erzählt „schon ganze Urlaube verheult“. Mit seinem Zensursystem hat Kusej kurzfristig Abhilfe geschaffen.

Seit vier Jahren sind der 46-jährige Kärntner Bühnenvisionär und die 33-Jäh­­rige, die bereits nach ersten Arbeiten ob ihrer vitalen Fantasie und der kühnen Bild­konzepte von der „Süddeutschen Zeitung“ als „Fräulein 100.000 Volt“ gefeiert wurde, ein Paar. Eine gute Mi­schung, wie Lanik ganz unprätentiös betont. Denn: „Meine Arbeit bestimmt ex­trem mein Leben. Das ist anstrengend. Auch für den Partner. Manchmal weiß man gar nicht, in welcher Stadt man ist. Das muss man schon mögen. Wir sind aber beide flexibel. Man kennt das Leben des anderen, hat einen ähnlichen Rhythmus.“
Während Tina Lanik letzte Hand an die Wiener Produktion legte, wurde Martin Kusej für seine Inszenierung der Schumann-Oper „Genoveva“ in Zürich gefeiert, und wenn sie dann „Romeo und Julia“ in München inszeniert, arbeitet er bereits an der nächsten Opernpremiere in Amsterdam. So wird eifrig gependelt und viel über die Arbeit geredet, „aber nicht nur“, wie Lanik lächelnd nachsetzt.

Denn eigentlich wollte sie gar nicht zum Theater, war mitten im Politikwissenschaftsstudium, als ihr Elmar Goerden 1996 anbot, bei einer seiner Inszenierungen am Staatstheater Stuttgart zu hospitieren, nahtlos ging’s weiter an Hans Gratzers Schauspielhaus in Wien, ehe Luc Bondy ihr Mentor wurde. Bereits ihre erste eigene Inszenierung „Belgrader Trilogie“ nach einem Stück der serbischen Autorin Biljana Srbljanovic am Rabenhof sorgte dann 1999 für Aufsehen. Seither arbeitet Lanik an allen großen Häusern zwischen Berlin, Hamburg und München, wo das Residenz­theater zu ihren Stammhäusern zählt. Beworben hätte sie sich nie wo, eigentlich sei ihr das alles eher zugeflogen, wundert sich Lanik über den guten Flow. „Irgendwie hatte ich Glück, war zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort“, reflektiert die Regisseurin ihre rasante Karriere und ist damit gleich mitten im Thema des aktuellen Stückes von Mark Ravenhill.

Der britische Autor, der spätestens seit dem internationalen Erfolg von „Shoppen und Ficken“ für seinen nüchternen Blick auf den Werteverfall unserer Gesellschaft bekannt ist, analysiert in „Pool“ Freundschaft und Karriere in der Neidgesellschaft, fragt, wie sehr man sich für Erfolg verkaufen darf oder muss. Im Zentrum steht eine seit Ausbildungstagen eingeschworene KünstlerInnenclique. Als eine davon zum gehypten Star avanciert und ausbricht, treibt die Freundschaft plötzlich böse Auswüchse. Haben die ersten beiden deutsch­spra­chigen Inszenierungen des Stoffes in München und Zürich vor allem die Kritik am Kunstbetrieb und seinen Marktmechanismen hervorgehoben, geht es Lanik dar­um „zu zeigen, was mit den Menschen passiert, weil es eben kein Insiderstück ist, das man in einer Galerie oder bei einer Kunstmesse aufführen sollte: Was heißt das, wenn man zusammen anfängt, immer als Gruppe agiert, und dann hat einer Er­folg und overrult die anderen? Irgendwann sind auch die ehemals noch so Wilden in einer Art Bürgerlichkeit angekommen. Das er­lebt man doch auch in seinem Um­feld. Wie geht man damit um?“ Die Performance sind die Schauspieler. Zumal Ra­venhills Stück – ein kurzer, prägnanter und sprachlich gewohnt deftiger Text – Regisseur wie Performern viel Freiraum lässt.

Eine zusätzliche Herausforderung für die präzise Regiehandwerkerin, die auch als exzellente Textverarbeiterin gilt. Lanik ist keine, die die Wirklichkeit eins zu eins abbildet. „Ich könnte das auch gar nicht. Mir geht es um eine Abstraktion, eine Übersetzung des Themas.“ Bei ihren bildstarken Interpretationen setzt sie seit ihren Anfängen auf ein eingeschworenes Team aus Bühnen- und Kostümbildnerin. „In unserem Frauenteam“, analysiert sie das Erfolgsprinzip, „geht es immer um die Sache, da gibt es keine Eitelkeiten und Egotrips.“ Dass sie mit „Pool“ nun wieder zu ihren Wiener Wurzeln zurückgekehrt ist, freut sie besonders, „Meine Mutter ist ja aus Wien, viele Freunde leben da, das ist ein bisschen wie nachhause kommen. Und das dichte Kulturangebot in der Stadt ist totaler Luxus. Man ist ja keine Maschine, die am laufenden Band produziert. Ich geh auch gerne ins Kino und in Ausstellungen. Ich liebe den normalen Alltag zwischen den Proben. Es geht immer um ein gutes Gleichgewicht.“ Dazu zählt unter anderem auch ein schö­nes Ritual, das sie mit Martin Kusej pflegt: „Nach jeder Premiere fahren wir gemeinsam weg, diesmal gehen wir Ski fahren.“

Michaela Knapp

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