Format: Alles Rogers bei Rohstoffen

Der Wien-Fan und erfolgsverwöhnte Investor Jim Rogers macht einen großen Bogen um Amerika und rät zu Agrarrohstoffen und China-Aktien.

Die Leitung nach Singapur ist schlecht. „Where are you?“, brüllt es wiederholt aus dem Hörer. Bereits nach einer Minute Telefoninterview mit FORMAT scheint Jim Rogers’ Geduld am Ende. Doch weit gefehlt. Der 65-jährige US-Investmentguru, so stellte sich heraus, sitzt gar nicht in seiner Wohnung in Singa­pur. Rogers, der 1985 das erste Kursfeuerwerk an der Wiener Börse auslöste und schon seit Jahren den Aufstieg der Rohstoffe prophezeite, ist privat in Wien und sieht sich Immobilien an. Er überlegt, sich auch in der Bundeshauptstadt niederzulassen. Rogers: „Treffen wir uns doch in 15 Minuten im Grand Hotel, da kann ich vorher noch schnell duschen.“

Gesagt, getan. Der Concierge des Ho­tels verweist auf den Treffpunkt Fitness­raum. Nach wenigen Minuten taucht Rogers auf. Von Anzug und Krawatte ­keine Spur. Die Wall-Street-Legende, die einst mit George Soros’ Hedgefonds managte, erscheint in Fitnesshose, Baseballmütze und mit nacktem Oberkörper. Sein Lächeln ist freundlich, der Händedruck bestimmt. Mit einem kleinen Seufzer setzt er sich auf den Hometrainer und schaltet seine Pulsuhr ein, die während dem folgenden Interview im Takt der Tretmühle unüberhörbar piepst.

Dass der Investmentprofi ein Händchen für den richtigen Zeitpunkt für Investments hat, davon konnten sich Anleger wiederholt überzeugen. So prophezeite Rogers im Oktober 2003 in FORMAT, dass Österreich alle anderen europäischen Aktienmärkte hinter sich lassen würde – wie wahr. Damals ebenfalls ein heißer Tipp, der sich bestätigte: Rohstoff­aktien. Warum er jetzt auf China und Agrarrohstoffe setzt und wieso Amerika den Bach hinuntergehen wird, erzählt er im folgenden Interview.

Format: Die amerikanischen Leitzinsen wurden auf drei Prozent gesenkt. Ist das der richtige Schritt, um die US-Konjunktur am Köcheln zu halten?
Rogers: Die US-Wirtschaft ist in einer Rezession. Und Notenbankchef Ben ­Bernanke weiß schon wieder nicht, was er tut. Er versucht dem Finanzsektor aus der Patsche zu helfen, anstatt etwas für ganz Amerika zu tun. Er gibt der Welt zu verstehen, dass ihm die Währung nicht wichtig ist, dass die Notenbank den US-Dollar noch weiter abwerten lässt.

Format: Was macht Bernanke falsch?
Rogers: Er glaubt wirklich, die US-Wirtschaft durch weitere Abwertungen wiederbeleben zu können. Langfristig haben Abwertungen nie die erwünschte Wirkung ge­bracht. Ganz zu meiner Freude hat auch Ihre Regierung betont, nur wenig von der Politik Bernankes zu halten. China hat sich bereits klar geäußert und die Abwertungspolitik der USA verurteilt.

Format: Was bedeutet das für Anleger?
Rogers: Ich gebe Ihnen den dringenden Tipp, ganz aus dem Dollar auszusteigen und keine US-Aktien zu kaufen. Dagegen kann man auf Landwirtschaft oder Währungen wie den chinesischen Renminbi setzen. Ich halte auch Euro. Im Moment bevorzuge ich Schweizer Franken und den japanischen Yen, die besonders von Carry-Trades profitieren.

Format: Wie stark wirkt sich die US-Rezession auf den Rest der Welt aus?
Rogers: Jeder, der mit den USA Geschäfte macht, wird die Rezession spüren. Das gilt auch für amerikanische Handelsketten wie Wal-Mart oder Sears. Manche Sektoren, wie etwa die Wasserwirtschaft, werden kein Problem haben. Das trifft auch auf den landwirtschaftlichen Sektor zu.

Format: Die Aktienmärkte schwanken stark. Wie sehen Sie die Entwicklung an den Börsen bis Jahresende?
Rogers: Viele Aktien werden zum Jahres­ende tiefere Kurse aufweisen als heute. Sektoren wie Wasser, Landwirtschaft oder Rohstoffe werden zulegen. Hier liegen jetzt die Chancen.

Format: Welche Folgen wird die chinesische Wirtschaft aus der US-Kreditkrise zu tragen haben?
Rogers: Die Subprime-Krise wird ­China nicht so stark treffen, weil andere Dinge den Aktienmarkt beeinflussen. Nachteile haben chinesische Unternehmen, die mit Amerika handeln. Die chinesische Regierung hat die Leitzinsen im Vorjahr mehrmals erhöht. Das hat der Wirtschaft gut getan. Mit chinesischen Immobilien hingegen kann man dieses Jahr auch pleitegehen, weil die Konjunktur in China schwächer wird.

Format: Hat sich Ihre positive Meinung gegenüber Investments in China nun also geändert?
Rogers: Nein. Ich bin noch immer sehr positiv für chinesische Aktien. China ist auf dem Weg zur Weltmacht. Auch das Reich der Mitte wird einmal einen Bären­markt haben, aber so funktioniert die Welt. Amerika hatte einige schreckliche Rückschläge, bis es zu Macht und Ruhm reifte.

Format: Ist das Risiko einer Blase an der chinesischen Börse die größte Bedrohung für ausländische Investoren?
Rogers: Jetzt nicht mehr, denn die In­landsbörsen Chinas haben bereits nachgegeben. Und dieser Rückgang macht vielen Anlegern Angst, was das Risiko einer Blasenbildung nun reduziert.

Format: Welche Rohstoffe favorisieren Sie als Investor mit Blick auf den chinesischen Rohstoffhunger?
Rogers: Derzeit kaufe ich nur Agrar­rohstoffe. Wenn die Metallpreise noch ein Jahr weiter sinken, sollte man dort wieder einsteigen. Ich selbst kaufe nur meinen Index, den RICI Enhanced Agriculture Index. Zudem verfolge ich genau die Entwicklungen von Baumwolle, Zucker und Kaffee. Diese Rohstoffe sind aus historischer Sicht sehr unter Druck geraten. Das gilt auch für Silber, Palladium und Erdgas.

Format: Warum konzentrieren Sie sich gerade auf Rohstoffe?
Rogers: Sehen Sie sich einfach nur um, alles besteht aus Rohstoffen. Auch Ihr Mobiltelefon besteht zur Gänze aus ­Rohstoffen, nur die Funkwellen, die zur Benutzung nötig sind, zählen nicht dazu.

Format: Wie stehen Sie zu anderen Schwellenland- und Exotenbörsen? Kommen Investments in Afrika infrage?
Rogers: Ich habe mit Ausnahme von China alles verkauft, auch Afrika und die arabischen Staaten. Die Schwellenländer wurden von Investoren bereits ausgebeutet. Während wir gerade sprechen, sind 30.000 hungrige Broker auf der Suche nach heißen Märkten. Wenn ich Recht be­­halte und wenn die Schwellenländermärkte in den nächsten zwei oder drei Jahren verlieren, hoffe ich, dass ich recht­zeitig wieder einsteige.

Format: Sie haben bereits 1985 als Erster das Potenzial der Wiener Börse erkannt und durch einen Artikel im „Wall Street Journal“ einen kräftigen Anstieg ausgelöst. Was halten Sie jetzt von österreichischen Aktien?
Rogers: Österreich hat wie andere EU-Länder eine intakte Volkswirtschaft. Und die vorigen Regierungen haben geniale Anreize geschaffen, in österreichische Aktien zu investieren. Ich glaube, dass sich die Wiener Börse weiter besser entwickeln wird als die Aktienmärkte anderer EU-Länder.

Format: Sie leben in Singapur. Was fas­ziniert Sie an diesem Land, und warum haben Sie sich nicht in Shanghai oder Peking niedergelassen?
Rogers: Ich will, dass meine erste Tochter und unser zweites Kind, das Ende März zur Welt kommen wird, Chinesisch lernen. Das ist für Menschen, die jetzt geboren werden, extrem wertvoll. Noch dazu ist die Luftqualität in Shanghai und allen anderen Städten Chinas schrecklich. Allerdings suche ich gerade eine Immobilie in Wien. Meine Familie liebt Österreich, speziell meine Tochter. Nachdem wir bereits seit 42 Jahren nach Österreich kommen, kennen wir das Land sehr gut. Meine Tochter denkt, dass Österreich das schönste Land der Welt ist, da sie hier zum ersten Mal mit einem Hotel-Roomservice Bekanntschaft machte und eine hervorragende heiße Schokolade serviert bekam.

Von Robert Winter, Ingrid Krawarik

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