First Lady Elisabeth Bleyleben-Koren

Am 11. August wird Elisabeth Bleyleben-Koren Vorstands­chefin der Erste Bank Oesterreich. Damit steht erstmals eine Frau an der Spitze einer heimischen Großbank. Anlass für ein Porträt.

In knapp drei Monaten, am 9. Oktober, wird Elisabeth Bleyleben-Koren 60 Jahre alt. Eigentlich ist das ein uncharmanter Einstieg in das Porträt einer Dame, die Höflichkeit und bestes Benehmen verkörpert wie kaum eine andere Persönlichkeit in der österreichischen Wirtschaft. Doch der Hinweis auf das Alter macht einen Aspekt der Per­sönlichkeit greifbar: Die meisten Frauen mit Geburtsjahrgang 1948 sind entweder bereits in Pension, oder sie überlegen gerade, ob sie die demnächst über sie hereinbrechende Freizeit in einem Kurs für Hinterglasmalerei oder in einem Lehrgang für steirisches Brunn­rohrblasen totschlagen werden. Bleyleben-Koren erklimmt dagegen am 11. August die ultimative Sprosse der Karriereleiter und wird als Vorstandsvorsitzende der Erste Bank Oesterreich die erste Frau, die in diesem Land eine Großbank führt. „Ich muss Ihnen wirklich sagen, ich arbeite gerne. Mir macht das einen Riesenspaߓ, lächelt die schlanke, fast hager wirkende Dame über das ganze Gesicht, „auch nach 35 Jahren im Bankgeschäft ist mir nicht langweilig geworden.“

Ursprünglich wollte die Tochter des ehemaligen ÖVP-Finanzministers und Nationalbankpräsidenten Stephan Koren lieber mit Eprouvetten hantieren als mit Kreditverträgen und Sparbüchern. „Eigentlich wollte ich Chemie studieren, aber mein Vater hat ­gemeint, ein kurzes Studium mit vielfältigen Berufschancen wäre besser, und als gehorsame Tochter habe ich eben Jus studiert.“ Dabei, so gibt sie unumwunden zu, hätte sie weder eine Laufbahn als Richterin noch als Anwältin oder Staatsanwältin interessiert.
So wurde es schließlich eine Bankkarriere, die so erfolgreich war, wie sie sich das „nie, nie, nie, nie vorgestellt hätte. Ich wollte einfach nur einen inter­essanten Job, mit dem ich mich selbst erhalten kann.“ Und sie wollte etwas leisten. „Man ist mir so oft mit der Einstellung begegnet, was will denn das Minis­ter­töchterl. Das Protektionskind braucht eh nicht ­zu ­arbeiten, die soll sich einen Mann suchen. Da habe ich mir früher selbst sehr viel Druck gemacht, weil ich beweisen wollte, dass ich etwas leisten will und kann.“ Das ist ihr nachhaltig gelungen.

Im März 1973, vier Monate nach ihrer Promotion , bekam sie ihren ersten Job in der Creditanstalt. Vier Jahre später wechselte Koren – noch ohne Bleyleben – in die Erste österreichische Spar-Casse, der sie für den Rest ihrer Laufbahn treu geblieben ist. 1997 stieg sie in den Vorstand auf, 1999 wurde sie Nummer zwei neben Andreas Treichl. Nun, nach der Neustrukturierung des Konzerns, übernimmt sie mit der Erste Bank Oesterreich das Spitzeninstitut des Sparkassensektors. Damit erntet die ebenso zähe wie zierliche Mödlingerin die Früchte ihrer – nach eigener Einschätzung – bisher größten Leistung. Ihrem juristischen Können, aber auch ihrem persönlichen Verhandlungsgeschick ist es zuzuschreiben, dass der neue Haftungsverbund des Sparkassensektors nicht nur intern, sondern auch bei den Brüsseler Behörden Akzeptanz gefunden hat. Sogar der renommierte „Economist“ lobte diese Form gegenseitiger Absicherung und Zusammen­arbeit innerhalb eines Sektors als mögli­ches Wunschmodell für die europäische Bankenlandschaft.
Die Leistungen der verhinderten Chemi­kerin wären an sich schon bemerkenswert genug, doch die Tatsache, dass sie sich als Frau in der männerdominierten Bankenwelt durchgesetzt hat, bringt ihr besondere Publizität. Beim Thema Frau und Karriere, dem die „Business Woman of the Year 1997“ in keinem Interview entgeht, bekommt sie unwillkürlich genervte Züge. Sie hält es für weit überschätzt: „Da haben sich die Rollenbilder schon stark ge­wandelt. Noch sind wenige Frauen in Toppositionen, aber das wird sich in den kommenden Jahren ändern. Für Männer ist es genauso hart, sich bei Spitzenjobs durchzusetzen, und man braucht immer auch Glück und die Gunst der Stunde.“ Zu Beginn ihrer Laufbahn, als die Rollenbilder noch andere waren, gab es freilich einiges, was den Koren’schen Anekdotenschatz bereichert hat. „Ich war mich bei der Bundeswirtschaftskammer vorstellen und wollte mich dort auf Steuerrecht spezialisieren. Der Personalchef hat gemeint: ‚Liebe Frau Doktor, machen S’ doch das Gerichtsjahr, und tun S’ heiraten. Außerdem nehmen wir keine Frauen in der Steuerabteilung.‘ Da bin ich halt zur Creditanstalt gegangen.“

Und das war die bis heute wohl folgenreichste Wendung in ihrem Leben: Ein Trainee-Programm brachte ihr einerseits die Erkenntnis, dass Banking genau das Richtige für sie wäre, und andererseits die Bekanntschaft ihres späteren Ehemannes Alfred Bleyleben, mit dem sie mittler­weile fast 25 Jahre verheiratet ist. „Silberhochzeit feiern wir aber nicht“, meint sie entschieden, „es gibt heuer eh lauter runde Geburtstage und Feiern in der Familie.“
Familie? Das beschreibt die Verhältnisse nur unzureichend. „Wir sind ein Clan. Wir halten zusammen wie Pech und Schwefel“, bekennt die Älteste von sechs Geschwis­tern mit einer Mischung aus Stolz und Freude. Tatsächlich haben die Korens ein in Zeiten der Patchworkfamilien ungewöhnlich reges Gemeinschaftsleben. Die 22- bis 25-köpfige Sippschaft trifft sich nach wie vor regelmäßig in der elterlichen Villa in Neuwaldegg, wie Bawag-Vorstand Stephan Koren bestätigt: „Derzeit wohnt dort unsere jüngste Schwester, und jeden Samstagnachmittag ist Open House.“ Elisabeth kommt meist nur
alle zwei Wochen, erstens aus Terminnot und zweitens wegen hinhaltenden Widerstands ihres wohlwollend eingemeindeten Gatten. „Der Bleyleben-Clan besteht nur aus ein paar über die ganze Welt verstreuten Verwandten und ist dem Koren-Clan daher hoffnungslos unterlegen“, sieht die Bankerin das Match sportlich-humorvoll, „ich habe daher vollstes Verständnis dafür, dass er manchmal streikt.“ Auch beim traditionellen Familienurlaub, der jedes Jahr im Juli in die Toskana führt, fehlt die älteste Schwester. „Heuer ist sie, glaube ich, die Einzige, die nicht kommt“, erklärt Bruder Stephan. „Das wäre uns einfach zu viel“, begründet Elisabeth knapp.

Leithammel der Familie. Ihre Führungsrolle unter den Geschwistern hat sich in der Kindheit ergeben. Der Vater – damals Uni-Professor – war viel auf Reisen, die Mutter begleitete ihn häufig. „Da war ich für alles verantwortlich. Irgendjemand musste ja der Leithammel sein. Da musste ich schon streng sein, damit die zwei oder vier Jahre jüngeren Brüder das getan haben, was sie tun sollten.“ Heute sei sie nicht mehr streng. „Nennen wir es konsequent.“

Konsequent? Eine Frage der Interpretation, befindet die Bankerin, die sie auch gleich selbst vornimmt: „Ich habe schon sehr unangenehme Eigenschaften. Wenn ich jemandem eine Aufgabe übertrage und er sie nicht erfüllt … also das machen die meist nur einmal. Außerdem vergesse ich nichts. Ich merke mir alles.“ Dabei bekommt sie diesen Blick, der es dem Gegenüber denkunmöglich erscheinen lässt, sich je dazu zu versteigen, einen Auftrag von Frau Generaldirektor nicht auszuführen. Stephan Koren hat ebenfalls lebhafte Erinnerungen: „Beim älteren Bruder Wolfgang war eher alles Laissez-faire, wenn die Eltern aus dem Haus waren. Bei der Sissy herrschte dagegen Zucht und Ordnung.“ Auch ihre Pünktlichkeit ist legendär. „Mein Vater war extrem pünktlich, und ich bin mit dem Bewusstsein aufgewachsen, dass es unhöflich ist, zu spät zu kommen“, bekräftigt die Erste-Bankerin. Kollegen bestätigen, dass sie diese Tugend ohne Ansehen der Person lebt. Egal ob Vorstandschef Andreas Treichl oder der Portier – Bleyleben-Koren ist auf plus/minus 30 Sekunden pünktlich. Pedantisch? „Eine Frage des Respekts, finde ich. Aber meine Brüder sehen das nicht so eng. Die kommen ungeniert zu spät“, gibt die Ober-Schwester erzieherisches Versagen zu.

Ihre extreme Korrektheit und Präzision , eine stets aristokratisch-aufrechte Körperhaltung, die Orthopäden begeistert und gleichzeitig arbeitslos macht, und ihr perfekter, immer edler Kleidungsstil haben ihr Beinamen wie Eisprinzessin oder Eiserne Lady eingetragen. Dazu kommen Fähigkeiten wie extreme Ausdauer und Hart­näckigkeit sowie ein enormes Arbeitspensum, das nicht zuletzt Grundlage ihres beruflichen Erfolges war. Anders als Andreas Treichl, als dessen Stellvertreterin sie seit neun Jahren fungiert und der durch glanzvolle Übernahmen, große Visionen und Spontanität das äußere Bild des Konzerns bestimmt, hat Bleyleben-Koren immer mehr nach innen gewirkt. Präzise Umsetzung, genaue Pläne und enorme Effizienz sind ihre Stärken. So ist es kein Wunder, dass die beiden, als sie 1983 jung und ziemlich unerfahren die gemeinsame Leitung eines Bereichs übertragen bekamen, bis hin zu Schreiduellen aneinanderkrachten. „Diese gemeinsame Führung war eine ganz unglückliche Konstellation, weil wir sehr kon­trär sind und auch noch an unterschiedliche Vorstände berichtet haben, die sich nicht grün waren. Das musste schiefgehen.“ Als Treichl 1994 zurückkehrt und 1997 die Leitung der Bank übernimmt sind die Animosi­täten längst überwunden. Der Erste-Chef: „Wir ergänzen uns ausgezeichnet. Gerade unsere Unterschiedlichkeit ist jetzt ein ­Vorteil.“ Bleyleben fällt dabei die äußerlich unauffälligere Rolle der Umsetzung von Strategien zu, was ihren Stärken entgegenkommt. „Die Sissy ist schon eher Fakten- und Ratio-orientiert“, beschreibt sie Bruder Stephan, „auch wenn sie früher durchaus zu emotionalen Anfällen fähig war.“

Diese Seite zeigt die Clanchefin auch bei sehr privaten Themen. So ist ihre Kinderlosigkeit nicht Schicksal, sondern klare Entscheidung: „Mein Mann ist 26 Jahre älter als ich, hatte schon einen Sohn und hat sich daher in dieser Frage nach mir gerichtet. Ich wäre mit 35 Jahren für damalige Verhältnisse schon eine alte Mutter gewesen und habe mich dagegen entschieden.“ Bereut habe sie das bisher nie, „und jetzt werde ich 60 und werde es wahrscheinlich auch nicht mehr bereuen.“

Der zentrale Begriff in Bleyleben-Korens moralischem System ist Anstand: „Das umfasst für mich sehr viel. Andere Menschen rücksichtsvoll behandeln, keine Unvereinbarkeiten, zur eigenen Verantwortung und zu Vereinbarungen stehen, Respekt vor den Mitmenschen.“ Dass der Anstand bei manchen Managern zunehmend verloren geht, bedauert sie. „Man darf das nicht verallgemeinern, aber wenn jemand sein Unternehmen schädigt und dann noch mit einer Millionenabfertigung geht, ist das nicht in Ordnung.“ Kollegen wie British-Airways-Chef Willie Walsh, der wegen notwendiger Kündigungen im Konzern selbst auf seinen Millionenbonus verzichtet hat, imponieren ihr: „Das ist ein sehr gutes Beispiel für Anstand.“

Kein Talent für Politik. Diese kompromisslosen Werte und eine Direktheit, die ehemalige Kollegen als bis hin zum Verletzenden beschreiben, haben einen anderen Karrierepfad von vornherein ausgeschlossen. Für die Ministertochter kam eine aktive politische Rolle nie infrage: „Ich bin familienbedingt politisch sehr interessiert. Aber ich habe bei meinem Vater gesehen, wie unbedankt und hart dieser Job ist.“ Den aktuellen Zusammenbruch der Koalition sieht sie als notwendig an: „Das war schon richtig abstoßend zu beobachten, wie hier miteinander umgegangen wurde. Die Frage ist nur, ob es nach der nächsten Wahl Alternativen gibt und wie man die ­politikverdrossenen Wähler dazu bringen wird, überhaupt ihre Stimme abzugeben.“ Dies werde nur mit vielen neuen und glaub­würdigen Köpfen möglich sein. Auch die EU-Verdrossenheit macht der Bankerin zu schaffen: „Natürlich ist Öster­reich einer der größten Profiteure, alleine wegen der Tausenden Arbeitsplätze, die die Osterweiterung gebracht hat. Aber wer erklärt das denn den Bürgern? Bei allem, was unangenehm ist, verstecken sich die Politiker hinter Brüssel, das Positive bewerben sie als eigene Leistung. Es gibt einfach niemanden, der konsequent die Vorteile Europas erklärt.“

Privater Lebensmittelpunkt. Mit ihrem Mann, der sich 86-jährig bester Gesundheit erfreut, sei sie „einfach glücklich“. „Er ist mein Lebensmittelpunkt“, betont sie, nur für den Fall, dass man glauben könnte, es sei die Bank. „Er drängt mich auch nicht, aufzuhören. In dieser Hinsicht ist er ziemlich altruistisch. Eher bin ich es, die sich überlegt, wann der richtige Zeitpunkt ist, Schluss zu machen.“ Ein Limit hat sie sich aber bisher nicht gesetzt. Auch ein Resümee über ihr bisheriges Leben hat sie noch nicht gezogen. „Warum soll ich Rückschau halten? Ich habe noch viel vor und bin mit meinem Leben sehr zufrieden.“ Und Zufriedenheit ist in der Welt von Bleyleben-Koren das eigentliche Ziel menschlichen Lebens.

Und wenn das Leben endet? Die Bankerin sieht sich zwar nicht als gläubig im Sinne der Kirche, aber „ich glaube schon, dass es nach dem Tod weitergeht, auch wenn ich ­keine konkrete Vorstellung davon habe. Ich glaube auch, dass es irgendwo eine ­ausgleichende Gerechtigkeit gibt.“ Was wird auf dem Sterbebett rückschauend das Wichtigste im Leben gewesen sein? Die Frau im dunklen Hosenanzug schweigt lange. „Ein gutes Gewissen, in dem Sinne …“ Stille. „Ich habe das schreckliche Jahr mit meinem Vater erlebt, als wir alle wussten, dass er Krebs hat und nur noch wenige Monate zu leben. In dieser Zeit war mein dringendstes Bedürfnis, ihm bestmöglich zu helfen, und als es zu Ende war, habe ich das Gefühl gehabt, alles getan zu haben. Wenn ich sterbe und das Gefühl habe, da bei meinen Nächs­ten etwas versäumt zu haben, das stelle ich mir schrecklich vor.“ Bleyleben-Koren schweigt wieder. Kein Eis. Keine Prinzessin.

Von Stephan Klasmann

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