„Europa ist ohne Russland nicht vollständig“

Michail Gorbatschow, letzter Staatschef der UdSSR und Friedensnobelpreisträger, im FORMAT-Gespräch über die EU-Erweiterung, die Folgen der Globalisierung und warum er erstmals einen Frauen-Welt-Award verleiht.

Format: Herr Gorbatschow, am 1. Mai sind acht Staaten der EU beigetreten, die unter Ihrer Präsidentschaft noch kommunistisch waren und unter sowjetischem Einfluss standen. Wie haben Sie sich an diesem Tag gefühlt?
Gorbatschow: Ich habe diesen Ländern meine Glückwünsche gesandt, und ich wünsche ihnen auch heute Glück. Das war ein sehr wichtiger Schritt.
Format: Immerhin haben Sie den Prozess ja losgetreten.
Gorbatschow: Nicht ich alleine, nein. Und ich hoffe und glaube, dass er noch nicht zu Ende ist.
Format: Wie weit soll die EU Ihrer Vorstellung nach denn reichen?
Gorbatschow: In eine echte Europäische Union gehört alles, was innerhalb der geografischen Grenzen Europas liegt. Also etwa auch die Ukraine, Weißrussland und Russland.
Format: Gibt es in diese Richtung bereits Bewegung?
Gorbatschow: Der Prozess ist im Gange – aber langsam. Noch vor einigen Jahren wären ja schon die jetzigen Fortschritte undenkbar gewesen. Ich habe auf einer Konferenz mit dem deutschen Bundeskanzler Helmuth Kohl einmal gesagt: Die EU sollte langfristig bis Russland reichen. Da ist der Kanzler mit all seinem Gewicht von seinem Stuhl aufgesprungen und hat gerufen: Moment einmal, was soll das, worüber sprecht ihr überhaupt? Die Europäische Union kann Russland nicht aufnehmen, sie ist noch lange nicht bereit dazu.
Format: Und jetzt?
Gorbatschow: Ich habe immer gesagt, Europa muss vereint werden, und da gehören auch Russland, Weißrussland und die Ukraine dazu. Jetzt ist ein wichtiger Schritt gesetzt worden – das Wirtschaftsabkommen dieser Staaten mit der Europäischen Union. Es ist ebenfalls am 1. Mai gestartet worden. Dieser Wirtschaftsraum, der sich hier mit der EU geeinigt hat, umfasst 80 Prozent des Gebiets der ehemaligen Sowjetunion – 220 Millionen Europäer leben hier. Das ist ein wichtiger Schritt, und diese Länder werden sehr gute Partner sein.
Format: Sind die ehemaligen Sowjetrepubliken denn so nahe an Europa?
Gorbatschow: Es kann hier durchaus zu einer engeren Zusammenarbeit kommen. Europa hat ein gemeinsames Schicksal. Die Ukraine, Weißrussland und Russland sind zutiefst europäische Staaten: Europa ist ohne Russland nicht vollständig. Sie sind auch sehr reich – die reichsten der ehemaligen Sowjetrepubliken, und intellektuell gesehen gibt es eine große Nähe. Zwischen Russland und Deutschland gibt es eine enge Verwandtschaft – das war schon in der Zarenzeit so. Jetzt gibt es zwar keinen Zaren mehr, aber dafür kommen die Russen nach Deutschland (lacht).
Format: Wäre Russland wirtschaftlich bereit für die Europäische Union?
Gorbatschow: Russland ist ein sehr reiches Land, mit unglaublichen Kapazitäten: Rohstoffe, Industrie, Landwirtschaft, Öl – wir haben das alles. Doch die sozialen Unterschiede sind viel zu groß, und das führt zu Spannungen. Sie müssen sich nur in Moskau umschauen – dort fährt ein Mercedes nach dem anderen vor den Luxushotels vor. Ich glaube, die Russen kaufen mehr Mercedes als die Deutschen. Und BMWs. Aber es sind noch wenige, die so reich sind, und sie konzentrieren ihren Reichtum.
Format: Wie lange kann es dauern, bis Russland ein Teil der EU ist?
Gorbatschow: Das wird noch sehr lange dauern. Denn diese Vereinigung kann nur eine Vereinigung von hoher Qualität sein, und das braucht Zeit. Ein russischer Dichter hat einmal in einem Gedicht geschrieben. „Es ist nur schade, dass in dieser wunderbaren Zeit, die da kommen wird, weder du noch ich leben werden.“ Ich werde das sicher nicht mehr erleben – und Sie wahrscheinlich auch nicht.
Format: Ist das auch eine Vorstellung für eine neue Weltordnung? Ein starkes, vereintes Europa mit Russland?
Gorbatschow: Ja, sicherlich, aber das ist nur ein Teil. Die Welt hat heute sehr viele Probleme. Wir leben in einer globalisierten Welt, und wir wissen nicht, wie wir damit umgehen sollen. Nach Ende des Kalten Krieges hatten alle die Hoffnung, dass sich die Dinge von selbst regeln, aber die hat sich nicht erfüllt. Ich komme gerade aus Lateinamerika zurück: Dieser Kontinent steht kurz vor der Explosion. Wir müssen dringend eine neue Weltordnung finden, die diese Probleme in den Griff bekommt.

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