Elena Baturina - Wiens neue Milliardärin

Exklusiv. Elena Baturina, 45, mit sieben Milliarden Dollar Vermögen die reichste Frau Russlands, gründete kürzlich eine Stiftung in Wien. Die wird ihren Immobilienbesitz und das internationale Geschäft ihres Inteco-Konzerns managen.

Stevie Wonder kommt nach Tirol. Nächsten Freitag wird die 58-jährige Soul-Legende anlässlich des ersten „JazzaNova“-Festivals im Kitzbüheler Tennisstadion auftreten. „Es gibt rund 4.000 Tickets“, sagt Ulrich Dorner, Chef der eventorganisierenden Agentur Rass & Dorner, doch: „Die sind nicht käuflich.“ Ein Viertel wurde Personen aus dem karitativen, medizinischen und sozialen Bereich zum Nulltarif versprochen, rund 250 Karten sind für VIPs reserviert, und der Rest wird über Zeitungsgewinnspiele gratis verlost. Die geschmalzene Rechnung von mehr als einer Million Euro übernimmt dabei nicht die Gemeinde, sondern eine Russin: Elena Baturina, 45, Eigentümerin des Mischkonzerns Inteco (Banken, Baustoffe, Immobilien, Plastik). Baturina will „JazzaNova“ in den nächsten Jahren zum Fixpunkt der europäischen Konzertszene machen und weitere Weltstars nach Kitzbühel holen, wofür sie gerne tief in die Tasche greift. „Damit drückt Baturina ihre enge Verbundenheit mit Kitzbühel aus“, erklärt Dorner. „Die freundschaftlichen Beziehungen zwischen Russland und Österreich werden durch dieses Festival jedenfalls um eine Facette reicher.“

Die Pläne der Oligarchin. Die öffentlichkeitswirksame Charmeoffensive der publicityscheuen Russin ist nicht uneigennützig. Baturina, die laut Moskauer Wirtschaftsmagazin „Finans“ mit sieben Milliarden Dollar die reichste Frau Russ­lands ist, will sowohl privat als auch geschäftlich in Österreich durchstarten: Noch heuer soll Wien zur Europa-Zentrale ihrer Inteco-Gruppe avancieren. Die Vorbereitungen dazu laufen auf Hoch­touren. Außerdem soll Kitzbühel zum Zweitwohnsitz der einzigen Milliardärin Russlands werden. Damit reiht sich die Ehefrau des Moskauer Bürgermeisters Juri Luschkow in die Riege der Oligarchen ein, die Österreich längst als bevorzugtes Rückzugsgebiet entdeckt haben. Seit 18. März darf sich Wien über seine neue Milliardärin freuen. An diesem Tag wurde die Beneco Privatstiftung beim Handelsgericht eingetragen. Die Stiftungserklärung vom 7. März 2008, die FORMAT exklusiv vorliegt, weist Baturina als alleinige Stifterin aus (siehe Faksimile Seite 9). Als Begünstigte werden sie und ihre beiden Töchter Elena, 16, und Olga, 14, genannt. Familienvater Luschkow wird nicht erwähnt. Stiftungszweck laut notariell beglaubigter Urkunde: „Das Fortkommen der Be­günstigten dieser Stiftung mit den Er­träg­nissen des Stiftungsvermögens zu unterstützen und zu fördern sowie die Erhaltung und die Anlage des Stiftungsvermögens in Beteiligungen an Unternehmen im In- und Ausland und dessen Verwaltung.“

Baturinas Masterplan sieht nun vor, dass alle Inteco-Geschäfte außerhalb Russlands künftig von Wien aus gesteuert werden. Die Stiftung soll dabei eine indirekte Holdingfunktion ausüben. We­sentlicher Grund für die Standortwahl wa­­ren die günstigen steuerlichen Rahmenbedingungen in der Alpenrepublik: Die Gesetze zur Gruppenbesteuerung er­lauben der Holding, Gewinne aus Tochtergesellschaften mit Verlusten gegenzurechnen, was steuermindernd wirkt. Zudem ermöglicht ein Doppelbesteuerungsabkommen zwischen Österreich und Russland, dass die Baturina-Stiftung keine Steuern in Österreich abführen muss. Im Gegenzug müssen Beneco-Zuwendungen an Baturina oder ihre Kinder beim Moskauer Finanzamt gemeldet und versteuert werden. Schätzungsweise erspart sich Baturina über die nächsten Jahre so einige Hundert Millionen Euro.

Baturina hat gegenüber der Moskauer Zeitung „Vedomosti“ kürzlich Verän­derungen bei Inteco bestätigt: „Der Prozess der Konzernumstrukturierung ist noch nicht abgeschlossen.“ Die Inteco-Holding werde künftig nur Strategie- und Finanzierungsaufgaben übernehmen. Die operative Verantwortung wird auf die Töchter übertragen. Baturina bewertet ihre Firmengruppe für den Fall eines Börsengangs mit „bis zu zehn Milliarden Dollar“. Ein nicht unwesentlicher Teil dieses Vermögens wird in der neuen Struktur von Wien aus kontrolliert werden. Neben Inteco sind Baturinas wichtigste Investments Anteile am Energie-Goliath Gazprom und am größten Geld­institut des Landes, der Sberbank. Beide Unternehmen zählen zu den Schwer­gewichten der Moskauer Börse. An ­Gazprom hält die Oligarchin 0,4 Prozent und an der Sberbank ein halbes Prozent. Der ge­meinsame Wert beider Ak­tienpakete liegt bei rund 2,2 Milliarden Dollar.

Lukrativer Draht ins Moskauer Rathaus. Ihren immensen Reichtum verdankt die Absolventin des renommierten Moskauer Management-Instituts in erster Linie ihren guten Kontakten ins Rathaus. Mit 28 Jahren heiratete sie 1991 den damals 55-jährigen Luschkow, der ein Jahr später Bürgermeister der Zwölf-Millionen-Me­tropole wurde. Der Karriersprung des Ehemanns war Inteco nur förderlich: Erstmals wurde 1998 bekannt, dass Juri und Elena nicht nur das Bett teilen. Inteco – heute Russlands größter Hersteller von Plastikgeschirr – gewann damals eine höchst umstrittene Ausschreibung um die Bestuhlung des Luschniki-Stadions: 80.000 Plastiksessel wurden ausgetauscht. Auch bei Luschkows 20-Milliarden-Dollar-Vorzeigeprojekt, dem Einkaufs- und Bürokomplex „Moskau-City“ mit dem weltbekannten 612-Meter-Wolkenkratzer „Rossija“ (Russland), ist Inteco dabei und erfreut sich an den jährlichen Sensationsrenditen von 40 Prozent.

Baturina bestreitet jeglichen Vorwurf der Vetternwirtschaft vehement. Auffällig bleibt aber dennoch, dass sich mehr als die Hälfte ihres Baubusiness in Moskau konzentriert, wo jeder Big Deal zur Absegnung über Luschkows Schreibtisch wandert. Dass Baturinas billiges Naturschutzgebiet zu teurem Moskauer Bauland umgewidmet wird, lässt zumindest eine bevorzugte Behandlung vermuten. Von einer Sonderbehandlung in Österreich kann die mit einem Faible für Oldtimer ausgestattete Unternehmerin nur träumen. Zuletzt musste sie das im März bitter zur Kenntnis nehmen: Der Tiroler Grundverkehrsreferent Hermann Riedler beeinspruchte den zu Jahresbeginn an­gemeldeten Kauf einer Kitzbüheler Villa. Käufer des Anwesens am Koch­auweg ist eine von Baturina kontrollierte Tirus Tourismusberatung GmbH. Riedler: „Ein öffentliches Interesse an diesem Immo­bilienerwerb konnte ich bisher nicht nachvollziehen.“ Um die steigende Zahl reiner Freizeitwohnsitze zu verhindern, verbieten die Landesgesetze Ausländern, Immobilien zur ausschließlichen Privatnutzung zu erwerben. Eine Ausnahme wird nur aus Gründen des öffentlichen Interesses gewährt. Nun ist die Landesgrundverkehrskommission am Zug. „Die Entscheidung wird eher nach der Sommerpause fallen“, sagt Kommissionsvorsitzender Christian Vi­sinteiner, also frühestens im September.

Russen kochen Tiroler ein. Die idyllisch gelegene Baturina-Villa ist jedenfalls beliebter Treffpunkt des internationalen und russischen Jetsets. Früher war etwa Ex-Siemens-Chef Klaus Kleinfeld häufiger Gast. Zuletzt wurde der Milliardär Wladimir Jewtuschenko oft gesichtet. Jewtuschenko ist mit Baturinas Schwes­ter verheiratet, mit Luschkow befreundet und der Chef des Moskau-nahen Mischkonzerns Sistema (Banken, IT, Telekom, Versicherungen). Detail am Rande: Für den Fall einer Telekom-Austria-Spaltung in Festnetz und Mobilfunk wurde Sistema häufig als Wunschpartner für den Mobil-Bereich genannt.

Eine Entscheidung der Grundverkehrskommission wird noch bis zum Herbst auf sich warten lassen. Genug Zeit für die Präsidentin des russischen Pferdesportverbands, um glaubhaft zu machen, dass sie im öffentlichen Inter­esse handelt. Die Gemeindepolitiker Kitzbühels sind längst Feuer und Flamme. Und die Bezirkshauptmannschaft Kitzbühel begrüßt den Hauskauf ausdrücklich. Neben der JazzaNova-Initiative und exklusiven Partys zum „Russischen Weihnachtsfest“ eroberte Baturina mit nachfolgenden Aktionen das Herz der kritischen Kitzbüheler: Golfclub Kitzbühel: Um 25 Millionen Euro erwarb Baturina den Golfplatz Eichenheim Kitzbühel-Aurach. Die Freizeitimmobilie wurde nicht nur komplett saniert, sondern auch erweitert: Bis zum Frühjahr 2009 soll das neue Fünfsterne­hotel „Grand Tirolia“ seine Pforten öffnen. Die Baulöwin, die auch Hotels am Schwarzen Meer besitzt, holte Ulrich Drewisch – vormals Manager der Kitzbüheler Nobelbleibe „Arosa“ – als Hotelgeschäftsführer an Bord. Drewisch: „Wir werden 80 Zimmer, 150 Betten und eine 300 Quadratmeter große Präsidentensuite haben. Es wird toll.“ ATP-Tennisturnier Kitzbühel: Nachdem der langjährige Sponsor Generali Versicherung im Vorjahr das Handtuch warf, sprang Baturina zur Rettung der Sportveranstaltung gerne ein. Die jährliche Million Euro zur Unterstützung brachte die lokale Sportlobby auf ihre Seite. Die Vereinbarung läuft zwar Ende 2009 aus, eine Verlängerung des Kooperationsvertrags gilt aber als sicher.
l Triathlon Worldcup Kitzbühel: Inteco heißt der neue „Haupt-Presenting-Sponsor“ des zwischen 17. und 20. Juli stattfindenen Triathlonwochenendes in Kitzbühel. „Es ist ein fester Bestandteil der Baufirma Inteco, sich gesellschaftlich und sozial zu engagieren“, heißt es in einer Presseerklärung zum Triathlon-Engagement. „Mit Aktionen und Veranstaltungen, wie der russischen Saisons Ende 2007, zeigt Inteco sein integratives Engagement in und um Kitzbühel.“ Die Kitzbüheler sind von ihrer Mil­liardärin hellauf begeistert. Was ihr En­gagement Wien bringt, wird sich weisen.

Von Ashwien Sankholkar

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