Ein Sieger ohne Ass im Ärmel

Wahlkrimi: VP-Kanzler Schüssel steht laut allen Umfragen zwei Wochen vor der Wahl als Sieger fest. Er wird durch das Zerbröseln der FPÖ die größten VP-Zugewinne in der Geschichte einfahren. Aber: Eine Regierung mit dem ÖVP-Chef will eigentlich niemand eingehen.

Als sich der Bundeskanzler vergangene Woche zum Besuch in die Hofburg aufmachte, hatte er ein kleines, feines Präsent für den Präsidenten unter seinem Arm: eine erlesene Einspielung von Josef-Haydn- Stücken. Das Päckchen war Schüssels Geschenk zu Thomas Klestils siebzigsten Geburtstag. Und es war gleichzeitig ein Geschenk, das Schüssels Ader für feinsinnige Symbolik erkennen ließ: Haydn war der Lieblingskomponist von Josef Klaus, des bislang letzten ÖVP-Bundeskanzlers, der sein Amt mit der Legitimation eines Wahlsiegs angetreten war. Anzunehmen, daß der Bundespräsident, der Schüssels Kanzlerambitionen im Jahr 2000 genau mangels dieser Legitimation erfolglos verhindern wollte, die Anspielung des Hietzingers verstand. Klestil war einst von 1966 bis 1970 Sekretär im Kabinett Klaus.

Drei Jahre später glaubt Wolfgang Schüssel, daß seine ÖVP bei der Nationalratswahl tatsächlich stimmenstärkste Partei werden kann. Und damit das auch tatsächlich gelingt, hatte er an diesem Dienstag einen nicht minder wichtigen Termin in seinen Kalender eingetragen: Mittags hatte er eine Privataudienz bei Hans Dichand, dem Herrn über die „Kronen Zeitung“. Zwei Stunden lang plauderten Schüssel und Dichand – welches Präsent der ÖVP-Chef bei diesem Termin dabeihatte, ist nicht bekannt.

Schüssel im Höhenflug
Fest steht: Knapp zwei Wochen vor der Nationalratswahl und vier Wochen nach dem Bruch der blau-schwarzen Wenderegierung spürt Wolfgang Schüssel Aufwind. In allen Umfragen hat seine zum Kanzlerwahlverein umgepolte Partei ein Plus von zehn Prozentpunkten aufzuweisen. Mit rund 37 Prozent kann die ÖVP am 24. November in jedem Fall rechnen.

Und selbst wenn die ÖVP nicht stärkste Partei werden sollte – sie wird in jedem Fall knapp an die SPÖ herankommen, sie wird die höchsten Zuwächse aufweisen, und sie wird in jedem Fall den offiziellen Wahlsieger stellen: Wolfgang Schüssel.

Nur: Was dann? Schon klar – Schüssel möchte Kanzler bleiben, Alfred Gusenbauer Kanzler werden. Doch für beide gilt – mit welchem Partner? Je näher die Wahl rückt, desto undurchsichtiger wird die Lage, desto mehr Regierungsvarianten werden möglich – auch aufgrund der Wahlstrategie der beiden Großparteien.

Fischen im eigenen Tümpel
Vom Lagerwahlkampf, der noch in den hektischen Stunden nach dem Regierungsbruch getrommelt wurde, ist zur Zeit jedenfalls wenig zu spüren – eher vom Gegenteil. Mit Personalentscheidungen wie der Nominierung von Gertraud Knoll und Josef Broukal fischt die SPÖ zur Zeit vorwiegend in den grünen Gewässern, während sich die ÖVP ungehemmt in der Konkursmasse des blauen Lagers bedient. Fessel-GfK-Forscher Peter Ulram: „Das liegt am Auseinanderbrechen der FPÖ. Beide knabbern ihre Juniorpartner an. Jeder ist sich selbst der nächste, man rittert um den ersten Platz.“

Die Lager bleiben dabei ungefähr gleich groß. Im OGM-FORMAT-Polit-monitor liegen SPÖ und Grüne zur Zeit gemeinsam bei 51 Prozent – Schwarz-Blau kommen auf 48 Prozent. Eine generelle Bewegung ist nicht in Sicht – vor allem deshalb, weil die SPÖ ihren Teil der heimatlosen einstigen FPÖ-Wähler laut Christoph Hofinger vom Meinungsforschungsinstitut Sora bereits abgeschöpft hat: „Mit ihrer Kritik an der sozialen Käl-te der Regierung hat die SPÖ schon vor Monaten rund 100.000 Wähler von der FPÖ zurückgeholt.“

Autoren: K. Grubelnik, M. Huber, F. Statthaler, B. Tóth

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