Ein Prediger als Präsident? Warum Barack Obama auch die Europäer fasziniert

„59 Prozent der US-Bürger glauben, dass Obama noch vor der Wahl ermordet wird.“

Mit der Nominierung von Barack Obama als Präsidentschaftskandidat der Demokraten – jene von John McCain als republikanischer folgt zwei Wochen später – beginnt die letzte Wahlkampfphase vor dem 4. November. Wohl keine Weichenstellung in den USA in den vergangenen Jahrzehnten hat so starkes Interesse in Europa hervorgerufen wie die jetzige – höchstens 1980 die Wahl von Ronald Reagan, welche gemeinsam mit jener der Britin Maggie Thatcher im Jahr zuvor eine weltweit spürbare neokonservative Wende einläutete. Die mögliche Wahl Obamas wird wohl nicht so tiefe ideologische Spuren hinterlassen, schon gar nicht international: Im Gegensatz zu manchen Hoffnungen/Befürchtungen ist der 46-jährige Senator aus Illinois nach europäischem Maßstab kein „Linker“, sondern ein Mann der Mitte. Davon zeugen seine jüngsten Festlegungen gegen eine Lockerung der Abtreibungsgesetze, für die Todesstrafe und die Beibehaltung liberaler Waffengesetze.

Für die USA wäre seine Wahl dennoch eine Zeitenwende. Erstmals würde es mit dem Sohn eines Kenianers und einer weißen US-Bürgerin einen (nicht sehr) dunkelhäutigen Präsidenten geben, Symbol für das multikulturelle Einwanderungsland, das die Vereinigten Staaten nicht nur im Hinblick auf die Nachkommen ehemaliger Sklaven sind: 2050 werden etwa ein Viertel der Amerikaner Spanisch sprechende Hispanics sein, in Staaten wie Florida oder Kalifornien nähert man sich jetzt schon dieser Marke. Dazu kommen zwei Festlegungen Obamas, welche einen scharfen Bruch mit der Ära Bush bedeuten: Seine Wirtschafts- und Sozialpolitik will deklariert von „oben“ nach „unten“ umverteilen und nicht umgekehrt – der jetzige Präsident wird als Lobbyist der Ölindustrie und des „großen Geldes“ angegriffen. Vor allem aber: Obama will das Engagement der USA im Irak zurückschrauben, von einem abrupten Ende ist er zu Recht abgekommen. Dennoch: Unter Obama würden die USA ihre Rolle als mehr militärisch denn politisch agierender Supersheriff verlieren, welche sie spätestens seit 9/11 zunehmend exzessiv – und isoliert – ausgelegt hatten.

Das alles erklärt noch nicht die Faszination, welche der demokratische Kandidat auch in Europa ausstrahlt – am deutlichsten sichtbar jüngst in Berlin, als ihm 200.000 Menschen zugejubelt haben wie einem „Erlöser“ (Titel des „Stern“), jedenfalls einem „Superstar“ (Cover des „Spiegel“). Ein Teil davon ist der persönlichen Wirkung Obamas zuzuschreiben, für jeden Internetuser in Videos auf „YouTube“ zu beobachten (am besten beim inzwischen berühmten „Yes, we can!“). Ein anderer Grund basiert auf einem eigenen Defizit: Die Spitze der politischen Klasse in Europa wirkt ausgelaugt, verbraucht. Der Franzose Nicolas Sarkozy, derzeit EU-Ratschef, versucht sich mehr krampfhaft als erfolgreich an der Seite seines Models zum europäischen Führer zu inszenieren; der Brite Gordon Brown steht nach wenigen Monaten im Amt noch viel schlechter da als der anfangs ungeheuer populäre Tony Blair nach Jahren; Silvio Berlusconi agiert wie eine schlechte Parodie auf sich selbst (unlängst ließ der alternde Schwerenöter ein Gemälde von Tiepolo übermalen, weil dort eine nackte weibliche Brust zu sehen war); bleibt Angela Merkel – ruhig, erfolgreich, clever, aber auch nicht gerade Charisma versprühend. Dazu kommt die spürbare Entfremdung des Wählervolks von den Gewählten: In vielen Ländern – Beispiel Österreich – wächst die Unzufriedenheit mit der Politik insgesamt, Folge ihrer sys­temimmanenten Unzulänglichkeit: Es gelingt ihr nicht, der globalisierten Wirtschaft Rahmenbedingungen zu setzen, welche auch nur annähernd dem Versprechen Sarkozys entsprechen, die Bürger vor negativen Folgen der Globalisierung zu schützen. Je mehr Politiker dies versprechen (als könnten sie etwa Inflation und Arbeitslosigkeit per Federstrich stoppen), desto lauter und erfolgreicher klingen die Parolen der Populisten, die sich über dieses Versagen empören.

Auch Obama verspricht viel – aber auf sympathische Weise. Sein Erfolgsrezept ist das „Miteinander“, der Appell an alle, am „change“ mitzuarbeiten, nicht auf das Heil von oben zu warten. Er verkörpert selbst am besten diesen Glauben an die eigene Leistung: Geboren auf Hawaii als Kind einer Mischlingsfamilie in Zeiten, da diese in anderen Staaten der USA noch verboten war, brachte er es zum Absolventen der Harvard University. Dennoch besteht die große Gefahr, dass er im Falle seiner Wahl die ungeheuren Erwartungen, die er weckt – nicht zuletzt durch sein rhetorisches, an einen Prediger gemahnendes Pathos –, nicht erfüllen kann. Bis zur Wahl besteht übrigens eine noch größere Gefahr: dass er wie seine Vorbilder, die Brüder Kennedy, einem Anschlag zum Opfer fällt. Das glauben derzeit 59 Prozent der US-Bürger und 83 Prozent der Afroamerikaner. Eine bestürzende (Selbst-)Einschätzung.

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