Ein Lächeln für den Kanzler

Lagerwechsel: Mit seiner Entscheidung, in Schüssels Team überzulaufen, könnte der ehemalige blaue Liebling den Schwarzen die Mehrheit bringen. Lohn dafür: Finanzminister, Notenbankchef oder EU-Kommissar.

So richtig wohl war Karl-Heinz Grasser nicht in seiner Haut. Als der smarte Finanzminister vergangenen Dienstag in der Tommy-Hilfiger-Dienstuniform den prachtvollen blauen Salon des Finanzministeriums betrat, war die Nervosität des 33jährigen förmlich greifbar. Der Schritt nicht so federnd wie sonst, ein nervöses Zupfen am dunkelblauen Sakko, ein ungelenker Griff an die Brille. „Ich nehme das Angebot Wolfgang Schüssels an“, sagte Grasser und lüftete ein Geheimnis, das längst keines mehr war. Er wolle als parteifreier Finanzminister der nächsten Regierung angehören, eine rot-grüne Koalition verhindern und sein begonnenes Reformprogramm fortsetzen. Und das alles unter einem Kanzler Wolfgang Schüssel. Sein FPÖ-Parteibuch, setzte Grasser fort, möchte er behalten, die Mitgliedschaft aber ruhend stellen.

Die Schüssel-Überraschung
Wolfgang Schüssels Überraschungscoup gilt als gelungen. Zwölf Tage vor dem Wahltermin sorgte der Kanzler für den bisherigen Höhepunkt eines austro-amerikanischen Medien- und Personenwahlkampfs ohne Inhalte. Nicht Arbeitslosigkeit, Abfangjäger und Pensionen dominieren die Debatte, sondern die Köpfe von Josef Broukal, Ingrid Wendl und zuletzt Karl-Heinz Grasser. Vor allem letzterer hat das Finale der politischen Auseinandersetzung weiter dynamisiert. Daß der Kanzler den populärsten Politiker des Landes für seine Partei gekapert hat, bringt die bisherige Strategie der ÖVP konsequent auf den Punkt. Die österreichischen Konservativen wollen mit den Stimmen ehemaliger FPÖ-Wähler nach dem 24. November die Nummer eins im Land sein – erstmals seit 1966.

Mit Grasser könnte das gelingen. Aktuelle Studien belegen einen nachweisbaren Sonnyboy-Effekt, der die ÖVP in der jüngsten FORMAT/OGM-Umfrage mit 39 Prozentpunkten erstmals auf Position bringt. Auch sonst scheinen die Österreicher mit der Entscheidung Schüssels einverstanden zu sein. Eine deutliche Mehrheit glaubt, daß das schwarze Grasser-Engagement der richtige Schritt war. Zudem wird Grasser ein erstklassiges Zeugnis ausgestellt. Laut OGM finden 66 Prozent der Bevölkerung, daß der Noch-FPÖ-Mann eine „bessere Arbeit als sein Vorgänger Rudolf Edlinger“ macht.

Die Koalitionsfrage
Zahlen, die freilich eine entscheidende Frage nicht beantworten. In welcher Koalition soll Grasser seine politische Arbeit in der Wiener Himmelpfortgasse fortsetzen? Primäre Voraussetzung für ein Minister-Dakapo ist einmal der Sprung der ÖVP an die Spitze. Bei der Suche nach Koalitionspartnern dürfte sich Kanzler Schüssel ohnedies schwertun, eine Koalitionsbedingung Grasser scheint aber aus heutiger Sicht in keiner Variante durchsetzbar. Weder die SPÖ, noch die Grünen oder gar die FPÖ würden ihre Zustimmung geben.

Grasser ist gänzlich anderer Meinung. Im kleinen Kreis formuliert der Kärntner recht offen, daß er hundertprozentig damit rechne, auch künftig Säckelwart der Nation zu sein. Alle aktuell formulierten Ablehnungen würden schon in naher Zukunft obsolet und für einen Weiterverbleib als Minister nicht relevant sein. Freunde Grassers berichten davon, daß der Jungpolitiker felsenfest davon überzeugt ist, schon in absehbarer Zeit als Finanzchef einer schwarz-roten Koalition zu seinen europäischen Kollegen reisen zu können. „Die SPÖ“, sagt Grasser im kleinen Kreis, „hat schließlich über Jahrzehnte Kanzler und Finanzminister gestellt. Warum sollte ein Wahlsieger Schüssel nicht Gleiches zustande bringen.“

Autor: Klaus Dutzler

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