Die Vranitzky-Memoiren

7 Jahre nach dem Rücktritt schrieb Franz Vranitzky seine „Erinnerungen“. FORMAT-Autor Hans Rauscher traf den Altkanzler und sprach mit ihm über Kreisky, Androsch, Haider und Schüssel.

Er sitzt auf dem roten Sofa Kreiskys. In der berühmten Villa in der Wiener Armbrustergasse, wo der legendäre Kanzler der dreimaligen absoluten SP-Mehrheit internationalen Staatsmännern ebenso wie heimischen Schülerzeitungsredakteuren die Welt erklärte. Franz Vranitzky ist Gründer und Präsident des „Bruno Kreisky Forums für internationalen Dialog“, das nun in der umgebauten Villa residiert. Kreisky schätzte ihn anfangs wenig („ein Banker“), akzeptierte ihn dann aber. Heute gilt er als der österreichische Bundeskanzler mit der größten Reputation nach Kreisky.

Es ist nicht ganz sieben Jahre her, dass er als Kanzler und SP-Vorsitzender zurückgetreten ist, und erst jetzt hat er seine Memoiren geschrieben: „Franz Vranitzky: Politische Erinnerungen“. Warum verstrich so viel Zeit? Er war noch aktiv: als (Osteuropa-)Berater der Westdeutschen Landesbank oder als Vermittler in Albanien. In dem Buch schimmert auch Sorge um die europäische Sozialdemokratie durch. Es sei höchst an der Zeit, sagt er heute, „dass sich europäische Sozialdemokraten gemeinsam sichtbar, hörbar, spürbar mit Themen der Zeit so beschäftigen, dass die Bürger daraus für sich Antworten ablesen können“.

Der Pragmatiker. Das Buch ist das Credo eines Sozialdemokraten, der immer der Meinung war, „das pragmatische Herangehen an die politischen Aufgaben müsse im Vordergrund stehen“. Zehn Jahre und sieben Monate war Vranitzky österreichischer Bundeskanzler, nur Kreisky war es länger (13 Jahre). Er sicherte einer ausgepowerten SPÖ noch einmal eine lange Periode der Dominanz, die unter seinem Nachfolger Viktor Klima verloren ging.

Jetzt sind vier Jahre schwarz-blaue „Wende“ ins Land gezogen. Wird die österreichische Sozialdemokratie (Vranitzky hat die Umbenennung von „sozialistische“ in „sozialdemokratische“ Partei durchgesetzt) bald wieder den Kanzler stellen? Er gibt bei solchen Themen gern indirekte Antworten: Er vermisse in der ganzen europäischen Sozialdemokratie einen gemeinsamen Aufschwung, aber er sei jemand, der die Hoffnung nicht so leicht aufgebe, sagt er im FORMAT-Gespräch.

Über Alfred Gusenbauer. Aber es ist doch auffällig, dass Alfred Gusenbauer in dem ganzen Buch nur einmal vorkommt – und da in einer nicht besonders schmeichelhaften Anekdote. Das liege daran, dass „ich nur über meine aktive Politikerzeit schreibe, und da war Gusenbauer nicht so prominent“. Aber, so Vranitzky weiter, „ich bin sehr zuversichtlich, in nächster Zukunft etwas sehr Positives über ihn sagen zu können – vielleicht gelingt die nächste Wahl besser als die vorherige“. Wer hier starke Skepsis gegenüber Gusenbauer heraushört, hat sich wahrscheinlich nicht verhört.

Wie viele „Aufreger“ enthält das Buch? „Ich habe nix erfunden und nix beschönigt“, sagt Vranitzky. Er hat aber auch keine „Enthüllungen“ anzubieten, sondern eine – für seine Verhältnisse – offene Darstellung wichtiger Jahre des Landes. Das Buch kann mit scharf gezeichneten Charakterisierungen bereits historischer und aktiver Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens wie Androsch, Klestil, Klima, Schüssel, Haider, Häupl et cetera aufwarten. Aber auch mit internationalen Begegnungen wie Reagan oder Gorbatschow. Breiten Raum nimmt die Veränderung der österreichischen Strukturen ein: Sosehr er heute der Meinung ist, dass Kreisky mit seiner gesellschaftlichen Öffnung und dem Aufbau eines Sozialstaates „Zeitgeschichte geschrieben hat“, so sehr verwahrt er sich gegen eine „Ikonisierung“ des „Alten“.

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