Die Sonntagsfrage

Billa hält mitten im Weihnachtsstress die Uhren an und macht am 8. Dezember, einem samstägigen Feiertag, dicht. Kirche und Gewerkschaft jubeln, andere stellen die Sonntagsauszeiten komplett infrage.

Das Offenhalten am Sonntag kommt manchmal durch die Hintertür. Zum Beispiel im steirischen Pirka-Windorf in der Nähe von Graz: Seit Oktober können die Bewohner des 3.000-Seelen-Dorfs sieben Tage die Woche von 6 bis 22 Uhr Brot, Milch, Tiefkühlpizza und Obst in einem Spar-Markt einkaufen. Auch am Sonntag. Der legistische Trick dabei: Der Besitzer ist Tankstellenpächter und betreibt im Tankstellenshop auf 80 Quadratmetern einen Spar-Markt. Ein Beispiel, das offensichtlich Schule macht. Mit zwei weiteren Tankstellenshops in Zeltweg und Kapfenberg betreibe Spar eine Strategie der schrittweisen Sonntagsöffnung, halten Kritiker der Handelskette vor.

Um so mehr Aufsehen erregte auch deshalb vergangene Woche die Entscheidung des schärfsten Spar-Konkurrenten Billa. Die Lebensmittelkette will heuer mitten im Weihnachtsgeschäft auf den umsatzkräftigen Marienfeiertag am 8. Dezember verzichten und alle 1.000 Billa-Filialen – Ausnahme ist die Filiale am Flughafen Wien-Schwechat – geschlossen halten. Ein ungewöhnlicher Schritt der Unternehmensführung, für den Billa viel Lob, aber auch heftige Kritik von Konkurrenten und anderen Handelstreibenden einstecken musste. Ungeteilte Zustimmung erhält das Billa-Management jedenfalls von den 16.600 Mitarbeitern, die in den vergangenen Jahren zum Synonym für billige Arbeitskräfte geworden waren, die meist als Teilzeitkraft an der Supermarkt-Kassa bei hohem Arbeitseinsatz und niedrigem Lohn arbeiten müssen. Steckt also hinter der Entscheidung von Billa, sich mitten im Weihnachtskaufrausch aus dem Konsumspiel zu nehmen, tatsächlich nur ein billiger PR-Gag? Und ist die Entscheidung ein Schritt in die richtige Richtung und ein Vorbild für andere Unternehmen, wie Kirche und Gewerkschaft in seltener Eintracht bereits unken?

Billa-Vorstand Volker Hornsteiner vermittelt jedenfalls im FORMAT-Interview den Eindruck, dass er diesen Schritt auch als gesellschaftliches Signal verstanden wissen will: „Würden wir diese Aktion aus Imagegründen machen, hätte es mit Sicherheit billigere Möglichkeiten gegeben.“ (Siehe auch Interview links.) Hornsteiner weiter: „Es ist nicht notwendig, diesem Konsumtempo unserer Gesellschaft immer nachzugeben. Man braucht nicht alle drei Monate ein neues Handy oder einen neuen CD-Player. Es ist wichtig, auch Ruhezonen zu haben.“

Und diese Ruhezonen im Form von Sonn- und Feiertagen sollte es eben nicht nur für die Mitarbeiter von Unternehmen geben, heißt es bei der Katholischen Aktion der Erzdiözese Wien. Auch für die konsumfreudige Bevölkerung müssten konsumfreie Zonen und Zeiten erhalten bleiben, damit Menschen ihren sozialen, kulturellen, politischen oder religiösen Aktivitäten nachgehen zu können. Bereits 2004 forderte die „Allianz für den freien Sonntag Österreich“ die Aufnahme des arbeitsfreien Sonntags in die Verfassung und legte dem Österreich-Konvent ein Positionspapier vor: „Als Inbegriff gemeinsamer freier Zeit ist der arbeitsfreie Sonntag ein wesentlicher Teil unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens.“

Und selbst Ökonomen halten die Billa-Entscheidung für positiv: Billa setze damit ein Zeichen zum Innehalten in der Beschleunigung und Flexibilisierung von Arbeits- und Öffnungszeiten, sagt Michael Meyer von der Wirtschaftsuniversität Wien: „Es deutet einiges darauf hin, dass die Beschleunigung der Arbeitswelt dazu beiträgt, jene Gewinne an Gesundheit und Lebensqualität im Alter zu zerstören, die uns die medizinische Entwicklung gerade versprochen hat.“ Das wären die absehbaren Kosten der Flexibilisierung der Arbeit. Von Tagen, an denen die Mehrheit der Bevölkerung nicht arbeite, profitiere die Wirtschaft eben langfristig, meint Meyer: durch Regeneration, Stärkung des sozialen Kapitals und der Zivilgesellschaft.

Fakt ist aber auch, dass 2006 mehr als eine Million Menschen an Sonntagen arbeiten musste. Das betrifft Branchen wie das Hotel- und Gastgewerbe, die Land- und Forstwirtschaft, Gesundheitsberufe, aber auch Verkehrs- und Medienunternehmen (siehe auch Grafik Seite 21). Geht es nach einzelnen Stimmen in der Wirtschaft, sollen in Zukunft auch die großen Handelsriesen an Sonntagen geöffnet halten dürfen. Vor allem der Chef des größten Einkaufszentrums Europas, der Shopping City Süd, Maurizio Totta, fordert eine Teilöffnung am Sonntag. Jüngst meinte Totta gegenüber „News“, dass zumindest an den vier Sonntagen in der Adventzeit offen gehalten werden sollte. „Das restliche Jahr über wollen wir einen offenen Sonntag pro Monat.“ In der SCS liefert man für diesen Vorschlag innovative Erklärungsversuche: Einkaufen sei ein Freizeiterlebnis, Kinder würden betreut, Eltern hätten in Ruhe Zeit, gemeinsam abseits von Arbeitsstress zu shoppen.

Totta-Vorstandskollege Christoph Adamek schränkt gegenüber FORMAT den Vorschlag zur Sonntagsöffnung ein. Vor allem von November bis Februar wäre das Offenhalten an Sonntagen sinnvoll, weil das Freizeitverhalten im Winter ein anderes sei als während der warmen Monate.

Dennoch muss das Weihnachtsgeschäft bereits in den vergangenen Jahren gut gelaufen sein: 40.000 bis 50.000 Kunden kommen an einem durchschnittlichen Einkaufstag zum Shoppen in die SCS. An Spitzentagen im Dezember, etwa dem 8., drängten sich bis zu 120.000 Kaufwütige durch den hoffnungslos überfüllten Einkaufstempel. Zum Vergleich: Während die Einkaufszentren SCS und Plus City in Pasching mit dem Weihnachtsgeschäft heuer geschätzte 35 Millionen Euro bzw. 22 Millionen Umsatz machen, erwarten die Wiener Top-Einkaufsmeilen innere Mariahilfer Straße und Kärntner Straße 42 bzw. 22 Millionen Euro.

Aber nicht nur das anstehende Weihnachtsgeschäft bringt neuen Schwung in die Diskussion um die Sonntagsöffnung. Auch die Fußball-Europameisterschaft in Österreich im Juni 2008 wirft bereits ihre Schatten voraus: Wirtschaftskammer und ÖGB haben sich darauf geeinigt, dass an den vier Sonntagen während der Fußball-Europameisterschaft an den Spielorten Wien, Innsbruck, Klagenfurt und Salzburg die Handelsbetriebe offen halten können. In einem bundesweiten Kollektivvertrag wurde vereinbart, dass die betroffenen 250.000 Angestellten im Einzelhandel einen 100-prozentigen Überstundenzuschlag sowie einen freien Tag extra erhalten. Wer zudem nachweisen kann, dass ihm zusätzliche Kosten in der Kinderbetreuung entstanden sind, kann diesen Mehraufwand vom Unternehmen zurückfordern.

Die Katholische Aktion läuft bereits Sturm gegen diese neue Form der Sonntagsöffnung und hat 15.000 Unterschriften an die Wiener Vizebürgermeisterin Renate Brauner übergeben. Das Argument: Studien in Deutschland hätten gezeigt, dass die Erwartungen an das Geschäft mit den ausländischen Fußballfans deutlich überzogen waren. Sie hätten vor allem drei Produkte konsumiert: das Spiel an sich, Fanartikel und Bier. Was wohl auch im Juni 2008 so sein wird.

– markus pühringer

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