Die Phantome des Landeshauptmanns

Abgang: Wie es wirklich zur „Drohung“ gegen Jörg Haider kam: Der Kärntner wird nicht von Dunkelmännern der Rüstungsindustrie verfolgt, sondern von der eigenen Partei — die FPÖ führt Psychokrieg gegen den ehemaligen Übervater.

Todesdrohungen von Mietlingen der Rüstungsindustrie; Erinnerungen an die Ermordung des niederländischen Rechtspopulisten Pim Fortuyn; Anklänge an die Machtübernahme der Nazis in Österreich. Und Jörg Haider: abgetaucht, den Worten eines Mitarbeiters zufolge an einem „sicheren Ort“.

Was seit dem Wochenende aus dem Umfeld des Kärntner Landeshauptmanns an die Öffentlichkeit dringt, klingt wie die Kurzfassung eines Taschenbuch-Politthrillers. „Ich muß der Gewalt weichen“, verabschiedete sich Haider am Montag ins Ungewisse – und nahm wohl nicht von ungefähr eine Anleihe bei den berühmten Worten des Ständestaatkanzlers Kurt Schuschnigg, der 1938 von den Nationalsozialisten ins KZ geschickt worden war.

Der übermächtige Gegner, vor dem sogar der wackere Systemgegner, mutige Bagdad-Reisende und abenteuerlustige Bungeejumper Jörg Haider klein beigibt, hat kein Gesicht, aber einen schreckenerregenden Namen: Es ist der militärisch-industrielle Komplex.

Leib und Leben
Sein Eintreten gegen den Ankauf neuer Militärjets („Dr. Jörg Haider stoppt Abfangjägerkauf“), so der Landeshauptmann, sei mit massiven Drohungen beantwortet worden – ausgestoßen von einem geheimnisvollen Emissär, der ihm am Freitag vor einem Klagenfurter Lokal aufgelauert habe. Deshalb seine Angst um Leib, Leben und Familie, deshalb sein Rückzug.

Eine wilde Geschichte, die allerdings mit einem kleinen Schönheitsfehler behaftet ist – die Belege dafür sind trotz der Einvernahme des Kärntner Landeshauptmanns fünf Tage nach dem angeblichen Vorfall recht dürftig.

Fest steht nur soviel: Als Haider vergangenen Freitag knapp nach sieben Uhr abends das Gourmetlokal Oscar am St. Veiter Ring in Klagenfurt betreten will, wird er von einem Mann angesprochen. „Herr Doktor Haider, behindern Sie den Kauf der Abfangjäger nicht, und passen Sie gut auf Ihre Familie auf“, will Haider „schockiert“ vernommen haben. Zeugen für den Vorfall konnte der Landeshauptmann bis Mittwoch allerdings nicht namhaft machen.

Neuer Zeuge
Dafür ist bei den Kärntner Behörden seit Mittwoch eine Sachverhaltsdarstellung aktenkundig, in der ein Lokalgast behauptet, das Gespräch mitgehört zu haben. Der unbekannte Mann sei von Haider mit Handschlag begrüßt worden. Zitat: „Der Mann erwiderte den Gruß freundlich und sprach nicht laut, aber doch so, daß man es an den drei bis vier Meter entfernten Tischen hörte. ‚Bitte, Herr Landeshauptmann, Sie sind doch der Vater der Partei. Passen Sie gut auf Ihre Parteifamilie auf, und gefährden Sie uns nicht durch die Ablehnung des Abfangjägerkaufes – und bitte auch keine Beleidigungen wertvoller Parteimitglieder.‘“

Der Landeshauptmann habe verlegen gelächelt und sei wortlos weitergegangen. Klagenfurts Sicherheitsdirektor Albert Slamanig gegenüber FORMAT: „Wir haben davon Mittwoch Kenntnis erlangt.“

Haider hält sich ungefähr eine Stunde lang im Oscar auf. Anschließend wird er zusammen mit Gattin Claudia im nahegelegenen Nobelrestaurant Artecielo gesehen. Bis zum frühen Samstag nachmittag ist keine Rede von Drohungen gegen den Landeshauptmann: Ohne Bewachung durch Bodyguards absolviert Haider einen Rundgang durch die Klagenfurter Messe und posiert dabei frohgemut auf einem Skibob. Um 14.39 Uhr gibt er dann überfallsartig bekannt, wegen der Abfangjägerfrage auf seine Kandidatur als Obmann zu verzichten – und taucht für 48 Stunden unter. Sonntagnachmittag sehen ihn Touristen wieder ohne Leibwächter durch den italienischen Grenzort Tarvis flanieren.

Daß das Thema Abfangjäger bei seinem Abgang vor dem Antritt eine Rolle gespielt hat, ist zwar eine Tatsache – allerdings in anderem Zusammenhang als dem von Haider („Ich will mich und meine Familie nicht gefährden“) genannten.

Autoren: H. Reichmann, M. Staudinger, K. Zellhofer

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