"Die Parteien sind stehen geblieben"

Fritz Dinkhauser wagt sich „außi aus die Staudn“: Der VP-Dissident über das fehlende Charisma Wilhelm Molterers, seine Sympathie für die Grünen und seine Wahlkampffinanzierung.

Format: Herr Dinkhauser, vor fast 40 Jahren hatten Sie in Cortina bei der Junio­ren-Bob-Weltmeisterschaft einen schweren Unfall und waren eine Zeit lang gelähmt. Denken Sie derzeit oft daran?
Fritz Dinkhauser: Das war ein einschneidendes Erlebnis. Ich war das allerdings gewohnt. Ich bin viel geklettert, Fallschirm gesprungen, Drachen geflogen und hatte viele Unfälle. Ich habe immer das Risiko gesucht, auch in der Politik.

Format: Ihre damaligen Sportkollegen sprechen von Ihrer Liebe zur Herausforderung, es fallen aber auch Worte wie Crashpilot. Sie selbst haben gesagt: „Ich war mehr mutig als gut.“ Ist das Risiko, österreichweit anzutreten, vergleichbar?
Dinkhauser: Vielleicht. Aber Mut zum Risiko ist wichtig – außi aus die Staudn, mein ich immer. Wenn man immer 25 Versicherungen abschließt, bekommt man im Leben nichts weiter. Ich habe das auch als AK-Präsident so gehalten. Die Zeit ist jetzt reif für eine geradlinige Politik, die Menschen wollen das.

Format: Sie sind nicht der Einzige, der gegen die Großparteien antritt – welche Berechtigung hat die Liste Dinkhauser ­neben den anderen Kleinparteien?
Dinkhauser: Ich glaube, dass einer, der die Menschen mag, auch in anderen Bundesländern ankommen kann, so wie in Tirol. Ich kann ja nicht nur den Revoluzzer anbieten, sondern auch Sachkenntnis. Ich kann viele Initiativen vorweisen, war ­Obmann der Gebietskrankenkasse, Vizepräsident des Hauptverbandes und habe in der Arbeiterkammer viel bewegt.

Format: Wann werden Sie Ihre Liste vorstellen?
Dinkhauser: Gute Frage. Es ist nicht leicht, man hat ja so wenig Zeit, die Braut genau anzuschauen. Ich brauche keine Weltmeister oder Schauspieler, sondern Leute aus dem Volk, bei denen die Menschen das Gefühl haben: Das ist einer von uns.

Format: Sie haben Ihre Gespräche breit gestreut – bis hin zum rechten Rand in Person von Wolfgang Rauter.
Dinkhauser: Das ist falsch, der war nie dabei. Das sind gezielt gestreute Gerüchte, weil man mir schaden will. Im Parlament ist unter SPÖ und ÖVP der Angstschweiß ausgebrochen. Das war auch schon im Tiroler Wahlkampf so.

Format: Ist die FPÖ unter Strache ein möglicher Koalitionspartner?
Dinkhauser: Ich sage: Nicht ausgrenzen, sondern abgrenzen. Ich halte ein stabiles Kabinett der besten Köpfe für das Beste. Auch in der FPÖ gibt es Ansätze, die verwirklicht werden können. Aber ich kann mit der Radikalität von Strache nichts anfangen. Migration ist ein wichtiges Thema, und die Schuld an der Radikalisierung liegt bei der Politik. Etwa Arigona Zogaj: Man sollte nicht die Familie abschieben, sondern die Minister, die diese Zustände verbrochen haben. Und wir brauchen für diese Menschen keine Gebetstürme, sondern Bildungstürme.

Format: Haben Sie ein Problem mit Moscheen?
Dinkhauser: Nein. Aber wenn das Volk das nicht will, dann muss man erst die Rahmenbedingungen schaffen. Wir müssen Verständnis für Integration wecken, mit Augenmaß. Es ist unzumutbar, wenn 60 Prozent der Kinder in einer Schule Ausländer sind. Und gerade die, die am lautesten schreien, haben ihre Kinder in der Jesuitenschule. Das ist Pharisäertum.

Format: Wollen Sie Ausländerquoten für Bezirke, wie Hannes Missethon?
Dinkhauser: Nein, das ist doch ein kompletter Unsinn.

Format: Sie könnten, Erfolg vorausgesetzt, eine Dreierkoalition ermöglichen.
Dinkhauser: Das ist ein Grund dafür, anzutreten.

Format: Würden Sie auch in eine Koa­lition mit den Grünen gehen?
Dinkhauser: Da gibt es viele vernünftige Leute, mit denen ich gut kann. Die Grünen haben gesellschaftspolitisch sehr viel bewegt und würden verdienen, in ­einer Regierung zu sein – wir sehen das in Graz und Oberösterreich. Leider haben sie in der Opposition an Profil verloren.

Format: Wen würden Sie eher zum Kanzler machen: Wilhelm Molterer oder Werner Faymann?
Dinkhauser: Bei den Sozialdemokraten gibt es ehrenwerte Leute, aber sie haben viele Fehler gemacht und den Zugang zu den Menschen verloren. Sie müssen erst zu ihren Wurzeln zurück, sie sind zu kapitalis­tisch geworden. Eine Auszeit in der Opposition würde ihnen guttun. Aber sie sind natürlich ein Partner, der infrage kommt.

Format: Sie hätten also lieber einen Kanzler Molterer?
Dinkhauser: Es ist schade, dass Molterer in dieser Position ist, weil er ein exzellenter Zweiter ist. Das ist nicht eine Frage des Intellekts, sondern des Charismas. Der kann einen Überschlag machen oder einen Kopfstand, er wird nicht besser rüberkommen. Außerdem: Ein Tandem ist nicht gut zu lenken, wenn man hinten draufsitzt, und das tut er. Das hat aber nichts mit dem Menschen Molterer zu tun, den ich sehr schätze.

Format: Ihr Herz hängt also nicht dar­an, dass die ÖVP den Kanzler stellt?
Dinkhauser: Sagen wir so: Auch andere Mütter haben schöne Kinder.

Format: Das ist erstaunlich, immerhin waren Sie eben noch ÖVP-Mitglied.
Dinkhauser: Ich habe da sehr viel mitgemacht, ich bin ja der Bergprediger vom Dienst und versuche seit 40 Jahren, etwas zu verändern. Das ist lange genug. In Tirol sind wir zweitstärkste Kraft. Der Herr Platter hat den Bauern alle wichtigen Positionen gegeben und mich nicht einmal zu einem Gespräch eingeladen.

Format: Die EU ist ein wichtiges Wahlkampfthema – wie stehen Sie dazu?
Dinkhauser: Ich habe eineinhalb Jahre bei Verhandlungen mit der EU verbracht, und es fasziniert mich noch immer, dass 450 Millionen Menschen freiwillig zusammengehen. Die EU verkommt aber leider zu einem Europa der Lobbys. Die Schweinerei ist, dass man sich permanent an Europa abputzt, obwohl man selbst der Schuldige ist: Die Regierungen hätten Gestaltungsmöglichkeit gehabt. Ich wünsche mir eine Sozialcharta und ein Europa der Regionen. Dass man Wesentliches wie den Vertrag von Lissabon mit den Menschen abzustimmen hat, ist für mich klar. Da hat man die Bewusstseinsbildung versäumt. Österreich hat ungeheuerlich profitiert, und jetzt putzt man sich wegen der Teuerung an der EU ab. Das ist zu billig.

Format: Was ist Ihr Rezept gegen die Teuerung?
Dinkhauser: Ich bin da nicht der Wunderwuzzi. Aber man soll bei sich selbst anfangen: Der größte Preistreiber ist der Staat selbst. Bei Tarifen und Gebühren wird die Inflation voll abgegolten – bei Pensionen und Löhnen aber nicht.

Format: Fritz Gurgiser von Ihrer Liste hat aber eine Nulllohnrunde gefordert.
Dinkhauser: Da hat er ein gewaltiges Ohrenreiberl bekommen. Ich habe ihm gesagt: Noch so eine Aussage, und ich trenne mich. Wir haben die Inflation, die Progression und die Teuerung – das kann man nicht am Arbeitnehmer abputzen. Der Staat hat die Möglichkeit, Tarife und Gebühren einzufrieren. Bei Öl und Benzin kann man die Steuern senken, zumindest temporär. Jenen Menschen, die sich nicht helfen können, muss Hilfe geboten werden: Wir haben jetzt – und das ist eine Schweinerei, die große Schande der Republik – 2,6 Millionen Menschen, die keine Steuern zahlen können, weil sie so wenig verdienen. Da ist die Frage der ständigen Inflationsabgeltung ein Gebot der Stunde. Die entscheidende Botschaft ist aber, dass der Mensch nicht zum Almosenempfänger wird: Wir brauchen Betriebsansiedlungen im Bereich der Industrie, die 50 Prozent höhere Löhne zahlen kann, und vor allem Bildung.

Format: Wie soll man das zahlen? Durch mehr Umverteilung?
Dinkhauser: Da gibt es Gescheitere als mich – aber ich sehe, dass es in die falsche Richtung geht. Die Abschaffung der Erbschaftssteuer wurde mit den Armen argumentiert, geholfen hat es nur den Gro­ßen. Ich kenne niemanden, der etwas zu vererben hat, auch ich nicht. Für die Gerechtigkeit einer Gesellschaft müssen die, die mehr haben, mehr leisten. Die verdienen ja heute durch Spekulationen sehr leicht. Klein- und Mittelbetriebe können hingegen nur noch überleben, wenn sie 30 Prozent schwarz machen.

Format: Hans-Peter Martin wirft Ihnen vor, Geld von Großindustriellen wie Gernot Langes-Swarovski zu nehmen.
Dinkhauser: Das ist falsch. Mein Prinzip ist Unabhängigkeit, damit man bei niemandem in der Schuld steht. Vielleicht sagt er das, weil er sauer ist, dass die Hochzeit nicht geklappt hat. Aber du kannst nicht zwei Platzhirsche auf ein Feld stellen.

Format: Ihre Bank will Ihnen keinen Kredit mehr geben. Woher kommt das Geld?
Dinkhauser: Ich habe mir ausrechnen lassen, mit wie viel Rückerstattung wir bei vier Prozent rechnen können. Das wird vorfinanziert, aufgeteilt auf mehrere Schuldner, darunter die auf der Liste mit Chancen auf ein Mandat.

Format: Wie viel Geld ist das?
Dinkhauser: Etwa 1,5 Millionen. Man kann die Leute ja nicht mehr mit Kugelschreibern, Feuerzeugen und Spielkarten überzeugen. Mein Rezept ist eine Politik der Anständigkeit und der Werte.

Format: Sie sagen, Ihr Programm seien Sie selbst. Gibt es auch Inhalte?
Dinkhauser: Natürlich, Inhalte sind das Wichtigste, vor allem soziale Themen.

Format: Ihre Rezepte in Stichworten: Bildung?
Dinkhauser: Gesamtschule, Ganztagsschule, kostenloser Kindergarten und die zweite und dritte Chance für Menschen ohne Abschluss.

Format: Gesundheit und Pflege?
Dinkhauser: Es ist ein Skandal, dass sich derzeit der Staat zum Verbrecher macht und die Illegalität zulässt. Wir brauchen eine Pflegeversicherung, und zwar nicht getrennt von der Krankenversicherung. Die Priorität ist die Pflege zuhause, auch ohne Diplom.

Format: Familien?
Dinkhauser: Junge Frauen sollen sich keine Gedanken machen müssen, wenn sie schwanger werden, da müssen die Rahmenbedingungen stehen: Gratiskindergarten, Betreuung im Krankheitsfall. Der Nahverkehr soll für alle bis 15 kostenlos sein. Öffentliche Sport- und Kultureinrichtungen, die abgezahlt sind, sollen gratis zur Verfügung stehen – das beste Rezept für die Jugend.

Format: Wohnen?
Dinkhauser: Vereinheitlichung der Wohnbauförderung und Subjektförderung, damit du und ich was davon haben. Es gibt für vieles gute Rezepte, aber die Parteien sind stehen geblieben. Die Gesellschaft ist meilenweit voraus, die Politik hinkt hinterher. Da ist nichts Neues, Faszinierendes. Das Zulassen von neuen Ideen und Vorstellungen und auch von Fehlern ist wichtig. Es gibt so viele fähige junge Leute.

Format: Seltsam, dass solche Vorschläge von Ihnen kommen – Sie könnten ja schon in Pension sein. Warum tun Sie sich die Politik noch an?
Dinkhauser: Revoluzzer waren immer älter. Ich lese so viel – ob das „Die Zeit“ ist oder „brand eins“ – und sehe da so viele Rezepte für Wirtschaft und Gesellschaft. Da geht es nicht um mich – man muss am Boden bleiben, darf seine Bedeutung nicht überschätzen. Was von der Aktion bleiben sollte, ist, dass sich Zivilcourage lohnt. Dass die Menschen wieder an sich glauben und keine Angst haben.

Interview: Corinna Milborn

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