Die Macht der Vatikan AG - Die Bilanzen des heiligen Stuhls weisen Defizite aus

Kardinal Sergio Sebastiani verfolgt den Ansturm von über vier Millionen Pilgern nach Rom mit gemischten Gefühlen. In die Trauer um den Tod von Papst Johannes Paul II. mischt sich beim 72-jährigen Kirchenmann nämlich auch die Gewissheit auf gute Geschäfte.

Das kommt Monsignore Sebastiani sehr gelegen. Der Kardinal ist Präsident der Präfektur für wirtschaftliche Angelegenheiten des Heiligen Stuhls und als solcher gewissenmaßen der Finanzminister des Herrn. Und Besucher – seien es Touristen oder Trauergäste – sind eine seiner Haupteinnahmequellen.
Doch derzeit müssen Geldgeschäfte warten. Zehn Tage nach dem weltweit übertragenen Begräbnis von Johannes Paul II. am Freitag wird sich der Monsignore am 18. April mit 117 Kardinälen zum Konklave zurückziehen und tagelang über der Wahl des neuen Papstes brüten.

Der neue Heilige Vater wird sich zunächst der grundsätzlichen Ausrichtung der katholischen Kirche widmen. Doch bereits an zweiter Stelle in der päpstlichen Prioritätenliste wird das sehr weltliche Thema des schnöden Mammons stehen – auch wenn davon kaum etwas nach außen dringen wird. Denn der päpstliche Haushalt ist traditionell ein Buch mit sieben Siegeln.
Geblendet vom weihrauchgeschwängerten Prunk bombastischer Gottesdienste, goldener Ornate und einzigartiger Kunstschätze, stellt sich die Frage, warum der Heilige Stuhl, der ohnehin nur zwei von insgesamt sechs Bilanzen veröffentlicht, darin zuletzt Defizite ausweist.
Auf der anderen Seite stehen eine milliardenschwere Vermögensverwaltung, Immobilienschätze, Goldreserven sowie eine Bank, die zwar fünf Milliarden Euro Guthaben verwaltet, aber selbst nie Rechnung darüber legen muss.
Ist der Vatikan also arm, wie seine Vertreter in wirtschaftlichen Dingen beharrlich behaupten? Oder handelt es sich bei der Vatikan AG um einen weltweit operierenden Konzern?

Im Vatikan wird darüber nicht gern gesprochen. Sicher ist nur: Nach dem Tod von Johannes Paul II. steht die Kurie – zumindest laut offiziellen Bilanzen – wieder genau dort, wo sie vor einem Vierteljahrhundert stand: tief in den roten Zahlen. Denn die zuletzt veröffentlichten Jahresabschlüsse für 2003 von Vatikanstaat sowie der Kassa des Heiligen Stuhls weisen beide ein Defizit aus. Kardinal Sergio Sebastiani gab daher schon vor zwei Jahren die Losung aus: „Wir müssen unsere verlustbringenden Medienaktivitäten wie die Tageszeitung ‚L’Osservatore Romano‘ sowie Radio Vatikan einschränken. Das geht auf die Dauer nicht.“ Auch beim Personal wird gespart.
War Johannes Paul II. gar ein schlechter Manager? Nein, meint der amerikanische Organisationsanalytiker, Jesuit und Politologe Thomas J. Reese, der für den verstorbenen Papst den hierarchischen Kurienapparat analysiert und mehr Kommunikation, Koordination und Professionalität verordnet hat. Reese: „Ein guter Manager legt seine eigenen Prioritäten fest und setzt dann um, was er sich vorgenommen hat. Und genau das hat
Johannes Paul getan.“

Denn das Defizit trügt. Neben den veröffentlichten Defiziten gibt es nämlich im Vatikan vier weitere Budgets, die in einem fragilen Gefüge undurchschaubarer Querverbindungen und Geldflüsse miteinander verbunden sind. Wie viel Geld dabei wirklich im Spiel ist, weiß draußen freilich niemand.
Da ist erstens der so genannte Peterspfennig als wichtigste Einnahmequelle des Vatikans aus dem Titel „freiwillige Spenden“: Seit dem achten Jahrhundert, als englische Christen aus Dankbarkeit für ihre Missionierung beschlossen hatten, dem Heiligen Stuhl eine regelmäßige Spende zukommen zu lassen, überweisen Pfarrgemeinden weltweit einen jährlichen Fixbetrag nach Rom. Umfang 2003: 55,9 Millionen Euro. Wer den Betrag privat mehren möchte, kann dies neuerdings sogar über ein Spendenformular auf der vatikanischen Website tun.
Zweitens finden sich auf der Habenseite der Vatikan AG unermessliche Reichtümer in Milliardenhöhe, die von der päpstlichen Vermögensverwaltung APSA (Amministrazione del Patrimonio della Sede Apostolica) verwaltet werden.
Allein das in Aktien veranlagte Guthaben, verwaltet von der „außerordentlichen Abteilung“ der APSA, wird auf gut 1,5 Milliarden Euro geschätzt. Der legendäre Dottore Giorgio Stoppa, der als Investmentchef in seinem Berufsleben fünf Päpste erlebt hat, schweigt allerdings eisern über die Anlagestrategie des Heiligen Vaters. „Ich bin mit dem Geld so umgegangen, wie es ein guter Familienvater tun würde. Wir investieren in die Marktführer der jeweiligen Branchen“ – mehr war und ist ihm nicht zu entlocken.

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