Die Macht der Gene

Neue Forschungen zeigen immer deutlicher, wie Körper und Geist des Menschen von seinen Genen beeinflußt werden. Mit Hilfe von DNA-Tests können Ärzte nun schon Krankheiten behandeln, noch bevor sie ausgebrochen sind. Kritiker warnen vor Mißbrauch der heiklen Erbgutdaten.

Wilfried Feichtinger ist ein recht pragmatischer Arzt. Wenn es darum geht, seine Patienten glücklich zu machen, dann schreckt er auch nicht davor zurück, Tabus zu hinterfragen, die aus ethischen Bedenken bisher unangetastet waren. „Ich halte es für unablässig, daß diese Technologie auch in Österreich zugelassen wird“, so der Gynäkologe, der als Leiter des noblen Kinderwunschzentrums in Wien-Hietzing jährlich Hunderten Paaren per künstlicher Befruchtung zu Nachwuchs verhilft.

Mit „dieser Technik“ meint Feichtinger die sogenannte Präimplantationsdiagnose, kurz PID. Dabei wird eine Eizelle im Laborglas mit einer Samenzelle verschmolzen. Dadurch beginnt sich die Eizelle zu teilen. In dieser frühesten Phase der Menschwerdung – der Embryo besteht jetzt aus wenigen hundert Zellen – möchte Feichtinger eine einzelne Zelle entnehmen, um sie per Gendiagnose genau zu untersuchen. „Wenn ich dabei einen schweren Chromosomenschaden entdecke, dann brauche ich diesen Embryo gar nicht erst in den Uterus der Frau zu verpflanzen, damit er dort weiterwächst. Denn mit hoher Wahrscheinlichkeit würde das ohnehin nur zu einer Fehlgeburt führen“, so Feichtinger.

Fahndung im Labor
Um seinen Patientinnen diese Tortur zu ersparen, will er in einer Auswahl von zuvor künstlich gezeugten Embryonen in einer Art DNA-Rasterfahndung nach jenem Exemplar fahnden, das über die optimale genetische Ausstattung verfügt. Die übrigen, so der Mediziner, könnten dagegen getrost „verworfen“ werden.

Was Wilfried Feichtinger als bloßen Service für seine Kundinnen anbieten möchte, wäre für Gegner der Methode ein weiterer Schritt in Richtung einer unmenschlichen Gesellschaft, ein weiterer Schritt hin zum Aussortieren von Behinderten, ja sogar ein Schritt zu einer neuen Eugenik.
„Die PID verleitet zu einem gezielten Aussuchen von optimalen Kindern, und das gefällt mir nicht“, sagt etwa Birgit Primig-Eisner, Leiterin jener Bioethikkommission, die vor einem Jahr von mehreren Behindertenverbänden gegründet wurde. Daß es bald zu einer Entscheidung über die Zulassung der PID-Technologie in Österreich kommen wird, ist unwahrscheinlich. Die Grenze zwischen Zustimmung und Ablehnung verläuft quer durch alle Lager, auch die Parteien sind noch uneinig: ÖVP und Grüne sind gegen die PID, die SPÖ dafür, die FPÖ arbeitet noch an der Meinungsbildung.

Streit um Nebenwirkungen
Der aktuelle Streit markiert freilich nur einen ersten Höhepunkt in der neu entflammenden Debatte um die Fortschritte in der Biotechnologie und deren ethische, moralische und praktische Nebenwir-kungen. Die Kernfrage lautet: Was macht einen Menschen wirklich aus? Wird er durch seine Umwelt, seine Freunde, seine Erziehung geformt, oder ist er das bloße Produkt seiner Gene? Angesichts der Datenflut aus den Genlabors verstärkt sich derzeit der Eindruck, daß der Lebenslauf jedes einzelnen Menschen zumindest in groben Zügen in seinen Genen vorbestimmt ist. Und dank neuer Forschungsresultate können Wissenschaftler immer mehr von dieser Biographie entziffern.

Gottfried Derka

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