Die Lunte brennt

Siemens Österreich muss nach Order aus München mehrere Unternehmensteile verkaufen. Ein Plan, den Zentralbetriebsrat Fritz Hagl mit allen Mitteln bekämpft.

Von seiner Reise nach München hatte sich Fritz Hagl viel erwartet. Doch bis zur Rückfahrt lösten sich die Hoffnungen, er würde dort starke Mitstreiter finden, auf. Jetzt weiß der Chef des Zentralbetriebsrates von Siemens Österreich: „Diesen Kampf werde ich allein führen.“ Der Kampf ist einer um 3.500 von 18.000 Mitarbeitern unter dem Dach der österreichischen Siemens-Tochter. 15 bis 18 Teilbereiche des Konzerns sollen verkauft werden. Betroffen sind der Bereich Gebäudemanagement mit etwa 1.400 Mitarbeitern, mehrere Elektronikwerke für Haushaltsgeräte und Schaltschränke mit knapp 1.000 Mitarbeitern und weite Teile der Kommunikationssparte.

Es geht dabei nicht um den Abbau von Jobs, sondern um den Verkauf der Bereiche, die nicht mehr in die neue Konzernstrategie passen. Der neue Siemens-Konzernchef Peter Löscher will sich auf drei Sektoren konzentrieren: auf Industrie, Energie und Gesundheit. Alles, was da nicht hineinpasst, steht zum Verkauf. Auch wenn es, wie die in Österreich zur Disposition stehenden Bereiche, Gewinne abwirft. Konzernweit stehen 187 solcher „Non-Group-Activities“ – also nicht zum Kerngeschäft zählende Aktivitäten – auf dem Prüfstand. Insgesamt wurden in diesen Segmenten 2,9 Milliarden Euro Umsatz und ein Verlust von 193 Millionen Euro erwirtschaftet.
Weil das seit einigen Tagen bekannt ist, so Hagls Überlegung, würde er seine Probleme mit den Betriebsräten anderer Ländergesellschaften teilen können. Doch es kam anders. „Wir sind die Einzigen, wo schon alles am Tisch liegt“, erklärt er. „In Österreich wurde die Lunte angezündet. Sie brennt. In anderen Ländern dagegen noch nicht.“ Klar, dass der Europa-Betriebsrat Beistand leisten würde, aber so weit ist es in den anderen Ländern eben noch nicht.
Bis zum 31. März hat Hagl Zeit, die Pläne des Vorstands zu durchkreuzen. Dann findet in Wien die entscheidende Aufsichtsratssitzung statt. Die Tagesordnung dazu ist reichlich vage, was Hagl auch Hoffnung macht.

Harte Verhandlungen. Sobald Vorstandschefin Brigitte Ederer aus dem Osterurlaub zurückkehrt, will er in harte Verhandlungen eintreten. Auch die Rute von Betriebsversammlungen stellt er ins Fenster, wobei sich die Gespräche bislang nicht einfach gestalteten. Das Problem: „Auch unser Vorstand muss sich immer mit dem Stammhaus abstimmen“, verdeutlicht er die Machtverhältnisse. Hagls Ziel ist es, möglichst viele Bereiche doch noch in einem der drei neuen Sektoren unterzubringen, weil dadurch Kompetenz im Haus verbliebe. Siemens Österreich habe immer davon gelebt, dass durch den engen Kontakt zu den Kunden, beispielsweise im Gebäudemanagement, auch Ideen und Technologie-Entwicklungen in anderen Bereichen angestoßen worden seien. „Diese starke Verzahnung und intelligente Kundengewinnung möchte ich mir nicht nehmen lassen“, sagt Hagl.

Dort, wo die Eingliederung nicht gelingt, sollte man zumindest starke Miteigentümer finden. Auch mit einem starken operativen Partner könne man das Know-how im Haus halten. Und Bereiche, die eine EBIT-Marge von acht Prozent hätten, bräuchte man nun wirklich nicht verkaufen. Die betroffenen Unternehmensteile erwirtschafteten alle eine Gewinnmarge zwischen ein und acht Prozent. Aber derzeit zähle nur das „Quartals-Rodeo“, wie es Hagl nennt. Das Erreichen der vorgegebenen Gewinnmarge von neun bis 13 Prozent in der Sparte Industrie, von elf bis 15 Prozent im Sektor Energie und 15 bis 17 Prozent im Bereich Gesundheit. Dieses Ziel werde stur verfolgt, auch wenn es die Stabilität des Unternehmens kostet, wie der Vertreter der Mitarbeiter befürchtet. Denn mit dem Verkauf einzelner Teile fielen sehr wohl Jobs weg: nämlich anteilig die in der zentralen Verwaltung. Was Hagl mit „Stabilität“ bezeichnet, ist jahrzehntelang gelebte Zusammenarbeit. Obwohl Siemens Österreich eine ausländische Konzerntochter ist, wird sie hierzulande dennoch als heimisches Unternehmen wahrgenommen. Mit entsprechenden Sympathien bei der Auftragsvergabe – insbesondere bei der öffentlichen Hand. „Es ist ein Treppenwitz der Wirtschaftsgeschichte“, so ein Ex-Siemens-Manager, „dass ausgerechnet der Landsmann Peter Löscher Siemens Österreich kastriert“. Wenn es ganz hart kommt, will auch Hagl die österreichische Karte spielen. „Unser Aufsichtsrat und Vorstand sind dem österreichischen Aktienrecht verpflichtet und müssen ihre Entscheidungen mit bestem Wissen und Gewissen für Siemens Österreich treffen. Alles andere lasse ich mir nicht gefallen.“

Stärkere Anbindung. Das ist formal richtig. Doch der Trend geht in die andere Richtung. Die Münchner streben mit ihrer neuen Hauspolitik eine viel engere Anbindung der Landesgruppen an die Konzernzentrale an. Das bedeutet eben vor allem für starke Töchter wie Österreich die größten Einschnitte in die Unabhängigkeit. Da nützen auch Erfolge nichts: So weist ein ehemaliger Siemens-Österreich-Vorstand darauf hin, dass die heimische Landesgruppe im Konzern jahrelang Bestperformer war und unternehmensintern gleich mehrfach dafür ausgezeichnet worden sei.
Auch andere Indizien deuten auf eine Schwächung der Österreicher hin: So geht man in München davon aus, dass Vorstandschefin Ederer ihren Vertrag nicht bis zum Ende erfüllen wird. Der Nachfolger werde im Sinne der neuen Löscher-Linie wohl ein Deutscher werden, heißt es im Stammhaus. Der kämpft dann wohl nur mehr für die Zentrale in München.

Von Waltraud Kaserer

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