Die Handybetreiber kommen unter Druck

Die Handybetreiber kämpfen mit den Folgen ihrer massiven Preiskämpfe: Der Erfolgsrun ist jäh gestoppt, die Profite sinken, die Qualität leidet. Nun sollen sogar die Tarife wieder steigen.

Noch Mitte der 90er-Jahre zahlten die Kunden des damaligen österreichischen Telefon-Monopolis­ten sieben Schilling pro Minute für ein Gespräch von Wien nach Vorarlberg, rund 50 Schilling nach New York. Gute zehn Jahre später bewegen sich die Preise dafür im einstelligen Cent-Bereich. Dazwischen liegen mehrere Telekommunikations-Revolutionen wie die Liberalisierung des Marktes und der Siegeszug des Handys. Es entstand eine Boom-Branche, die sich Jahr für Jahr an fetteren Gewinnen erfreute. Die Telekom-Unternehmen stiegen dank ihrer Marketing-Millionen zu den Superstars in Sachen Image auf.

Ziemlich plötzlich wurde der Erfolgsrun nun aber eingebremst. Jetzt ist, was oft prognostiziert wurde, wirklich eingetreten: Der vor allem in Österreich brutale Preiskampf hat sichtbare Spuren in den Bilanzen der Mobilfunker hinterlassen. Die Umsätze stagnieren, die Erträge fallen. Mitarbeiter müssen abgebaut, Investitionen in Infrastruktur zu­­rückgestellt werden. Darunter leidet die Qualität. Die Manager müssen sich von ihren Strategien des ungebremsten Wachs­tums verabschieden und sich neu orientieren. Neben den niedrigen Inlandstarifen setzt den Handybetreibern die von der EU verordnete Senkung der Roaminggebühren (EU-intern höchs­tens 58 Cent pro Minute) zu. Hier war bis zum Herbst 2007 noch kräftig zu verdienen. T-Mobile-Finanzvorstand Wolfgang Kniese rechnet vor, dass die Regulierung der Auslandstelefonate und die Reduktion der Zuleitungsgebühren, die sich die Netzbetreiber untereinander verrechnen, sein Unternehmen fünf Prozent des Umsatzes gekostet hat. Der heimische Marktführer A1 Mobilkom verliert beim Roaming zumindest 20 Millionen Euro Reingewinn.
Dazu kommt, dass dem Mutterkonzern Telekom Austria pro Monat 20.000 Kunden im Festnetz abspringen.

Eine Folge der plötzlichen Misere wird die Konsumenten wenig begeistern: Telefonieren wird wieder teurer. Das kündigt sich langsam, aber sicher an. One-Chef Michael Krammer betont schon, keine Kampftarife mehr anbieten zu wollen: „Preise sind kein gutes Marketing­instrument mehr, in Zukunft wird es um Einfachheit des Zugangs und Transparenz gehen.“ Boris Nemsic, Telekom-Austria-Generaldirektor, stößt ins gleiche Horn: „Wenn die Preise weiter sinken, wird es schwieriger, den Qualitätslevel zu halten. Wir wissen von vielen Kunden, dass sie bereit sind, für guten Service auch einen fairen Preis zu bezahlen.“ Relativ offen lässt Nemsic die Entwicklung hin zu höheren Preisen anklingen: „Wir gehen davon aus, dass die anderen Netzbetreiber das auch so sehen und es bald eine Trendwende am österreichischen Markt geben wird.“

Hinter vorgehaltener Hand sagen es einige Mobilfunk-Manager noch klarer: Die Österreicher werden sich auf zumindest moderat steigende Durchschnittstarife ein­stellen müssen. Die Zahlen würden nichts anderes zulassen, wird argumentiert. Die fetten Jahre sind vorbei. 2006 und 2007 sanken die Gesamtumsätze der heimischen Mobilfunkbranche um drei Prozent auf 3,44 Milliarden Euro. Ein Blick in die diversen Bilanzen spiegelt genau das wider: Die Mobilkom konnte im vergangenen Jahr durch die Übernahme der Handysparte von tele2 ihre Kundenzahl auf vier Millionen erhöhen. Der Umsatz ging dennoch um neun Prozent auf
1,66 Milliarden Euro zurück. T-Mobile stagnierte bei 1,18 Milliarden, One bei 624 Millionen.

Noch mehr bedrückt die großteils erfolgsverwöhnte Branche die Entwicklung der Profite. Zwischen 2005 und 2007 fiel das Ergebnis vor Abschreibungen und Zinsen (Ebitda) bei der Mobilkom von 617 auf 581 Millionen Euro.
T-Mobile verlor gar 50 Millionen und hält jetzt bei 336 Millionen. Hutchison 3 steckt weiter tief in der Verlustzone. Lediglich One konnte während der letzten beide Jahre leicht zulegen. Da ist es ein schwacher Trost, dass es so manchem internationalen Konzern noch viel schlechter geht. Die Deutsche Telekom verbuchte im 4. Quartal 2007 wegen der Kosten für einen massiven Personalabbau 898 Millionen Euro Verlust. Der Aktienmarkt reagierte entsprechend, die Papiere stürzten ab.

Personaleinsparungen sind auch in Österreich ein Thema. Alle Handynetzbetreiber liegen hinsichtlich ihrer Mit­arbeiterzahlen unter den Höchstständen früherer Jahre. Am massivsten waren die Einschnitte bei One. T-Mobile ist gerade dabei, weitere 300 Leute freizusetzen. Und auch Marktführer Mobilkom wird weiter einsparen – wobei es innerhalb des Telekom-Austria-Konzerns vor allem beim Festnetz so richtig zur Sache geht.
Aber auch das hat zum Teil mit dem Abschwung des Handygeschäfts zu tun. Erstens ist durch die dort rückläufigen Erträge der Spielraum des Gesamtunternehmens geringer. Und zweitens setzt Boris Nemsic umso mehr auf die Substitution von Festnetz durch Mobilkommunikation. Der Vorstand hat den Consulter Czipin beauftragt, die Festnetzsparte auf Effizienzsteigerungen abzuklopfen. Geplant ist, bis zu 3.000 Stellen zu streichen. Allerdings sind von den rund 10.000 Mitarbeitern die Hälfte unkündbare Beamte. Der zuständige Telekom-Vorstand Rudolf Fischer versucht daher, mit der Regierung gangbare Wege zu finden: „Einen Pool für Mitarbeiter, die im Arbeitsprozess vorübergehend keine Verwendung mehr finden, gibt es seit dem Börsengang. Und diese Lösung wird auch weiterhin den Personalabbau unterstützen.“ Darüber hinaus will Fischer aber weitergehende Unterstützung vom Staat – etwa, dass dieser einen Teil der Beamten übernimmt.

Vielversprechende Signale hat er dafür noch nicht. Auch der Betriebsrat legt sich quer. „Wen wundert es? Wir haben die Konsumenten ja zu ‚Geiz ist geil‘ erzogen, und die Regierung hat lange mitgemacht. Nur mit Null-Euro-Tarifen können wir unsere Mitarbeiter nicht halten“, wettert Michael Kolek, der mächtige Betriebsratschef der Telekom Austria. Er fordert ein Umdenken. Paradox ist, dass hierzulande noch nie so viel übers Handy telefoniert wurde wie jetzt. Auch die Zahl der SIM-Karten steigt trotz einer Marktdurchdringung von mehr als 100 Prozent weiter. Trotzdem sinken die Erlöse wegen der billigen Tarife. „Das Einzige, was in Österreich derzeit abhebt, ist mobiles Breitband. Schon ein Viertel aller neuen Internet­anschlüsse sind mobil“, erklärt Berthold Thoma, CEO von Hutchison 3. Unbestritten ist, dass Geld in die Hand genommen werden muss, um die Kapazitäten fürs mobile Breitband auszubauen. Allerdings wird auch bei den Investitionen gespart. Boris Nemsic zu seiner Strategie: „Der Ausbau passiert nur noch ganz gezielt dort, wo erhöhter Bedarf besteht.“ Im Klartext: dort, wo viele Menschen am gleichen Ort im Netz surfen.

Ganz generell ist Differenzierung in der Branche das Thema der Stunde. Wer bereit ist, dafür zu bezahlen, wird mehr Service und höhere Qualität bekommen. Der „Normalverbraucher“ soll sich mit einer – zufrieden stellenden – Grundversorgung bescheiden. Der Druck auf die Mobilfunker ist so groß, dass sogar diskutiert wird, unterschiedlichen Kundenschichten unterschiedliche Netzqualitäten zur Verfügung zu stellen. Gespart wird an allen Ecken und Enden. One-Chef Michael Krammer verhandelte alle Lieferantenverträge neu. T-Mobile überlegt, Teile des Kunden­service ins Ausland zu verlagern. Denn auch die Prognosen für 2008 sind nicht rosig. Experten halten einen zehnprozentigen Umsatzeinbruch für realistisch. Die Latte für die Ziele liegt dementsprechend niedrig. One-Chef Michael Krammer: „Wenn wir weniger verlieren als der Markt, haben wir schon gewonnen.“

Von Gabriela Schnabel, Barbara Mayerl

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