Die Gratwanderung zwischen „privat“
und „politisch“: Von Klestil bis Kdolsky

"Das outrierte Auftreten der Ministerin wird nun ebenso schnell verdammt wie zuvor hochgejubelt. Untragbar ist sie dadurch freilich nicht geworden."

Die Politik besteht natürlich – auch – aus der Inszenierung von Politikern, aus der Vermarktung gefälliger Fotos und persönlicher Storys und der Verhinderung unangenehmer. Aktuellste Beispiele: Fischer Wladimir Putin mit nacktem Rambo-Oberkörper, Nicolas Sarkozy, der sich von befreundeten Medien die Speckfalten um die Hüfte wegretuschieren lässt, Angela Merkel, die sich – immerhin inhaltlich – im grönländischen Eis um den Klimawandel sorgt.

Wer darüber nur vornehm die Nase rümpft, versteht nichts davon, dass es bei demokratischer Politik auch um den „Verkauf“ von Produkten am Wählermarkt geht, von Personen und Politikern, von Parteien und Programmen (sofern vorhanden). Und versteht schon gar nichts davon, dass Medien unterschiedlichster Art auch davon leben, dass sie die bisweilen nur schwer „verkäufliche“ Ware Politik dann leichter an den Leser/Seher/Hörer bringen können, wenn sie deren Akteure möglichst „volksnah“ darstellen, als eine(n) wie du und ich eben.
Für ernsthafte Politiker eine schwierige Gratwanderung: Wo gilt es die Grenze zu ziehen zwischen reiner Inszenierung und nötiger Verpackung, zwischen exhibitionistischem „Outing“ und authentischer Selbstdarstellung? Auch für ernsthafte Medien eine Gratwanderung: Wo die Grenzen ziehen zwischen dem Recht auf Privatleben, das auch jede Person öffentlichen Interesses hat, und der nötigen Kontrolle darüber, ob Politiker zwar Wasser predigen, aber „privat“ Wein trinken, zwischen aufklärerischer Kontrollfunktion und voyeuristischem Schlüssellochjournalismus?
In den USA sind die Sitten rau: Politiker können nicht nur darüber stolpern, dass sie Kindermädchen illegal beschäftigen und/oder geringe Beträge nicht versteuern (was beides tatsächlich ihre Glaubwürdigkeit infrage stellt), sondern auch darüber, dass sich für gegnerische Kollegen und/oder Medien Detektive nächtelang auf die Lauer legen, um außereheliche „Fehltritte“ nachweisen zu können – was eigentlich niemand anderen zu interessieren hat als die jeweils Involvierten. Ausnahme Bill Clinton: Der sagte darüber anfangs die Unwahrheit – und stolperte dennoch nicht, Folge seines eigenen Charismas und der nicht uneigennützigen Großzügigkeit seiner Frau.
In Österreich waren die diesbezüglichen Gepflogenheiten bisher harmloser: Das Privatleben von Politikern schien nur dann einen Bericht wert, wenn es – „positiv“ – von diesen selbst zum Thema gemacht wurde oder – „negativ“ – Schein und Wirklichkeit allzu offensichtlich auseinanderdrifteten. Beispiel Thomas Klestil: Die Berichte über seine Eheprobleme eskalierten erst, als er selbst mit einem ausgewählten Medium (damals „News“) darüber sprach und alle folgenden Medien sich darauf berufen konnten, dass seine Inszenierung im Wahlkampf (liebender Ehemann mit stützender Ehefrau) nicht ganz der Realität (mit der ihm am anderen Arm hängenden späteren Ehefrau) entsprochen hatte. Dass es auch anders geht, bewies unter anderem Wiens Bürgermeister: Er hielt und hält sein Privatleben weitgehend aus den Medien (wie beispielsweise auch Wolfgang Schüssel und dessen Nachfolger in der ÖVP) – und „überstand“ samt den anderen Betroffenen deshalb auch seine jüngste Trennung unbeschadet.

Wobei auch hier die Sitten rauer werden: Dass Andrea Kdolsky nun ihre Ehekalamitäten öffentlich ausgebreitet sieht, hat nicht nur damit zu tun, dass auch sie sich zu einer singulären Flucht zu Ö3 entschlossen hat, sondern auch mit einem zugespitzten Konkurrenzkampf am Boulevard, der in Gestalt von Natascha Kampusch bereits wehrlosere Opfer gefordert hat als die Ministerin, deren outriertes Auftreten ebenso schnell verdammt wie zuvor hochgejubelt wird. Dass Kdolsky dadurch als Familienministerin „untragbar“ wird, ist freilich lächerlich: Mehr als 50 Prozent der Ehen in Österreich werden geschieden.
Untragbar ist nur jene Verlogenheit, mit der einige konservative Politiker und heuchlerische Journalisten fern jeder gesellschaftlichen Realität den unbestreitbaren Vorteil stabiler Beziehungen zum moralischen und politischen Maßstab für alle Menschen machen wollen. Bisweilen auch fern ihrer eigenen Erfahrung: Es ist nur wenige Monate her, dass ein führender Politiker der ÖVP die Ehe gar als „Sakrament“ staatlich schützen lassen wollte – der Vater von vier Kindern war kurz zuvor mit einer ande-ren Frau zusammengezogen. Noch peinlicher agiert in diesem Zusammenhang nur noch H.-C. Strache: Er hat angeblich den Exliebhaber seiner Exfrau auf Zahlung von Detektivkosten geklagt.

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