Die Geschäfte mit dem Klima

Der Klimawandel als ­wirtschaftliche Chance: Immer mehr Branchen in Österreich setzen auf den Klimaschutz und nutzen das Thema Energie für gute Geschäfte.

Nur wenige Tage vor Beginn der Fußball-Europameisterschaft am 7. Juni ist es dann so weit: Spar Österreich, das zweitgrößte Handelsunternehmen des Landes, eröffnet in der Euro-Stadt Klagenfurt einen neuen Markt, der mit einer innovativen Passiv­haustechnik über eine Wasserwärmepumpe beheizt und gekühlt werden wird. Es wird nicht der erste Spar-Markt sein, der sich durch Energieeffizienz auszeichnet: Im vergangenen November eröffnete der Lebensmittelkonzern eine Energie sparende Filiale in Wels und erhielt dafür mehrere Auszeichnungen, darunter den renommierten „Energy Globe“. Das Besondere an der Bauweise der neuen Spar-Märkte: Sowohl durch die Dämmung der Wandelemente und des Bodens als auch durch die Berücksichtigung der Sonneneinstrahlung werden Tonnen an CO2 gespart. Spar ist kein Einzelfall: Immer mehr Branchen und Unternehmen entdecken den Klimaschutz als Wirtschaftsfaktor und beginnen – auch unter dem Eindruck steigender Energiekosten – auf energie­effizientes Bauen und Heizen umzusteigen. Oder aber es stecken handfeste wirtschaftliche Interessen dahinter: Jene Un­ternehmen nämlich, die schon vor Jahren auf Umwelttechnologien und erneuer­bare Energieproduktion gesetzt haben, nutzen jetzt ihren Vorteil und profitieren in Zeiten des Klimawandels von ihrer Position als Weltmarktführer – wie zum Beispiel die österreichische Solartechnologie.

Für beide Bereiche , Wohnbau- und Sanierung als auch erneuerbare Energieträger, versucht die Initiative des Um­weltministeriums „klima:aktiv“ ein An­sprechpartner für heimische Unternehmen zu sein (siehe auch Kasten links). Fritz Unterpertinger, Geschäftsführer der Österreichischen Energieagentur, zählt einige Leistungen auf: „klima:aktiv hat die Hebel an den neuralgischen Stellen angesetzt: Mit Beratungs- und Qualifizierungsmaßnahmen, mit transparenten Standards beim Bauen und Sanieren und mit der Vernetzung der wesentlichen Akteure ist es gelungen, Klimaschutz von der Strategie zu einer breiten Umsetzungsbewegung zu ma­chen. Die Unternehmen haben den Klima­schutz als Erfolgsfaktor entdeckt und kooperieren auf breiter Ebene. ­klima:aktiv ist dadurch zum Impulsgeber für den Wandel zu einem nachhaltigen Wirtschaftssystem geworden.“

Neue Standards im Wohnbereich. Wesentlicher Fortschritt ist die Einführung des klima:aktiv-Baustandards im Regierungsprogramm von SPÖ und ÖVP. In Zukunft sollen 50 Prozent aller Neubauten nach diesem Standard errichtet werden. Mithilfe eines 1.000-Punkte-Systems wird dabei die Qualität von neu gebauten Gebäuden ermittelt: Ein klima:aktiv-Haus benötigt 700 Punkte, ein klima:aktiv-Passivhaus mindes­tens 900 Punkte. Das Programm findet offenbar Gefallen in der Baubranche: Bereits zwanzig Kooperationspartner haben sich gefunden, von Wohnbauträgern wie der Buwog bis zum Fertighaus-Fachverband. Was auch Umweltminister Josef Pröll, der das Programm im Jahr 2002 ins Leben gerufen hat, im FORMAT-Interview freut: „Es ist uns gelungen, vom Massivhausbereich bis zum Fertighaus Partner an Bord zu holen und damit auch klima:aktiv-Standards zu definieren.“

Ein Beispiel für eine energieeffiziente Bauweise ist der Marktführer im Fertig­hausbereich, die Firma Hartl im nieder­österreichischen Echsenbach. Dort findet am Samstag, dem 12. April, ein Tag der offenen Tür statt, an dem das neue klima:aktiv-Musterhaus „Energy X“ besichtigt werden kann. Abgesehen von der ökologischen Bauweise liegt bei diesem Haus der Heizwärmebedarf um 80 Prozent unter dem ei­nes Gebäudes nach Bauordnung. Für Christian Murhammer, den Ge­schäftsführer des Fertighaus-Verbandes, ist der Trend hin zur Niedrig- oder Passivenergie-Bauweise eine Win-win-Situation: „Einerseits tut es dem Klima und der Umwelt gut, an­dererseits lässt sich damit auch Geld verdienen. Und die Kunden profitieren durch die niedrigeren Energiekosten.“ Minister Pröll kündigt im Interview überdies an, dass dieser Baustandard seine „Grundlage für die Verhandlungen über die Wohnbauförderung neu“ mit den Bundesländern sein werde.

Wohnbauförderung für die Sanierung. Es gibt aber auch Stimmen, die die Wohnbauförderung nicht nur für den Neubau eingesetzt wissen wollen. Laut der österreichischen Energieagentur liegt die jährliche Sanierungsrate derzeit gerade einmal bei einem Prozent. Daniel Riedl, Geschäftsführer der Wohnbaugesellschaft Buwog, meint, dass „im Sinne der Mieter, aber auch des Klimawandels die Energievernichtungsmaschinen, also der alte Gebäudebestand, gestoppt werden“ müssten. Dafür brauche es eine Verschiebung der Wohnbauförderung vom Neubau hin zur thermischen Sanierung, pflichtet Energieagentur-Chef Unterpertinger bei. Aber nicht nur die Wohnbauträger, auch in der Immobilienbranche wird klimabewusstes Handeln und Wirtschaften immer wichtiger. Bei sREAL, dem österreichischen Marktführer bei Wohnimmobilien, setzt man auf Schulung der eigenen 200 Mitarbeiter in den Bereichen thermische Sanierung, Sprit sparendes Fahren und Informationen über den Energieausweis, der ab 1. 1. 2009 bundesweit gültig sein soll. sREAL-Geschäftsführer Stefan Pisecky: „Unsere Mitarbeiter haben täglich fünf bis sieben Kundenkontakte. Das ist ein hoher Multiplikator­effekt, den wir durch die gezielte Aus­bildung ausnutzen wollen.“ Denn durch Aufklärung könne man bei vielen Wohnungskäufern ein größeres Bewusstsein für die Anliegen des Klimaschutzes erreichen.

Wachstumsmarkt erneuerbare Energie. Ein Ziel, das auch das Heiztechnikunternehmen Vaillant im Visier hat. Das als Familienbetrieb gegründete Unternehmen bietet alle Energieträger an – von Öl und Gas bis zu Solar, Photovoltaik und Biomasse – und sieht einen großen Aufholbedarf in der Aufklärung der Kunden. Georg Patay, der Leiter der Marktentwicklung bei Vaillant, glaubt, dass „die Konsumenten durch die Klimadiskussion verunsichert“ seien und im Zweifel sich für keine Veränderung entscheiden würden. Dabei gebe es viel zu tun, gerade bei der Sanierung der Heizkessel. Patay: „Es gibt in Österreich 110.000 Gasheizungen, die älter als zwanzig Jahre sind. Würden die saniert werden, könnten bis zu 60 Prozent an Energie und CO2-Emissionen eingespart werden.“ Insgesamt seien rund 40 Prozent der Heizkessel in Österreich sanierungsbedürftig, schätzt Patay. Er fordert, ähnlich der Förderung der Holzwärme im vergangenen Jahr, auch eine staatliche Förderung für den Kesseltausch. Dennoch, das Ge­schäft gerade mit Pelletskesseln läuft gut. Im Jahr 2006 konnte der Absatz um 60 Prozent gesteigert werden. Und in den vergangenen Jahren hat sich die Zahl der Neuanlagen von Pellets-, Hackschnitzel- und Rindenfeuerungen in Österreich von knapp 7.000 auf 13.000 fast verdoppelt.

Eine echte österreichische Erfolgsstory ist auch die Geschichte von Robert Kanduth. Der Kärntner begann 1991 in der Garage an seinen ersten Sonnen­kollektoren zu basteln und ist heute mit seiner Firma GreenoneTec der größte Solarkollektorenhersteller der Welt. Wie die Solarwirtschaft überhaupt einer der mittlerweile am stärksten wachsenden Märkte ist. Das war nicht immer so: In den Jahren 2001 bis 2003 stagnierte die Zahl der installierten Kollektorflächen bei 150.000 m2 (siehe auch Grafik Sei-
te 58). Erst durch die Einführung von klima:aktiv solarwärme im September 2004 kam wieder Bewegung in den Markt. In den Jahren 2005 und 2006 wuchs die Zahl der verkauften Solarflächen dann bereits auf 230.000 bzw. 300.000 m2. Und Sonnenkollektoren zählen zu den österreichischen Exportschlagern schlechthin. „Etwa zwei Drittel der produzierten Kollektoren gehen in den Export, und 40 Prozent aller in Europa neu installierten Kollektoren stammen aus heimischer Produktion“, freut sich Kanduth, gleichzeitig Ob­mann des Verbandes Austria Solar, über das Geschäft mit der Sonne.

Von Markus Pühringer

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