Die hübsche Burg von Vaduz: Eine Raubritterburg modernen Stils

Es helfen weder bloße Appelle an die Ethik noch höhere Strafen.

Die Angst geht um im Nachbarland. Hunderte, vermutlich Tausende Steuersünder fürchten wei­tere Steuerrazzien. Ängstigen sich davor, dass Fahnder nächtens Büros und Wohnungen filzen und sie danach abgeführt werden wie vergangenen Donnerstag Klaus Zumwinkel, der 18 Jahre lang an der Spitze der Deutschen Post gestanden war. Alles andere als ein Seitenblicke-geiler Großkotz, eher das Gegenteil, „ein Musterknabe des rheinischen Kapitalismus, bieder, unauffällig, bodenständig“ („Der Spiegel“). Und so ein Parademanager, Aufsichtsratsvorsitzender der Deutschen Telekom, erfolgreich bei der Sanierung der Post (unter anderem durch Ausdünnung des Filialnetzes, die Streichung von 150.000 Arbeitsplätzen und die Entdeckung neuer Geschäftsfelder), zuvor schon bei McKinsey und Quelle tätig, soll also über Jahre im großen ­Stile Steuern hinterzogen haben, mindestens eine Million Euro.

Nun geht auch die Empörung um in Deutschland, verständlich: Während Arbeitslose seit der Verschärfung einschlägiger Bestimmungen für den Erhalt einiger hundert Euro den Besitz eines klapprigen Autos oder eines Schrebergartens outen müs­sen, dürften Hunderte „G’stopfte“ ihr Schwarzgeld in Millionenhöhe am Fiskus vorbei nach Liechtenstein ge­schwindelt haben. Und während Hunderttausende Freiberufler und Kleinunternehmer jährlich penible Steuerprüfungen fürchten müssen, nach denen ihnen vielleicht einige tausend Euro Strafe aufgebrummt werden, haben bisher einige der deutschen „oberen Zehntausend“ ihre (Schwarz-)Gelder woh­lig vermehren können im lange gehätschelten Fürstentum oder anderen Steuerparadiesen wie den Cayman Islands, Andorra, Monaco, Singapur oder den Bermudas. Sie alle – wie übrigens auf legalem Wege auch österreichische Unternehmen, (Meinl European Land lässt von den britischen Kanalinseln grüßen) – sind spezielle Profiteure der Globalisierung, die auch die blitzschnelle Verschiebung von Vermögen quer über den Erdball ermöglicht: Die Boston Consulting Group schätzt die internationale Gesamtsumme privater Off-shore-Privatvermögen auf sechs Billionen Dollar!

Nun ist steuersparendes Anlegen keineswegs Steuerhinterziehung und auch Steuerhinterziehung nicht gleich Steuer­hinterziehung. Quantität macht eben auch hier Qualität aus: Für gigantische Sündenfälle à la Zumwinkel fehlt auch jener Mehrheit der Staatsbürger das Verständnis, die schon einmal einen Lunch als Geschäftsessen von der Steuer abgesetzt haben oder einen privaten Bücherkauf als „Arbeitsbehelf“. Aber Gelegenheit macht Diebe: Was garantiert einem gut verdienenden Mittelständler, dass nicht auch er schwach werden könnte, wenn ihm – wie Zumwinkel – aus der Ver­äußerung der geerbten Kaufhauskette ein Millionenvermögen in den Schoß fiele und er plötzlich nicht nur einige hundert, sondern einige hunderttausend Euro „steuersparend“ ins Trockene bringen könnte? Sicher nicht bloße Appelle an Ethik und Ehrlichkeit, sicher nicht bloße Klagen über Gier oder Geiz. Auch sicher nicht bloß härtere Kontrollen oder höhere Strafen, so nötig sie auch sein mögen.

Nein, Steuerflucht großen Stils wird sich nur international und nur politisch verhindern lassen. Solange pittoreske Operettenstaaten wie Liechtenstein davon leben, sich als Häfen für Steuerhinterzieher anbieten zu können, wird es immer wieder Menschen geben, die „es“ versuchen. Liechtenstein schädigt seine Umwelt, „stellt mit vollem staatlichem Unrechtsbewusstsein einen klandestinen Finanzplatz zur Verfügung, der zur systematischen Steuerhinterziehung zulasten der umliegenden Länder einlädt, ja anstiftet“ („Süddeutsche Zeitung“). Kein Wunder, dass in­zwischen zahlreiche Kommentatoren die hübsche Burg von Vaduz als Raubritterburg modernen Stils definieren: Was das Fürstentum samt seinen Banken und Stiftungskonstruktionen (die involvierte LGT Treuhand AG gehört der landesfürst­lichen LGT-Bank) auf diesem Wege zusätzlich einnimmt, fehlt allen anderen Staaten. Die wachen offenbar nun auf, auf allen Ebenen: Der deutsche Bundesnachrichtendienst hat sich den Erwerb des belas­tenden, offenbar gestohlenen Materials mehr als vier Millionen Euro kosten lassen. Eine vergleichsweise lässliche Sünde.

Steinhoff Int. Holdings Gründer Bruno Steinhoff bei der Aufnahme des Möbelkonzerns an die Frankfurter Börse im Dezember 2015.

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