Die Bilanz der Katastrophe - die Jahrhundertschäden

Laut Wirtschaftsforschungsinstitut beschert die Sintflut dem Land bis zu 7,4 Milliarden Euro Schaden. Die Hilfe der Regierung reicht nicht aus. Die Flutopfer können auch in Härtefällen mit höchstens 50 Prozent Schadenersatz rechnen. Ein Anwalt prüft Haftungsklagen gegen die Republik.

Werner Perktold schwimmt die Zeit davon. Vor zehn Tagen verwüstete der zum reißenden Strom angeschwollene Kamp die Produktionshallen des Spiegelherstellers Lachmair Spiegel & Glas GmbH im niederösterreichischen Gars am Kamp.

Nun muß Perktold entscheiden, ob es für das seit 96 Jahren bestehende Traditionsunternehmen überhaupt eine Zukunft gibt: „Eine Woche halten mich noch die Banken über Wasser, dann hängt alles von der Regierung ab.“

Am Mittwoch konnte der Lachmair-Geschäftsführer seine Sorgen gleich an höchster Stelle deponieren: Wirtschaftsminister Martin Bartenstein machte im Rahmen einer Infotour durch die Katastrophengebiete auch im krisengebeutelten Kamptal halt. Am Beispiel von Lachmair wurde Bartenstein schnell klar, wie dramatisch Österreichs Wirtschaft von den Folgen der Sintflut betroffen ist: die Produktionshalle verwüstet, die Kläranlage unbrauchbar, das Kleinkraftwerk weggeschwemmt – so wie alle für eine Entschädigung nötigen Dokumente. Bartenstein, betroffen: „Wir werden so unbürokratisch wie möglich finanzielle Hilfe zur Verfügung stellen.“

3,5 Prozent des Bip
Die Summen, die zur Bewältigung der Flutkatastrophe benötigt werden, sind horrend. Das Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) bezifferte den Gesamtschaden am Mittwoch mit zumindest 2,5 des Bruttoinlandsprodukts – also über fünf Milliarden Euro. Das deckt sich mit den ersten, noch ungenauen Schätzungen der betroffenen Bundesländer. Ober- und Niederösterreich melden jeweils wenigstens zwei Milliarden, Salzburg und die Steiermark kommen zusammen auf eine halbe Milliarde Euro.

Die protokollierten Schadensmeldungen der Katastrophenkommissionen, die täglich im ganzen Land unterwegs sind, ergeben jedoch immer höhere Summen. Das Wifo hält mittlerweile selbst zerstörtes Volksvermögen von bis zu 3,5 Prozent des BIP für möglich. Das wären 7,4 Milliarden Euro oder in alter Währung ziemlich exakt 100 Milliarden Schilling.

Zehn Tage nach der Überflutung wird die Größenordnung der verheerenden Schäden durch die Sintflut, von der gut 200.000 Österreicher betroffen sind, erstmals halbwegs faßbar: 10.000 so gut wie zerstörte plus 60.000 beschädigte Gebäude, knapp 2.000 betroffene Unternehmen, bis zu 35.000 Hektar verwüstetes Ackerland, 80 Kilometer unbenützbare Eisenbahnschienen sowie zahlreiche weggeschwemmte Straßen und Brücken. Schon jetzt ist absehbar, daß der schwarz-blauen Regierung die bislang zugesagten 1,45 Milliarden Euro an Opferhilfe nicht ausreichen werden. Der Verschiebung der Steuerreform und dem Verzicht auf sechs Abfangjäger werden weitere Maßnahmen folgen müssen.

Spitzenreiter Schwertberg
Besonders arg heimgesucht hat die Jahrhundert-
flut die oberösterreichische Gemeinde Schwertberg und ihre 5.300 Einwohner. Kurt Gaßner, Bürgermeister und SPÖ-Parlamentsabgeordneter, ist erschüttert: „Der Schaden bei uns beträgt locker 500 Millionen Euro, wenn nicht sogar mehr.“ Schwertberg ist wohl deshalb Spitzenreiter in der Schadensstatistik, weil das Hochwasser gleich zwei Großunternehmen frontal erwischt hat: Beim Maschinenbaukonzern Engel hat die Sturzflut aus Schlamm und Wasser bis zu 100 Millionen Euro vernichtet, beim Autologistiker Hödlmayr 60 Millionen.

Hinter den nackten Zahlen verbergen sich Tausende menschliche Tragödien: 1.300 Engel-Mitarbeiter in Schwertberg, von denen viele schon Schäden an ihren Eigenheimen beklagen, zittern jetzt auch noch um ihren Job. 1.100 wurden vorderhand auf Kurzarbeit gesetzt. Ob alle Beschäftigung finden, wenn die Produktion wieder anläuft, ist unsicher. Die Hödlmayr-Eigentümer denken überhaupt daran, die gesamte Firma ins nahegelegene Ennsdorf in Niederösterreich zu verlegen. Die Linzer Landespolitiker versuchen, das nach Kräften zu verhindern.

Autoren: D. Hell, H. Fürst, A. Lampl, H. Reichmann, A. Sankholkar, G. Schnabel, P. Stuiber

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