Der Tag, der die Welt veränderte

11. September — ein Jahr danach: Die Terroranschläge auf World Trade Center und Pentagon haben die Welt geprägt wie kaum ein anderes Ereignis der jüngeren Zeitgeschichte. FORMAT dokumentiert den Ablauf der Katastrophe auf dem jüngsten Stand der Erkenntnisse und beschreibt, wie in New York lebende Österreicher den Tag des Grauens verarbeitet haben. Die Fotos: FORMAT zeigt Bilder aus einer New Yorker Ausstellung, die nun erstmals in Europa veröffentlicht werden.

Der Tag, an dem das Inferno losbrechen sollte, war farbenfroh-heiter. Daran erinnern sich die Überlebenden, so sieht man es auf den Fernsehbildern: tiefblauer Himmel über New York, kristallklare Luft. Bis um 8.46 Uhr Todespilot Mohammed Atta die gekaperte Boeing 767 der American Airlines, Flug Nummer 11, mit 782 Stundenkilometer in den Nordturm des World Trade Center krachen läßt: exakt ausgerichtet, die Flügel beinahe waagrecht.

Noch glaubt die Welt an einen Unfall. Doch in Wirklichkeit wird Amerika angegriffen. Am Abend wird es George W. Bush mit blassem Gesicht und hörbar fliegendem Atem bestätigen: „Die Angriffe zielten auf Amerika, weil wir das strahlendste Leuchtfeuer der Freiheit sind. Doch niemand wird es schaffen, dieses Licht zu löschen.“ Knapp einen Monat später gibt Bush den Startbefehl für den Krieg in Afghanistan.

Osamas Schlag
Im Augenblick des ersten Anschlags denkt noch niemand an die Folgen und auch nicht an die Zusammenhänge – nicht an eine Mittäterschaft der Taliban, nicht an Osama bin Laden und nicht an einen mörderischen Zusammenprall zweier Lebensentwürfe: des islamischen Fundamentalismus und der westlichen Demokratie.

Vier-, fünfmal schwingt der 300.000 Tonnen schwere Nordturm nach dem Aufprall des Jumbos hin und her, dann steht er wieder still. Dort, wo sich die Stockwerke 94 bis 98 befanden, klafft ein riesiges Loch und teilt den Turm in zwei Zonen, deren Grenze zugleich die Trennlinie zwischen Leben und Tod ist: Wer sich unterhalb des Feuerballs befindet, in den sich die Boeing 767 in Sekunden verwandelt, hat Chancen zu überleben. Wer oberhalb ist, muß sterben. Von den 1.344 über dem 98. Stockwerk Eingeschlossenen überlebt kein einziger. Die Opfer ersticken, verbrennen, stürzen sich in Todesangst in die Tiefe.

Minuten nach Attas Angriff ist Bataillonchef Joseph Pfeiffer der erste Feuerwehrkommandant, der beim Nordturm eintrifft. Sofort schickt er Einsatzkommandos in das brennende Gebäude. Mit Stahlhelmen, Schutzanzügen und fünfzehn Kilogramm schweren Sauerstoffflaschen keuchen die Männer die endlosen Stiegen des WTC hinauf. Ihnen kommt auf deren Weg nach unten die Schlange der Flüchtenden entgegen, geordnet, gefaßt – ruhig auch jene, deren Haut sich wegen schwerster Verbrennungen in großen Stücken von den Händen, den Gesichtern löst.

Explosionen vor dem WTC
Um 9.02 Uhr bohrt sich die zweite Maschine mit der United-Airlines-Flugnummer 175, gesteuert von Marwan al-Shehhi, in den Südturm des World Trade Center. Jetzt glaubt niemand mehr an einen Unfall. Als unten vor dem WTC Autos explodieren, bricht Panik aus. Viele denken erst an eine Serie von Autobomben. Doch es sind, das wird schnell klar, die von den brennenden Türmen herabstürzenden Stahlteile, die die Treibstofftanks der Fahrzeuge zum Explodieren bringen.

Als der Südturm in Flammen aufgeht, besucht George W. Bush gerade eine Grundschule in Sarasota, Florida. Kaum hat er seine Begrüßung begonnen, wird er von Stabschef Andrew Card unterbrochen. Aufgeregt flüstert Card dem Präsidenten die Nachricht vom zweiten Anschlag ins Ohr. Bush wird blaß, starrt ins Leere und setzt wie gelähmt sechs Minuten lang sein Besuchsprogramm fort: Der Präsident der Vereinigten Staaten hört Zweitklaßlern beim Lesen zu, lobt sie. Dann erst verliest er eine kurze Erklärung. „Es sind schwere Stunden für Amerika.“

Autoren: Herbert Bauernebel, New York, Piotr Dobrowolski

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