Der Schnitt in Ihre Kasse: Wie Reallöhne und Kaufkraft sinken und die Konjunktur absackt

Das tägliche Leben wird immer teurer. Die Realeinkommen der Österreicher sinken. Der Konsum leidet. Die Konjunktur bricht langsam ein.

Ausgerechnet Zitronen. Autofahrer müssen bei ihren Tankstellenbesuchen noch nie gekannte Summen zahlen und schon oft mehr als einen Hunderter hinlegen. Aber nicht Benzin, sondern Zitronen sind derzeit mit einer Jahres­­teuerung von 49 Prozent die stärksten Preistreiber. Auch bei anderen Artikeln des täglichen Bedarfs ist die Teuerung längst außer Rand und Band. So kosten Nudeln um 41 Prozent und Pflanzenöl um 31 Prozent mehr als vor 12 Monaten. Und es gibt Produkte, die noch stärker steigen, aber nicht im statistischen Warenkorb enthalten sind. So ist zum Beispiel der Großhandelspreis für ein Kilo Vitamin C, das vor einem Jahr erst 1,80 Euro kostete, jetzt auf 22 Euro gestiegen. Eine Ursache, so Helmut Struger, Zentral- und Osteuropachef des weltweit größten Chemie­großhändlers Brenntag, sind die kommenden Olympischen Spiele in Peking: „Um die Luftsituation zu verbessern, hat die chinesische Regierung Tausende Produktionswerke geschlossen, was auch chemische Produkte wie Vitamin C empfindlich verteuert.“

Die letzte offizielle Inflationsrate aus dem Mai von 3,7 Prozent (im Juni wird sie schon bei vier Prozent liegen) entspricht daher nicht wirklich dem Gefühl der Konsumenten. Selbst der Mittelstand spürt, dass er sich weniger leis­ten kann als bisher – tatsächlich sinkt die Kaufkraft nach Berechnungen des WIFO heuer so stark wie zuletzt im Krisenjahr 2001. Klar ist schon jetzt, dass eine heiße Herbstlohnrunde bevorsteht: Die Arbeitnehmer wollen ihre Verluste ausgleichen, die Unternehmer verweisen auf steigende Kosten und die Gefahr einer Lohn-Preis-Spirale. Auch ihre Prognosen für das Wirtschaftswachstum haben die Experten fürs nächste Jahr schon um 0,3 Prozentpunkte zurückgenommen. Das Gefühl, dass die Preise weit schneller steigen als offiziell berechnet, ist keine bloße Einbildung. Tatsächlich ist die spürbare Inflation auch nach Berechnungen von Experten deutlich höher. So kalkulierte die Oesterreichische Nationalbank für den Mai einen Wert von 5,7 Prozent, im April kamen die OeNB-Statis­tiker sogar auf eine „wahrgenommene Inflation“ von 7,1 Prozent. Basis dieser Berechnung sind Umfragedaten unter 2.000 österreichischen Konsumenten. Im Gedächtnis prägen sich nämlich Preissteigerungen für häufig gekaufte Waren und Dienstleistungen deutlich stärker ein als Veränderungen bei Investitionen, die nur alle Jahre getätigt werden: etwa Fernsehgeräte. So wurden zwar Flachbildgeräte übers Jahr um 25 Prozent billiger – aber nur ein kleiner Teil der Konsumenten profitiert.

Der Statistik-Experte Hans Wolfgang Brachinger von der Universität Fribourg hat deshalb einen eigenen Index der wahrgenommenen Inflation (IWI) aus der Häufigkeit des Kaufes errechnet – und da bekommen naturgemäß Produkte wie Erdbeeren (plus 17 Prozent), Emmentaler (plus 19 Prozent) oder Vollmilch (plus 12 Prozent) wesentlich mehr Gewicht als ein Notebook (minus 25 Prozent). Im April lag der IWI bei 11,6 Prozent – mehr als doppelt so hoch wie vor einem Jahr. Zwar wurde der IWI anhand deutscher Daten berechnet, diese dürften aber auch für Österreich aussagekräftig sein. Die Statistik Austria berechnet einen speziellen Mikrowarenkorb für den täg­lichen Einkauf. Bei der letzten Erhebung Ende 2007 erreichte diese Spezial-Inflationsrate immerhin schon 8,3 Prozent. Zum Vergleich: Die offizielle Rate lag damals bei 3,6 Prozent.

Teuerung steigt mit dem Einkommen. Naturgemäß wird es kaum zwei Konsumenten mit exakt gleichem Kaufverhalten geben. Mit zunehmendem Einkommen sinkt der Anteil, der für Lebensmittel ausgegeben wird, während zum Beispiel das Autofahren oder Reisen relativ mehr Geld verschlingt. Bei der Berechnung des Einkommenseffekts auf die individuelle Inflationsrate für FORMAT kam die Arbeiterkammer Wien zu einem überraschenden Ergebnis: Während normalerweise vermutet wird, dass Geringverdiener mit der höchsten Inflationsrate zu kämpfen haben, steigt die individuelle Inflationsrate mit dem Einkommen an. Basis war die Berechnung der wichtigen Posten Ernährung, Wohnen, Energie und Verkehr, die gemeinsam über die Hälfte des Haushaltsbudgets ausmachen.

Autofahren wirkt am stärksten. Wäh­rend eine Familie im unteren Einkommensdrittel unter einer Inflationsrate von 5,3 Prozent zu leiden hat, kommt ein Ehepaar im oberen Einkommensdrittel auf 5,6 Prozent. Josef Zuckerstätter, Wirtschaftswissenschaftler in der AK Wien, führt dieses verblüffende Resultat auf das mit höherem Einkommen zunehmende relative Gewicht des Postens Verkehr zurück, in dem sich die steigenden Treibstoffpreise spürbar niederschlagen. So gibt die Arbeiterfamilie 13 Prozent des Einkommens für Verkehr aus, das gut verdienende Angestelltenpaar 16,8 Prozent. Vermutlich dürfte der Effekt bei echten Topverdienern wieder abnehmen. Wer monatlich über Beträge jenseits von 10.000 Euro verfügen kann, gibt in der Regel nur einen Teil davon aus. Und Kleineinkommen sind nur scheinbar im Vorteil. AK-Experte Zuckerstätter: „Wer jetzt schon nur das Notwendigste kaufen kann, hat kaum Möglichkeiten, die Mehrkosten beim Einkauf durch Einsparungen auszugleichen.“

Kaufkraft sinkt heuer um 0,7 Prozent. Tatsächlich müssen heuer die meisten Arbeitnehmer den Gürtel enger schnallen. Das liegt nicht nur an der Inflation, sondern auch an der kalten Progression, also dem Effekt, dass durch die Teuerung immer mehr Österreicher in höhere Steuertarifstufen gelangen, ohne real besser zu verdienen. Einziger Gewinner ist der Finanzminister. Das Lohnsteueraufkommen stieg von Jänner bis Mai um 633 Millionen Euro, das sind 8,2 Prozent mehr als im Vergleichszeitraum 2007. Beide Faktoren, Inflation und Progres­sion, schlagen sich deutlich in der Entwicklung der Netto-Reallöhne nieder. Während es im Vorjahr noch zu einer mikroskopischen Erhöhung um 0,1 Prozent kam, wird heuer laut Prognosen des WIFO ein Rückgang von 0,7 Prozent erreicht – 2008 wird damit zum schlechtesten Jahr seit dem Konjunktureinbruch im Jahr 2001.

Dieser Einbruch der Kaufkraft ist umso erstaunlicher , als die Lohn- und Gehaltsverhandlungen für das Jahr 2008 auf den ersten Blick mit kräftigen Steigerungen endeten. So erhöhten sich heuer die Tariflöhne für Industrie-Facharbeiter um 4,7 Prozent, selbst ein durchschnittlicher Arbeitnehmer bekommt heuer brutto 3,3 Prozent mehr als im Vorjahr. Allerdings, so WIFO-Forscher Alois Guger, zeigen die Tariflöhne ein zu positives Bild: „Während Pensionisten oft mit relativ hohem Letztgehalt in Pension gehen, müssen sich junge Berufseinsteiger häufig mit sehr niedrigen Summen zufriedengeben. Und ihre Anfangsgehälter steigen auch weniger als in früheren Zeiten, etwa in den Siebzigerjahren, als die Arbeitgeber auf die Kollektivvertragsverhandlungen noch freiwillig etwas drauflegten.“

Gedrückte Kauflaune. Dass die Kundschaft sparen muss, spürt der Handel am deutlichsten. So nimmt der private Konsum deutlich geringer zu als das Wirtschaftswachstum. Schon 2007 stieg der Konsum preisbereinigt nur um 1,4 Prozent, das waren zwei Prozentpunkte weniger als das reale Wirtschaftswachstum. Heuer rechnet das WIFO sogar mit einem Rückgang auf 1,1 Prozent. Laut Daten der Statistik Austria haben die Umsätze des Einzelhandels in den ersten vier Monaten des Jahres im Schnitt real nur um ein Prozent zugelegt. Bei Lebensmitteln war ein Rückgang von 0,9 Prozent zu beobachten, bei Bekleidung und Schuhen sogar einer von 8,5 Prozent. Das deckt sich auch mit Beobachtungen der Experten. So stellt Hannes Mraz, Geschäftsführer der Handelssparte der Bundeswirtschaftskammer, lakonisch fest: „Die Menschen haben einfach weniger Geld im Börsel zum Einkaufen.“ Und das macht sich vor allem bei Produkten bemerkbar, die nicht essenziell sind. Fritz Aichinger, Handelsobmann der Wiener Wirtschaftskammer: „Was über die Grund­bedürfnisse hinausgeht, wird we­niger gekauft.“ Und auch beim Notwendigen wird gespart, wo es geht. So beobachtet Nicole Berkmann, Sprecherin von Spar Österreich, besondere Umsatzsteigerungen bei den Spar-Eigenmarken, die schon 25 Prozent des Sortiments ausmachen. Und Rewe-Österreich-Sprecherin Corinna Tinkler sieht bei Butter, die laut Statistik um 14,4 Prozent teurer wurde, einen Umstieg auf günstigere Alternativen: „Konsumenten greifen verstärkt zu Margarine oder zu Diskontprodukten wie unserer Eigenmarke Clever.“ Die Clever-Produktschiene konnte im ersten Halbjahr gleich um 20 Prozent gegenüber dem Vorjahrszeitraum zulegen.

Autohandel leidet be­sonders. Der Elektrohandel konnte sich über einen Sondereffekt freuen. Cosmos-Chef Thomas Krenn: „Die EURO 2008 hat unser Geschäft zusätzlich angekurbelt. Aber wir merken schon, dass die Ausgabefreudigkeit bei größeren Anschaffungen in der oberen Preislage nicht mehr so ist wie vor einem halben Jahr. Man muss schon mit Investitionshilfen wie Teilzahlungsangeboten und einem aggressiven Marketing nachhelfen.“ Besonders hart getroffen werden alle, die im Bereich Auto ihr Geschäft machen wollen. Burkhard Ernst, Obmann des Wiener Fahrzeughandels: „Fakt ist, dass die hohen Treibstoffpreise die Nutzung von Autos verleiden. In alter Währung kostet jetzt der Liter Diesel über 20 Schilling – das ist der Betrag, den die Grünen vor 20 Jahren gefordert haben.“ Nachdem der Neuwagenabsatz im Vorjahr erstmals seit langem wieder unter 300.000 Autos gefallen ist, rechnet Ernst heuer mit einem weiteren Minus zwischen 2,0 und 2,5 Prozent. Vor allem bei der Mittelklasse gibt es starke Rückgänge. Besonders erschreckend sei die Tatsache, dass in Wien der Anteil der Privatkäufer am Neuwagenmarkt unter 50 Prozent gefallen ist. Autohandelsobmann Ernst sieht nur bedingt Spielraum bei den Preisen: „Bei den Händlerrabatten waren wir schon letztes Jahr am Anschlag. Aber die Hersteller sorgen in immer kürzeren Abständen für Aktionen, da sind der
Fantasie der Marketingabteilungen keine Grenzen gesetzt.“
Alexander Piekniczek, Geschäftsführer der Tankstellenpächter in der Wirtschaftskammer Österreich, stöhnt: „Es kommen einfach weniger Kunden.“ Die geringe Kundenfrequenz wirkt sich auch auf die Umsätze in den Tankstellenshops aus. Insgesamt machen die Tankstellen rund zehn Prozent weniger Umsatz als im Vorjahr. Die hohe Inflation, ein weltweites Problem, drückt nicht nur auf die Stimmung im Handel. Langsam sackt die Konjunk-
tur – auch wegen der Turbulenzen auf den Finanzmärkten – generell ab. Et-
liche Industriesparten berichten bereits von geringeren Auftragseingängen. Die Euphorie der vergangenen drei Jahre ist bei den meisten Wirtschaftskapitänen verflogen. Die nach unten revidierten Wachstumsprognosen stehen den Wünschen nach kräftigen Lohnerhöhungen entgegen.

Harter Poker um höhere Gehälter. Weil im Sommer mit Inflationsraten über vier Prozent gerechnet wird und die Reallöhne sinken, werden die Gewerkschaften besonders aggressiv in die Lohnverhandlungen im Herbst gehen: Sie fordern nicht nur einen Ausgleich der Teuerung, sondern auch einen Prozentsatz zur Abgeltung des Produktivitätszuwachses obendrauf. Das würde einen Abschluss mit mindestens einem Vierer vor dem Komma bedeuten. Um diesem Szenario zu entgehen, schlagen die Arbeitgeber vor, nicht die „normale“ Inflationsrate, sondern die Kern­inflationsrate als Grundlage der Verhandlungen heranzuziehen. Diese beträgt derzeit nur 2,5 Prozent, weil sie die Energiepreise nicht beinhaltet. Davon wollen die Gewerkschafter nichts wissen. Wolfgang Katzian, Chef der Gewerkschaft der Privatangestellten: „Niedrige Lohnrunden würden das Wachstum zusätzlich bremsen, weil dann die Binnennachfrage zusammenbricht.“ Umgekehrt argumentieren die Arbeitgeber wie der Chefverhandler der Metaller, Hermann Haslauer, dass wegen der hohen Rohstoff- und Energiepreise die Margen für die Unternehmen sinken.

Damit es nicht zu den gefürchteten Zweitrundeneffekten und einer Lohn-Preis-Spirale wie in den Siebzigerjahren kommt, mahnt Nationalbank-Gouverneur Klaus Liebscher zu Zurückhaltung bei den Lohnverhandlungen und bei den Preiserhöhungen. Der Wettbewerbsvorteil, den Österreich in den letzten Jahren gewonnen habe, könnte durch eine stark steigende Inflation wieder verloren gehen. WIFO-Experte Markus Marterbauer beruhigt: „Die Gefahr übertriebener Lohnerhöhungen ist in Österreich gering.“ Während im Hinblick auf die Lohnrunden gegensätzliche Positionen aufeinander­treffen, haben die Sozialpartner schon einen gemeinsamen Gegner ausgemacht – den Fiskus. „Es ist absurd, dass wir unseren Mitarbeitern ordentliche Ge-haltserhöhungen geben und die Steuer das oft zunichte macht, sodass nichts davon am Konto der Mitarbeiter ankommt“, kritisiert Arbeitgebervertreter Haslauer. Damit wird die steuerbedingt sinkende Kaufkraft mit Sicherheit zum Wahlkampfthema – frei nach dem Motto: Wer bietet mehr bei der Steuerreform?

Ob in den kommenden Jahren die Kaufkraft wieder steigt, hängt nicht zuletzt von der Entwicklung der Inflation ab. Für 2009 rechnet das WIFO mit einer Beruhigung bei 2,7 Prozent, weil der heurige Anstieg der Lebensmittel- und Energiepreise schon die Basis erhöht. Ein längerfristiger Risikofaktor bleibt dagegen die ausufernde Inflation in den Schwellenländern. So stöhnen selbst EU-Mitglieder wie Lettland heuer unter einer Teuerungsrate von 17,9 Prozent. In Asien, das dank Japan und China mit nur 0,7 Prozent in das neue Millennium startete, erreicht die Inflation nun 7,8 Prozent (siehe Grafiken links). Künftig wird China durch seine Exporte nicht mehr helfen, die Inflation der Industriestaaten zu drücken, so wie in den letzten Jahren.

Außerdem sei, so WIFO-Experte Marterbauer, bei den Rohstoffpreisen zwar mit einer temporären Beruhigung zu rechnen. „Langfristig wird aber wegen der zunehmenden Knappheit der Trend weiter nach oben zeigen.“

Von Waltraud Kaserer, Martin Kwauka, Martina Madner, Nikolai Soukup

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