Der Musik Oscar und der Push-up-Effekt

Zum 50. Mal werden kommenden Sonntag in Los Angeles die Grammys verliehen – ein Aufmerksamkeitsschub für eine Branche, der gar nicht zum Feiern zumute ist.

Für kurze Zeit bedrohte der Streik der Drehbuchautoren das Zustandekommen der Jubiläumsgala – nun ist der Aufmarsch der Stars im „Sta­p­­les Center“ von Los An­geles gesichert. Soul-Lady Alicia Keys, Grammy-Dauergast Justin Timberlake, die ­Stadionrocker Foo Fighters, die Dance-Pop-Diva Rihanna – sie alle sind dabei, wenn am 10. Februar die berühmtesten Musikpreise der Welt zum 50. Mal verliehen werden. Sogar Michael Jackson, so ging das Gerücht, wurde ge­drängt, bei den Grammys ein die Karriere erfrischendes Gesichtsbad zu nehmen.

Die Grammy-Gala ist eine künstliche Lichtquelle, die die anhaltende Winter­depression der Musikindustrie lindern soll. Zumindest in den USA ist die Verleihung einer der wenigen verbliebenen Blockbus­ter-Events im Musikjahr: Etwa 20 Millionen Menschen sahen im Vorjahr die TV-Übertragung auf dem Sender CBS, die Namen und Bilder der Gewinner in den Hauptkategorien zirkulieren nach der Show weltweit in den Medien. Für die kränkelnde Musikindustrie ist dieser Aufmerksamkeitsschub ein kleines Trostpflas­ter – für kurze Zeit wird der Jammer der Branche mit Glamour übertüncht.
In den USA, wo in der Woche nach den Grammys auch eifrig Valentinstags-Ge­schenke gekauft werden, ziehen die Preise auch Verkaufserfolge nach sich: Die Country-Girlgroup Dixie Chicks, die 2007 fünf Preise abräumte, setzte laut dem Magazin „Billboard“ in der Woche nach den Grammys siebenmal so viele Exemplare ihres Albums „Taking the Long Way“ ab wie in der Woche davor; insgesamt reichte es für 103.000 verkaufte CDs und Platz 8 der US-Charts. Nach der Gala 2006 machten Gewinner wie Mariah Careys „Emancipation of Mimi“ und U2s „How to Dismantle an Atomic Bomb“ steile Sprünge in den US-Charts, die Verleihung 2005 brachte Ray-Charles’ „Genius Loves Company“ nach vorne. Die Verkaufsspitzen änderten aber nichts am generellen Abwärtstrend: Selbst in der starken Post-Grammy-Woche 2007 fielen die Albumverkäufe am US-Markt um 10,5 Prozent geringer aus als im Vergleichszeitraum des Vorjahres; 2006 lagen die Verkaufszahlen für Alben nach den Grammys bereits sieben Prozent unter jenen von 2005. Insgesamt verzeichnete der US-Markt im Jahr 2007 bei Album­verkäufen Rückgänge um 15 Prozent, die durch Zuwächse bei digitalen Verkäufen nur leicht abgefedert wurden.

Wenn die Grammy-Welle nach Europa schwappt, hat ihre Kraft meist schon nachgelassen. Andy Zahradnik, bei der Media Control GFK für die Erstellung der heimischen Verkaufscharts verantwortlich, sieht die Grammofon-Preise zwar nach wie vor als „Vorbereitungsspielwiese“ für US-Trends, die mit Verzögerung in Europa mainstream-tauglich werden – Rapper wie Kanye West oder R’n’B-Diven wie Mary J. Blige, bei den Grammys regelmäßig hoch dekoriert, würden durch die Grammys stärker ins europäische Bewusstsein rücken.

„Wenn das Produkt aber unserem ­Kulturkreis nicht auch ein bisschen entspricht, geht nichts“, ist auch Zahradnik überzeugt. Die Dixie Chicks, die nach öffentlich geäußerter Kritik an George W. Bush Boykotte ihrer konservativen Fans erdulden mussten, schafften in der Post-Grammy-Woche 2007 gerade einen Einstieg auf Platz 44 der österreichischen Album-Charts.
Seit jeher war der Grammy auf den US-amerikanischen Markt zugeschnitten – die „Recording Academy“, ein Verband von Künstlern, Produzenten und Technikern, spiegelt zunächst den Zustand des US-Branchen-Establishments. Oft musste sich die Academy ihre konservative Haltung und ihre Trendblindheit vorhalten lassen: Rock’n’Roll wurde in den Anfangsjahren weitgehend ignoriert (Elvis Presley bekam erst 1967 seinen ersten Grammy – in der Kategorie „Gospel“), die Beatles gingen mit Meisterwerken wie „Rubber Soul“ leer aus. Dennoch blieb der „Musik-Oscar“ lange ein relativ verbindlicher Indikator für angesagten Pop. Für Manfred Gillig, Chef­redakteur des deutschen Musik-Branchendienstes Musikwoche.de, hat die Umwälzung der Branche in den vergangenen zehn Jahren die Strahlkraft des Grammy stark gemindert. „Es ist nicht mehr so, dass alles, was in Amerika passiert, automatisch bei uns ankommt“, sagt er.

Viele der 131 Grammy-Kategorien – darunter Exoten wie „Best New Age Album“ oder „Best Tropical Latin Album“ – würden ohnehin nie wahrgenommen, gerade bei E-Musik wäre ein kleiner Push-up-Effekt drin: „Ein Klassiklabel kann durch eine Grammy-Prämierung vielleicht 700 statt 500 Stück verkaufen“, sagt Gillig. In den großen Popkategorien gehe der Grammy-Effekt in Europa aber gegen null, sagt der Branchen-Insider. Das Publikum, das noch Alben kauft, habe die Pophits meist schon im Regal stehen – die Auszeichnung sei oft nur eine posthume Bestätigung des Erfolgs. Die große Ausnahme bleibt Norah Jones: Die Jazz-Pop-Chanteuse war in den USA moderat erfolgreich und außerhalb der Staaten nahezu unbekannt, als ihr Debütalbum „Come Away With Me“ bei der Gala 2003 acht Preise einheimste. In der Woche nach den Awards vervierfachten sich die Verkäufe allein am US-Markt auf 621.000 Stück, die Publicity machte Jones binnen kürzester Zeit zum weltweiten Millionenseller. Dass sich die Überraschung heuer wiederholt, ist unwahrscheinlich.

Die meisten Grammy-Favoriten – Amy Winehouse, Justin Timberlake, Rihanna – haben geerntet, was am Markt zu ernten war. Einzig für die kanadische Sängerin Feist, die als „Best New Artist“ und in drei weiteren Kategorien nominiert ist, könnte ein Grammy-Segen den entscheidenden Kick im US-Business bringen.

Von Michael Huber

Christian Keuschnigg, Professor für Nationalökonomie an der Universität St. Gallen und Leiter des Wirtschaftspolitischen Zentrums in Wien.

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