Der geheimnisvolle Mr. Pynchon

Mit dem voluminösen Roman „Gegen den Tag“ baut der öffentlichkeitsscheue US-Autor Thomas Pynchon seine Aura als abgehobener Zauberer der Literatur weiter aus.

Als die Medien Thomas Pynchon nach der Veröffentlichung seines Romanerstlings „V.“ 1963 als neuen Literaturstar feierten, versteckte sich der Autor gerade in Mexiko-Stadt. Als ein Fotograf des „Time“-Ma­gazins ihn in seiner Wohnung aufspürte, sprang der Autor aus dem Fenster und stieg in einen Bus, der ihn in die Berge brachte. Pynchon lebte weiter im Verborgenen – zehn Jahre später, kurz nachdem sein Werk „Gravity’s Rainbow“ (dt. „Die Enden der Parabel“) auf den Markt gekommen war, zog er sich fast ganz aus der Literaturszene zurück, nur hier und da erschien ein Essay, eine Rezension oder ein Vorwort.

Dicke Brocken. Erst ab 1990 sollte der Autor wieder neue Bücher veröffentlichen – dicke, von fantastischen Ideen, historischen Referenzen und wunderlichen Charakteren überquellende Werke, die in ihrer Komplexität viele Leser verstörten, aber ebenso viele in ihren Bann zogen. Die Scheu vor der Öffentlichkeit ist Pynchon geblieben: Obwohl der in Long Island bei New York geborene Autor am 8. Mai 71 Jahre alt wird, sind nur Fotos von ihm in Umlauf, die ihn während seiner Schul- und Militärzeit zeigen.
Nun lässt Pynchon wieder einen wuchtigen Brocken in das Bild- und Biografie-Vakuum donnern: Am 2. Mai erscheint sein jüngster Roman „Gegen den Tag“ auf Deutsch – ein 1.760 Seiten starkes Werk mit unzähligen Handlungssträngen, Charakteren und Schauplätzen, die sich auf die uns bekannte Welt und einige parallele Realitäten verteilen. In der Leere an Anhaltspunkten thront Pynchon wie ein mächtiger Zauberer über der Szene: Wenn der Brocken eingeschlagen hat, können die Leser nur zaghaft nach oben blicken und sich überlegen, wer sich all das hat einfallen lassen.
„Gegen den Tag“ spannt den Bogen vom späten 19. Jahrhundert bis zum Ende des Ersten Weltkriegs. Der Hauptstrang der Geschichte folgt dem Bergarbeiter und Sprengstoffattentäter Webb Traverse, der im Auftrag eines Kapitalisten umgebracht und von seinen Söhnen gerächt wird. Doch wenn der Roman einen Faden hat, so ist dieser zu einem riesigen Knäuel verstrickt, in dem Prioritäten nur schwer auszumachen sind. Zum Figureninventar in „Gegen den Tag“ gehören unter anderem der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand, der Elektrotechnik-Pionier Nikola Tesla und die Besatzung eines Luftschiffs, die auch in Abenteuerromanen eine Hauptrolle spielt.
„Es ist die Faszination des Schwierigen“, die Leser von Anfang an zu Pynchon zog, schrieb die Kritikerin Liesl Schillinger im „Book Review“ der „New York Times“. „Gegen den Tag“ sei Pynchons „bisher witzigster und vielleicht zugänglichster Ro­man“, urteilte die Rezensentin. Ihre Kollegin Michiko Kakutani widersprach ihr im selben Blatt: Sie fand das Buch „kompliziert, ohne belohnend komplex zu sein.“

Der Mythos lebt. Im Zuge der Nach­beben von Pynchons literarischen Würfen haben Fans und Forscher viele Mythen um seine Person gesponnen: Pynchon sei kein einzelner Autor, sondern ein Pseudonym für eine Gruppe von Schriftstellern, hieß es; er und der ebenfalls zurückgezogen lebende J. D. Salinger („Der Fänger im Roggen“) seien ein und dieselbe Person; Pynchon sei in Wirklichkeit der „Unabomber“. Am meisten Aufschluss über den Mann hinter dem Mysterium geben eine Reihe von Briefen, die Pynchon zwischen 1963 und 1984 an seine Agentin Candida Donadio schickte; diese verkaufte die Briefe an einen Sammler, später gelangten sie in die Pierpont Morgan Library in New York. Ein Reporter der „New York Times“ hatte Einsicht in die Briefe, bevor Pynchon verfügen ließ, dass die Aufzeichnungen erst nach seinem Tod zugänglich sein sollten. In den Briefen zeigte sich Pynchon als teils enorm selbstbewusster, teils unsicherer Mensch. So schrieb er im Jahr 1964, dass er vier Bücher in Arbeit habe, die, sollten sie am Papier nur annähernd so gut werden wie in seiner Vorstellung, zum „literarischen Event des Millenniums“ werden könnten. In einem anderen Brief bezweifelte er seine Fähigkeiten, machte seine Bücher herunter und überlegte, sich anderen Tätigkeiten zu widmen.

Fiktion und Fakten. Den Plan, Mathematik zu studieren, hatte Pynchon einst aufgegeben, seine Begeisterung für exakte Wissenschaft kommt aber immer wieder zum Vorschein: In „Die Enden der Parabel“ beschrieb er die Entwicklung von Raketen durch das deutsche Militär; in „Mason & Dixon“ (1997) folgte er dem Forscher-Duo, das unter anderem die Linie zwischen dem Süden und Norden der USA bestimmte. Fakten waren für Pynchon immer nur ein Anhaltspunkt unter vielen: Auch in „Gegen den Tag“ sind seine Ausführungen teils fundiert, teils fabuliert und verdanken fantastischer Unterhaltungsliteratur ebenso viel wie wissenschaftlichen Traktaten.

Pynchon ist ein Freund der populären Kultur, er liebt das Kino und den Jazz – das lassen seine Bücher erkennen. Berichte von Bekannten haben darüber hinaus dazu beigetragen, dass zumindest ein schemenhaftes Bild des Autors existiert. Mit seiner Agentin und Ehefrau Melanie Jackson, die er 1990 heiratete, lebt Pynchon an der Upper West Side in New York; er geht gern mit dem gemeinsamen Sohn Jackson spazieren, sitzt mit Freunden im Kaffeehaus und scheint, alles in allem, ein ganz normaler Typ zu sein. Manchmal, etwa in Unterstützungserklärungen für Salman Rushdie, meldete sich Pynchon mit Statements zu Wort. Nur wenn Fotografen und Kameraleute ihm folgen, geht er in Deckung. Die letzten Jagden auf ihn liegen aber schon Jahre zurück. Vielleicht finden es heute alle besser, wenn der Zauberer weiter im Hintergrund agiert.

Von Michael Huber

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