Der kranke Mann Europas

Rechtzeitig zu Urlaubsbeginn: FORMAT-Autor Hans Rauscher über Italiens plötzliche Probleme mit Wachstum, Defizit und Wettbewerbsfähigkeit unter einem Premier Berlusconi, der nichts halten konnte, was er versprochen hat.

Auch diesen Sommer werden sich Tausende österreichische Italien-Urlauber wieder sagen: „Das war das letzte Mal.“ So gut ist das Angebot nicht (mehr), wie es teuer geworden ist. Griechenland, die Türkei, das aufstrebende Kroatien bieten dasselbe um weniger Geld. Der Tourismus in Italien ist eindeutig in der Krise, aber das ist nicht die ganze Wahrheit: Die italienische Wirtschaft insgesamt ist in der Krise, und zwar kräftig. Norbert Walter, Chefvolkswirt der Deutschen Bank, erklärte kürzlich bei einem Vortrag vor Raiffeisen in Wien: „Italien wird bald unser aller Mühlstein in Europa sein.“

Die Eckdaten: Italien befindet sich nach zwei Quartalen mit rückläufigem Wirtschaftswachstum auch nach offiziellen Kriterien in der Rezession. Ein drittes negatives Quartal ist zu erwarten. 2005 wird das Budgetdefizit vier Prozent erreichen und damit zum vierten Mal über der Maastricht-Grenze liegen. Der Schuldenstand liegt mit 107 Prozent des BIP „deutlich über dem Referenzwert von 60 Prozent und geht nicht rasch genug zurück“, sagt die EU-Kommission. Ein Defizitverfahren wurde eingeleitet, Italien soll aber bis 2007 Zeit erhalten, sein Budget in Ordnung zu bringen. Das würde harte Einschnitte in Italiens immer noch üppiges (Früh-)Pensionssystem und in die Bezahlung seines öffentlichen Dienstes bedingen, was politisch fast nicht zu machen ist. Aber die Lage ist in Wahrheit noch viel ernster: Italiens Wettbewerbsstärken, die kleineren bis mittleren Industriebetriebe mit ihren begehrten Konsumartikeln werden von der Globalisierung bedroht: Schuhe, Taschen, Textilien, Bekleidung oder auch Möbel werden von den Chinesen billiger und meist genauso gut angeboten.

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