Der Bundeskanzler ist angezählt:
Werner Faymann steht ante portas

Ein Trainerwechsel hilft nach einer Niederlagenserie meist kurzfristig, langfristiger Erfolg ist noch nicht garantiert.

Die Politik kann bisweilen auch sichtbar höchst grausam sein. Als der Bundeskanzler vergangenen Sonntag auf der Ehrentribüne des Happel-Stadions Platz genommen hatte, beobachteten alle politischen Auguren gespannt jede seiner Gesichts­regungen: Wie nimmt er das eben bekannt gewordene Wahl­desaster der Tiroler SPÖ auf, beklatscht er dennoch einen attraktiven Angriff des österreichischen Teams? (Er tat es, den An­lässen entsprechend, selten.) Jubelt er über ein Tor? (Eine Frage, die sich dann nicht stellte.) Oder würde er es umgekehrt zulassen, dass seine eigentliche Stimmung körpersprachlich durchschlägt? (Nur ihm Nahestehende wie der Wiener Bürgermeister, von ihm nur mit einem knappen „Servas“ begrüßt, bemerkten sie.) Alfred Gusenbauers Stimmung muss auf dem Tiefpunkt gewesen sein – weil er wissen musste, dass ab sofort seine Position in Regierung und Partei zur Disposition steht.

Nicht weil Landtagswahlen im „heiligen Land“ für die SPÖ so wichtig wären. Sondern weil das Ausmaß ihrer Verluste – sie verlor in Tirol gegenüber 2003 zwei von fünf Wählern und er­zielte so ihr allerschlechtestes Regionalergebnis seit 1945 – auch bei allen anderen Landeschefs alle Alarmglocken ertönen ließ: Die zweite Schlappe nach Niederösterreich fiel noch größer aus. Und beide waren primär nicht landespolitisch zu erklären, trotz eines popu­lären neuen Konkurrenten wie Fritz Dinkhauser und trotz eines starken „Hausherrn“ wie Erwin Pröll. Die Hauptursache der dramatischen Krise der SPÖ liegt in der schwachen Darbietung ihres Regierungsteams und damit ihres Chefs.

Das derzeit extrem verbreitete Gusenbauer-Ba­shing überrascht, weil es sich gegen einen amtierenden Kanzler richtet. Auch sein Amtsvorgänger war nicht besonders populär – aber nie haben sich gegen Wolfgang Schüssel so viele, auch parteiinterne, Pfeile gerichtet, selbst nach dem Verlust von „Kernländern“ wie der Steiermark oder Salzburg nicht. Umgekehrt zeigen diese Resultate, dass nicht die Person Gusenbauer allein für die schlechten Ergebnisse der SPÖ verantwortlich sein kann. Denn sie hat unter ihm auch Siege gefeiert, freilich in Oppositionszeiten. Als Kanzler hat der erfolgreiche Parteisanierer aber wenig Fortune bewiesen: Er startete schwach, weil er an den teils unrealistischen Versprechen seines Wahlkampfes gemessen wurde. Er hatte dann mit einem Koalitionspartner zu tun, der ihm von Beginn an keinen Erfolg gönnte. Und mit seiner eigenen Partei, die hin- und hergerissen ist zwischen dem subjektiven Anspruch, schwarz-blaue Maßnahmen „sozial“ zu korrigieren, und den objektiven Nöten, im Gesundheits-, Pensions- und Verwaltungsbereich eigentlich selbst große Reformen schaffen zu müssen. Dass dann speziell in den letzten Monaten persönliche Fauxpas dazukamen, brachte das Fass zum Überlaufen: Gusenbauer wurde nicht nur für wirkliche Fehler geprügelt, sondern auch für lächerliche „Vergehen“: Wenn ein Kanzler nicht einmal mehr mit modernen Handys telefonieren kann, ohne hämisch kommentiert zu werden, sich nicht einmal mehr von der Touristen- in die Business-Klasse vorbitten oder selbstverständ­liche Repäsentationstickets für ein heimisches Sportereignis der Sonderklasse in Anspruch nehmen kann, ist seine Autorität futsch. Und damit offenbar auch sein Standing in der SPÖ.

Derzeit wird in der SPÖ die „K“-Frage ähnlich diskutiert wie in der SPD. Nur mit dem Unterschied, dass in Deutschland Parteichef Kurt Beck als Kanzlerkandidat infrage gestellt wird, in Österreich Al­fred Gusenbauer als Kanzler. Die unterschiedlichs­ten Exponenten machen sich für verschiedene Kandi­daten stark, Landeschefs, Gewerkschafter, Ex- und Möchtegernpolitiker. Gemeinsam haben sie ein starkes Argument: Der Imageschaden für den Kanzler scheint irreparabel. Um einen dauerhaften politischen Schaden für seine Partei zu verringern, auf Länder- wie auf Bundesebene, scheint ein Wechsel unabwendbar. Und damit ein solcher für den Regierungspartner keinen Anlass für eine Neuwahl bietet, wird wohl ein höchst „koalitions­bewährter“ Nachfolger kommen: Koalitionskoordinator Werner Faymann, ein extrem cleverer und bestens vernetzter Taktiker. Er kann zumindest persönlich das signalisieren, was politisch nicht eingelöst wurde: einen Neustart. Für Gusenbauer wird all das nicht einfach zu ertragen sein, schließlich schwächelt eine Mannschaft gemeinsam und nicht nur ihr Kapitän. Dem bekennenden Fußballfan wird aber ein altes Gesetz dieses Sports vertraut sein: In einer Niederlagenserie wechselt man den Trainer, um im Team und der Öffentlichkeit eine positivere Stimmung zu erzielen. Meist hilft das zumindest kurzfristig – langfristiger Erfolg ist damit noch nicht garantiert.

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