Das R-Wort geht um. Die US-Wirtschaft könnte einen Dominoeffekt auslösen.

Dramatische Zahlen stehen in den USA auf der Tagesordnung. Die Citigroup, die weltgrößte Bank, meldete Anfang der Woche den höchsten Verlust ihrer Firmengeschichte. Das Mega-Finanzinstitut verbuchte einen Rekordverlust von 9,8 Milliarden Dollar und Abschreibungen in Höhe von 18,1 Milliarden – was Schockwellen durch die internationalen Finanzmärkte jagte. Auch JP Morgan und Merrill Lynch müssen Milliarden abschreiben.

Staatsfonds und Investoren aus Asien und dem arabischen Raum nutzen die Gelegenheit, sich bei den einst so stolzen US-Bankriesen einzukaufen. Insgesamt haben diese für das Jahr 2007 nach einer aktuellen Studie der Deutschen Bank bereits 112 Milliarden Dollar abgeschrieben und für über 51 Milliarden Dollar Anteile an Finanzinvestoren verkauft.
Und das wird noch lange nicht alles sein. Beinahe täglich melden sich Konjunkturexperten zu Wort, die die US-Wirtschaft in eine Rezession schlittern sehen. Die Investmentbank Goldman Sachs und Ex-Notenbankchef Alan Greenspan orten dafür mittlerweile eine über 50-prozentige Wahrscheinlichkeit – „falls Amerika nicht schon längst mittendrin ist“. Auch der prominente Harvard-Ökonom Martin Feldstein schreckt nicht vor der Verwendung des gefürchteten R-Worts zurück und verweist auf den rapiden Anstieg der US-Arbeitslosenrate auf über fünf Prozent. Eklatant ist auch der Rekordanstieg des Ölpreises, der vor kurzem die magische 100-Dollar-Marke übersprang und laut Experten heuer nicht wesentlich sinken dürfte. Feldstein deutet das als sehr schlechtes Zeichen: „Sieben der zehn seit dem Zweiten Weltkrieg entstandenen Rezessionen sind auf einen Anstieg des Ölpreises zurückzuführen.“
Neben den hohen Energiepreisen haben die US-Konsumenten seit Monaten vor allem eine Sorge: Sie können sich ihre Häuser nicht mehr leisten. Viele US-Hausbesitzer haben ihre Immobilien ausschließlich auf Pump gekauft und jetzt nicht genug Geld, die deutlich gestiegenen Kreditzinsen zu zahlen. Ein Teufelskreis: Die Preise für Einfamilienhäuser, über die viele Amerikaner ihre Kredite scheinbar abgesichert haben, sind zuletzt noch stärker in den Keller gerasselt als vor der US-Rezession zu Beginn der 90er-Jahre. Und selbst auf diesem Niveau finden sich nur wenige Käufer.
Der aufs Schuldenmachen aufgebaute Wirtschaftsboom der letzten Jahre bricht wie ein Kartenhaus zusammen. Der Dominoeffekt erfasst immer mehr Branchen. Und der US-Konsument gilt als Schrittmacher für die Weltkonjunktur. Speziell in den USA ist der private Konsum nämlich für 70 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung verantwortlich. Selbst scheinbar geringe Rückgänge des US-Einzelhandels von 0,4 Prozent im Weihnachtsgeschäft wirken da schon bedrohlich.

Die Vertrauenskrise hat alle wichtigen Märkte der Welt erfasst. Geht es nach dem Weltwirtschaftsbericht der Vereinten Nationen, so könnte der Konjunktureinbruch in den USA das Wachstum der Weltwirtschaft stark bremsen: im schlechtesten Fall auf 1,6 Prozent. 2007 lag der Zuwachs noch bei erfreulichen 3,7 Prozent.
Für die europäische Konjunktur schlagen Fachleute trotz der vielen Hiobsbotschaften erstaunlich versöhnliche Töne an. Klaus Liebscher, Gouverneur der Oesterreichischen Nationalbank, prophezeit für die Eurozone heuer ein Wachstum von zwei Prozent: „Die wirtschaftlichen Grunddaten im Euroraum befinden sich noch auf einem gesunden Niveau, wenn auch die Unsicherheit über die weitere Entwicklung und die damit verbundenen Risiken steigen.“
Auch Karl Aiginger, Chef des Wirtschaftsforschungsinstituts (Wifo), ist für Europa optimistisch. Er sieht die Konjunktur des alten Kontinents längst nicht mehr so stark von den USA abhängig: „Früher hatte die Weltwirtschaft nur eine Lokomotive, jetzt hat sie vier oder fünf.“
Dazu gehören beispielsweise die BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien und China) oder die Staaten Osteuropas, deren Wirtschaftskraft mit zunehmendem Maße die schwache US-Entwicklung ausbalancieren kann. „2007 konnte man bereits ablesen, dass die USA nicht mehr alleine der treibende Faktor der Weltwirtschaft waren“, meint RZB-Chefanalyst Peter Brezinschek. Und: „Durch die Vernetzung mit Asien und Osteuropa hat Europa die weltweit größten Wachstumszentren als Partner.“
Mit einem von der UNO prognostizierten Wirtschaftswachstum von 5,4 Prozent liegt etwa Osteuropa gut im Rennen, China ist mit 10,1 Prozent für 2008 Spitzenreiter, gefolgt von Indien (8,2 Prozent) und Russland (6,5 Prozent).

Das Wachstum der Schwellenländer ist auch der Grund dafür , warum sich viele europäische und vor allem österreichische Unternehmen vor den dunklen Wolken jenseits des Atlantiks nicht so sehr schrecken. Beispiel Bauwirtschaft: „Mit Ende 2007 liegt der Auslandsanteil am Gesamtumsatz von Porr bei 35 Prozent und wird sich in den kommenden Jahren weiter zugunsten der renditeträchtigen osteuropäischen Länder verschieben“, sagt Porr-Konzernsprecher Roland Rudel. Auch gegen einen unerwarteten Inflationsanstieg oder Schwankungen im Währungsbereich sieht sich der Bauriese gewappnet.
Hans Peter Haselsteiner, der Strabag-Boss, pflichtet bei: „In vielen unserer Kernmärkte boomt die Bauwirtschaft – wir sehen keine Anzeichen, dass unser Geschäft von den Rezessionssorgen negativ beeinflusst würde.“ Die Auftragsbücher der Strabag seien für heuer voll, durch die geografisch breite Aufstellung „trifft uns der Wachstumsrückgang in einem Markt nicht so stark“, so Haselsteiner.
Keine Sorgen macht sich Harald Sommerer, Chef des Leiterplattenherstellers AT&S, der bereits vor einigen Jahren einen Großteil der Produktion in die wichtigsten Wachstumsmärkte des asiatischen Raums verlagert hat, wo in Dollar gerechnet wird. Ein sinkender Dollar bewirkt damit auch sinkende Produktionskosten.
Gelassen bleibt auch voestalpine-Chef Wolfgang Eder: „Wir erwirtschaften nur sieben Prozent unseres Umsatzes in Nordamerika, und dies großteils vor Ort. Die unmittelbaren Auswirkungen einer US-Rezession wären damit gering.“ Ein stabiler Konjunkturverlauf auf gutem Niveau werde eine entsprechende Ergebnisentwicklung in allen fünf Divisionen des Konzerns bringen. „Die Realwirtschaft in Europa bietet ein völlig anderes Bild als der desolate Kapitalmarkt.“
Der Boss des Mischkonzerns A-Tec, Mirko Kovats, erklärt: „Eine mögliche Rezession in den USA betrifft uns nur psychologisch im Sinne einer schlechten Stimmung, die in die Wirtschaft hereingetragen wird. Bei Energieanlagen-Investitionen sind wir bis ins Jahr 2009 hinein ausgebucht.“ Selbst die Aufträge aus den USA boomen: „Der Ordereingang beträgt ein Vielfaches des Werts, den wir noch vor fünf Jahren erzielt haben.“

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